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Ali gegen Frazier : Der Kampf

Ausgetanzt: Diesen linken Haken Fraziers macht Ali mit sicherem Auge und schnellen Beinen zur Luftnummer Bild: © Bettmann/CORBIS

Die Bilder des existentiellen Duells zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali am 8. März 1971 im New Yorker Madison Square Garden gehören zur kollektiven Erinnerung einer Epoche. Das frühe globale Ereignis hat eine Generation geprägt.

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          Es war ein Ereignis, das für die meisten Menschen unendlich weit weg lag. Und ihnen doch ganz nahe kam. Diesen fernen Fight mitzuerleben, sei es in der Nacht am Fernseher, sei es am Morgen danach in den Schilderungen von Kollegen oder Schulfreunden, das hatte einen prickelnden Reiz, für den man noch kein Wort hatte, aber schon ein Gespür. Der „Kampf des Jahrhunderts“ zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali am 8. März 1971 im New Yorker Madison Square Garden bot vor 40 Jahren etwas so Epochales, dass ihm Abermillionen ihren Schlaf vor einem normalen Arbeits- oder Schul-Dienstag opferten. Aus Perspektive und Vokabular eines anderen Jahrhunderts, des 21., könnte man sagen: Das war sie vielleicht schon, die Globalisierung - nicht die Globalisierung der Produktion von Gütern, aber von Erlebnissen.

          So wie die meisten Menschen nach Jahrzehnten noch wissen, wo sie waren, als sie vom Tod Kennedys erfuhren oder vom Fall der Mauer, kommt unter allen Sportereignissen der „Fight of the Century“ dieser Art von Prägung, von Gedächtnisbildung am nächsten. Das erregende Erlebnis spaltet viele aus der Generation um die fünfzig Jahre, mit denen man heute darüber redet, in zwei Lager: jene, die damals in der Nacht zugucken durften, und die anderen, die dieses Privileg nicht hatten. Und sich das im Traum Verpasste später schildern lassen mussten - ein Boxkampf als erzählte Geschichte.

          Cool wie die Sonnenbrillen und Afro-Looks am Ring

          Auch an einem ganz normalen Gymnasium in Westdeutschland teilte sich in der ersten großen Pause am Morgen danach das Feld der Quintaner in zwei Gruppen auf: jene, die mit gerade elf Jahren schon hatten zusehen dürfen (oder wenigstens so taten) - und in die anderen, die sie in der Ecke des Schulhofs umringten und um Details des Geschehens bettelten, Erlebtes und Gesehenes aus dem Munde der Dabeigewesenen. Die wirkten irgendwie angeberisch, aber auch beneidenswert. Auch dafür gab es ein besseres Wort, das man erst später lernte: cool.

          Ein bisschen Barock, ein bisschen Hollywood, ein bisschen Größenwahn: das offizielle Poster

          Cool wie die Sonnenbrillen und Afro-Looks am Ring, die Pelzmäntel und im Blitzlicht blinkenden Stargebisse, die Machos und Models, all die illustren Typen, die man noch einen Tag später auf den Fotos in der Lokalzeitung sah. Boxen war cool. Schwergewicht war das Größte. Weltmeister aller Klassen, mehr ging nicht.

          Es war pures Hollywood - und zugleich pures Boxen

          Nie wieder ist so viel an Erregungspotential in einem einzigen sportlichen Wettkampf zusammengekommen. Einem, der nicht mal eine Stunde dauerte. Es war pures Hollywood. Und zugleich pures Boxen, reinster Existentialismus, als Faustkampf begriffen. Es war der Vorläufer des Pay-TV, des heutigen Bezahlfernsehens, mit Übertragungen vor 1,5 Millionen Zuschauern in vollbesetzten Kinos in Nordamerika - und dennoch ein Ereignis von größtmöglicher Öffentlichkeit.

          Und nicht zuletzt war es das vielleicht erste Weltereignis des schwarzen Establishments, das sich in dieser Nacht auf der Weltbühne am Ring zeigte. Es stammte zu diesem frühen Zeitpunkt der schwarzen Emanzipation noch vor allem aus der Musik (mit Jazzlegenden wie Duke Ellington und Miles Davis) und natürlich dem Boxen. Aus solchen Metiers also, in denen der einzelne sich mit seiner eigenen Schlag- oder Schöpferkraft nach oben arbeiten konnte, filterlos nachvollziehbar für jeden Zuschauer oder Zuhörer; in denen ein schwarzer Amerikaner auf dem Weg zu Beachtung und Erfolg also nicht den langen Marsch durch die restriktiven Strukturen und Instanzen seines Landes brauchte, wie sie in der Filmbranche existierten (wo es bis zu den ersten schwarzen Superstars in Hollywood noch fast zwei Jahrzehnte brauchte) oder gar in der Politik, fast vierzig Jahre vor Obama.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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