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Sport und Integration : Von Körpern und Köpfen

Anerkennung und Identifikation durch Sport: Kletterwand in Bonn (Foto von 2006) Bild: JOKER

Trennung der Geschlechter, Verhüllungsgebot, Nacktheitstabu: Vor allem für muslimische Mädchen und Frauen ist es schwer, im Sport Anschluss zu finden. Wie kann der Sport seinen Anspruch erfüllen, praktische Integrationsarbeit zu leisten? Ein Türöffner sind Kindergärten und Grundschulen.

          Als die deutsche Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika mit Mesut Özil, Sami Khedira und Jerome Boateng glänzenden Fußball spielte, wurde flugs die Integrationsrepublik Deutschland ausgerufen. Eine hübsche Vorstellung, aber nur eine Illusion. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen die Diskussion in die Realität gelenkt, und nun gibt es einen anderen Konsens: Von links bis rechts herrscht plötzlich Einigkeit, dass die Ergebnisse der Integrationspolitik auf den Prüfstand müssen, ja, dass die Integrationspolitik eines der zentralen Themen sein wird, die über die Zukunft des Landes entscheiden.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Integrationspolitik ist in erster Linie Bildungspolitik, und somit kommt auch der Sport ins Spiel, der sich als Teil des Bildungssystems begreift und das Ziel der Integrationspolitik auf den Punkt bringen will: nämlich Menschen ungeachtet ihrer Herkunft gleichberechtigt in eine soziale und gesellschaftliche Struktur einzugliedern. Das ist ein hehres Ziel, doch kann der Sport dies tatsächlich leisten? Wen erreicht er, wen nicht? Wo stößt er an seine Grenzen?

          Bildungsferne Migrantenschichten, darüber gibt es keinen Zweifel, tun sich besonders schwer mit der Integration. Die Zahlen sind erschreckend: In Deutschland haben 14 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund keinen allgemeinen Schulabschluss, 42,8 Prozent keinen beruflichen Abschluss. Zum Vergleich: Bürger ohne Migrationshintergrund bleiben in Deutschland zu 1,8 Prozent ohne Schulabschluss und zu 19,2 Prozent ohne Berufsabschluss.

          Besonders beliebt: Kampfsportarten (Foto vom Kölner Programm „Integrationsboxen”)

          Der Vereinssport ist für die Integrations- und Sozialpolitik interessant, weil er auch Menschen erreichen kann, die im „normalen“ Bildungs- und Schulsystem entweder gescheitert sind oder sich ihm dauerhaft verweigern. Die Integration von Köpfen beginnt im Sport mit der Integration von Körpern. Sport vermittelt Werte, „und Sport bietet auch Gelegenheit zur wechselseitigen Anerkennung Einheimischer und Zugewanderter“, wie die Bielefelder Sportwissenschaftlerin Professor Christa Kleindienst-Cachay sagt. „Solche Erfahrungen können die Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft erheblich verbessern.“

          Es gibt viele Beispiele für die integrative Kraft des Sports in den 500 Stützpunktvereinen des Projekts „Integration durch Sport“, das der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) quer durch die Republik betreibt. 1200 Übungsleiter sind in das Projekt eingebunden, 2000 integrative Sportgruppen und 40.000 Teilnehmer, davon die Hälfte mit Migrationshintergrund.

          Einer dieser Vorzeigevereine ist der hessische Kampfsportverein Lotus Eppertshausen. Dessen Gründer Erko Kalac, den es 1998 als Bürgerkriegsflüchtling aus Montenegro nach Hessen verschlug, ist Karate- und Kickboxtrainer, in seinem Verein trainieren 700 Sportler, davon 500 Kinder, viele mit Migrationshintergrund. Kalac, der Integrationsbotschafter des DOSB ist, hat ein komplexes pädagogisches Konzept erarbeitet.

          Es geht ihm um Sport, um Training, aber auch um die Vermittlung von Werten mit Hilfe des Sports: Disziplin, Respekt, Gemeinschaft. Und es geht Kalac um Ziele: die erste Gürtelprüfung, die zweite, die erste Bezirksmeisterschaft und so fort. Kalacs Meisterschüler ist der 26 Jahre alte türkischstämmige Hüseyin Imam, der mit der Karriere eines jugendlichen Intensivtäters zu ihm kam, und den er zum Kickbox-Europameister machte - und zu einem anderen Menschen. „Sport“, sagt Kalac, „ist Integrationsweltmeister.“

          Der Sport vermittelt Werte wie Disziplin und Respekt

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