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Sport im Fernsehen : Privat. Fern. Sehen.

Privat kompatible Sportart Formel 1: Viele Werbeunterbrechungen möglich Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Vierteljahrhundert Kommerzfernsehen - wie ist das dem Sport bekommen? Innovativ geht das TV mit dem Sport nur dort um, wo es sich bei ihm für die Show bedienen kann. Eine irritierende Bilderschau von 1984 bis heute.

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          Stellen wir uns einen Schiffbrüchigen vor, der im Jahr null auf einer einsamen Insel landete. Und der seine Sehgewohnheiten dort konservierte. Es war eine biedere Fernsehwelt, die er verließ. Das Aufregendste boten noch neue Serien wie „Magnum“ oder „Monaco Franze“. Oder der erste „Musikantenstadl“. Sport lief in Sportschau und Sportstudio und erlebte sonst ein ziemlich düsteres Jahr: Olympische Boykottspiele und eine Fußball-EM mit der schlechtesten Leistung, die eine deutsche Elf je bot.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das war 1984, das Jahr null einer neuen Zeitrechnung: des Sports in Zeiten des Privatfernsehens. Schon am 25. März, wenige Wochen nach Sendebeginn, lief das erste Formel-1-Rennen in RTL. Ein Vierteljahrhundert Kommerzfernsehen - wie ist das dem Sport bekommen? Der Schiffbrüchige, nach 25 Jahren zurückgekehrt in die Zivilisation, müsste sich wundern - weil er als Sportfreund kaum merken wird, dass es so etwas wie Privatfernsehen je gab.

          Dafür wird ihm das öffentlich-rechtliche Programm seltsam sportlich vorkommen. Ein typischer Samstag etwa im letzten Winter sah so aus, dass er praktisch die komplette Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in ARD oder ZDF mit Live-Übertragungen von Wintersport totschlagen konnte, um dann um sechs zur „Sportschau“ zu wechseln, ehe ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit im späteren Abendprogramm noch ein Boxkampf serviert wurde.

          Sport konsequent als Show betrieben: Deutscher Eisfußballpokal auf Pro7

          Nur im „Sportfernsehen“ läuft kaum Sport

          Wenn unser Robinson Crusoe zwischendurch mal Sport auch im Privaten sehen will, muss er das „Deutsche Sportfernsehen“ einschalten - und überrascht feststellen, dass dessen Programm zum größten Teil aus Poker, Quiz, Dauerwerbesendungen besteht. Und aus sogenannten „Sport Clips“, bei denen sich junge Damen entkleiden. Der Sportbezug dabei: etwa ein abgelegtes Tennisröckchen oder ein Fitnessgerät im Hintergrund. Anders gesagt: Man könnte heute glauben, der Sport habe den Privaten die kalte Schulter gezeigt. Oder umgekehrt. Das Gegenteil ist richtig.

          Besonders RTL hatte von Beginn an eine Nase für privat kompatible Sportarten: neben Formel 1 vor allem Tennis, dann Boxen, beides dank der vielen Pausen für Werbespots. Während im Tennis die Zahl der Highlights und der Helden übersichtlich bleiben musste - Graf, Becker, Stich -, ließ sich im Boxen auch nach dem Verbrauch von Stars wie Maske und Rocchigiani (deren Duell die Höchstmarke von 17 Millionen Zuschauern erreichte) die Zahl der Champions dank des Reservoirs an Verbänden, Gewichtsklassen und Titeln fast beliebig strecken. Aber auch das überließ man irgendwann den Öffentlich-Rechtlichen, nur die Formel 1 nicht, obwohl diese mangels Pausen im Wettkampf nicht prädestiniert war für die Privat-Karriere. Doch hatte man einen Schumacher. Und die Renn-Dramaturgie wurde so verlässlich, dass während Werbeunterbrechungen praktisch nie etwas passiert, das man nicht verpassen sollte.

          Fernsehen verändert Fußball wie Reichtum den Charakter

          Nur der Fußball blieb ein Problemkind der Privaten. Der populärste Sport der Welt ist der falsche fürs Kommerzfernsehen - mangels natürlicher Werbepausen. Die Vision von Alfred Behrens, der in „Die Fernsehliga“ 1974 einen Zukunftsfußball mit durchgeplanter Dramaturgie, vorab gefilmten Höhepunkten und eingebauten Werbepausen entwarf, war auch den Fernsehmachern der neuen Zeit zu kühn. Anders als die durch Werbung zerstückelten amerikanischen Spiele Football, Baseball, Basketball wahrte der Fußball sein uraltes Zeitgefühl, seine integre Form. Versuche mit Auszeiten oder anderen Unterbrechungen konnten sich nie durchsetzen.

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