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Sport und Medien : Mein Hobby ist die Lobby

  • -Aktualisiert am

Guter Freund: Hagen Boßdorf Bild: dpa

Hagen Boßdorf, einer der hochrangigsten Sportjournalisten der ARD, reiste ins Badische, um bei einem Radrennen klassische PR- und Lobbyistenarbeit zu verrichten, während die Kollegen parallel über das Spektakel berichteten. Programmdirektor Struve stört es nicht.

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          Tom Boonen war der große Star des Paarzeitfahrens am vergangenen Wochenende in Bühl. Der belgische Sprintstar belegte mit seinem Partner Sebastien Rosseler zwar nur den zehnten und letzten Platz, bekam aber doch das höchste Antrittsgeld. Ein Mann immerhin, so das Kalkül, der Zuschauer anzieht. Dieses Jahr weniger als sonst, was mit dem Thema „Doping“ zu tun hat, das wie eine nicht weichende Schlechtwetterwolke über dem Radsport hängt.

          Da dachte sich wohl Eugen Rösinger, Radsportveranstalter mit Firmensitz in Monte Carlo und Organisator des „LuK Challenge“ in Bühl: Wenn ich den Boonen hab', dann muß ich woanders sparen. Also ließ er das Rennen für die Zuschauer vor Ort einfach von zwei guten Freunden kommentieren, ohne Honorar. Die Freunde - Eurosport-Radkommentator Karsten Migels und ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf - sagten zu und kamen zum Einheizen als Stadionsprecher. So schildern es zumindest Migels und Boßdorf. Rösinger selbst wollte sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern.

          Verquickung von Geschäft und Journalismus

          Ein bißchen heikel schien Boßdorf die Sache dennoch zu sein, schließlich hat man ihm in den letzten Jahren so manches öffentlich vorgeworfen: seine Stasi-Kontakte; seine zu große Nähe zum Radsport, über den er kritisch berichten sollte, aber es vorzog, sich anzuschmiegen, etwa indem er Jan Ullrich half, seine Autobiographie zu schreiben; oder auch die Verquickung von Geschäft und Journalismus sorgte für Kritik: Boßdorf trat als gut bezahlter Moderator von Veranstaltungen des Radsponsors Telekom auf. Also ließ Boßdorf sich diesmal, so sagt er und so bestätigt es der Sender, die Sache mit Bühl offiziell genehmigen. Offenbar sah auch Programmdirektor Günter Struve kein Problem darin, daß einer der hochrangigsten Sportjournalisten des Senders zu einem Radrennen ins Badische reist, um dort klassische PR- oder Lobbyistenarbeit zu verrichten, während man gleichzeitig von diesem Rennen in der ARD berichtet.

          Boßdorf stellte die Fahrer vor, kommentierte das Rennen, interviewte die Sieger und leitete anschließend sogar noch die Pressekonferenz, bei der dann die verwunderte Frage, was er da eigentlich mache und ob er dafür honoriert werde, gestellt wurde. Gleichzeitig verlegten die Kollegen vom SWR in Bühl die Kabel, um später in der „Sportschau“ nicht nur von dem Rennen berichten zu können, sondern auch eine Debatte zum Thema Doping live zu übertragen. Dabei durfte Werner Franke seine kritischen Worte zum Thema Doping vorbringen, jener Franke, den Boßdorf gemeinsam mit der ARD vor einem halben Jahr fruchtlos verklagt hatte, weil er die Dopingberichterstattung der ARD harsch kritisiert hatte.

          In Bühl jedenfalls ist die Radwelt noch in Ordnung. Der SWR als „Medienpartner“ berichtete nicht nur vom Rennen, sondern trat mit zwei Teams sogar höchstpersönlich beim „Sponsorenrennen“ in die Pedale - immerhin ein zweiter Platz kam dabei heraus. Während das ZDF mittlerweile überlegt, aus der Berichterstattung von der Tour de France auszusteigen, und selbst Boßdorf schon in den „Tagesthemen“ damit drohte, verkündete Eugen Rösinger in Bühl: Alle Verträge seien geschlossen, das Fernsehen und die Sponsoren, in diesem Fall ein und dasselbe, seien auch 2007 wieder dabei.

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