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Spektakel für Boxer Schwarz : „Ich werde den Kampf meines Lebens machen“

  • -Aktualisiert am

Verspricht, alles zu geben: Tom Schwarz vor dem Duell mit Tyson Fury Bild: dpa

Es geht nach Las Vegas. Und es geht gegen den bislang noch unbesiegten Superstar Tyson Fury. Doch ganz ohne Hoffnung ist Box-Profi Tom Schwarz vor dem Duell in der Glitzermetropole nicht.

          „Wir sehen uns in Las Vegas“: Diesen Satz hat Tom Schwarz vor seiner Abreise häufiger gehört, wenn er auf den Straßen Magdeburgs erkannt und in einen Plausch verwickelt wurde. Es hat ihm signalisiert, dass er auch bei seinem 26. Einsatz als Berufsboxer den einen oder anderen Fan in seinem Rücken haben wird. „Darauf freue ich mich besonders“, lässt er ausrichten, um gleich noch eine Gegenleistung zu versprechen: „Werde dann für alle vor Ort und natürlich in Deutschland den Kampf meines Lebens machen!“

          Den braucht es auch, will das 1,97 Meter große Schwergewicht in der Nacht von diesem Samstag auf Sonntag (4.00 Uhr MESZ) im MGM Grand Garden gegen den neun Zentimeter größeren, bisher unbesiegten Tyson Fury bestehen. Das ist jener exzentrische Nachkomme irischer Traveller aus Manchester, der vor dreieinhalb Jahren Wladimir Klitschko auspunktete und zuletzt dem WBC-Champion Deontay Wilder ein hochverdientes Remis abtrotzte. Ein Weltklasse-Mann also, gegen den sich Schwarz’ Lorbeeren bescheiden ausnehmen. Was zählt im Mekka des Showsports schon sein Titel eines „International Champion“ der WBO?

          Wie immer der Vergleich zwischen der Nummer 56 (Schwarz) und der Nummer 4 der Computer-Rangliste auch ausgeht, so markiert er etwas wie eine neue Tendenz: Deutsche Profiboxer und -boxerinnen sammeln wieder Flugmeilen, um auf höchster Ebene zu reüssieren. In Übersee steigen jene lukrativen Kämpfe, die in Deutschland derzeit kaum zu stemmen sind. Denn die TV-Sender und Streamingdienste, die woanders Millionenbeträge investieren, halten sich auf dem deutschen Markt weiterhin zurück.

          Nicht gerade auf Augenhöhe: Der deutsche Boxer Tom Schwarz (rechts) ist im Kampf gegen Tyson Fury (links) in Las Vegas nicht favorisiert.

          Der Halbschwergewichtler Adam Deines flog kürzlich nach Macao, um am 1. Juni in einem Luxus-Hotelresort gegen den Chinesen Fanlong Meng zu boxen. Er verlor den „Eliminator“ um das WM-Herausforderungsrecht einstimmig nach Punkten. Zwei Wochen zuvor stieg der Deutsch-Albaner Shefat Isufi in einem Fußballstadion im englischen Ort Stevenage in den Ring, für einen Kampf um den vakanten WM-Titel der WBO im Supermittelgewicht gegen Billy Joe Saunders. Er verlor einstimmig nach Punkten. Mitte April schlug die Dortmunderin Christina Hammer in Atlantic City auf, wo sie in einem Mittelgewichtsduell um vier WM-Gürtel gegen die hochgehandelte Amerikanerin Clarrisa Shields antrat. Sie verlor einstimmig nach Punkten.

          Am gleichen Abend – sowie im gleichen Limit – betrat der Darmstädter Jack Culcay in Minneapolis den Ring. Der Hoffnungsträger des Agon-Boxstalls verlor den WM-Eliminator gegen den Ukrainer Serhij Derewjantschenko einstimmig nach Punkten. Vier Kämpfe im Ausland, vier Niederlagen: nicht gerade eine ermutigende Bilanz. Da bleibt den Aktiven bestenfalls der Trost, eine halbwegs stattliche Börse mitgenommen zu haben – und eine sportliche Erfahrung auf oberstem Niveau. „Durch solche Kämpfe wird man stärker“, sagte etwa Adam Deines beim Videogruß aus Macao. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere sprach Culcay an, der sich in Minneapolis von den Punktrichtern benachteiligt fühlte: „In den USA musst du den Gegner mindestens einmal zu Boden bringen, wenn du gewinnen willst.“

          Nichts sei so wertvoll wie ein Ring-Abenteuer jenseits der Heimat, hatte der Ozeanfahrer Max Schmeling gern betont. Gleichzeitig ist aber auch nichts so unvorhersehbar, was den Ausgang betrifft. Das hat schon Axel Schulz erleben dürfen, als er vor 23 Jahren beim WM-Kampf gegen Box-Oldie George Foreman von den Offiziellen verschaukelt wurde, und das steckt auch in diesen Tagen bereits im Handgepäck.

          Weil die stille Protektion in dieser Branche wie ein Wasserzeichen eingewirkt ist: Im Zweifel geht die enge Runde an den „Home Fighter“, also den Günstling des Veranstalters. Damals konnte ein potenter Privatsender absichern, dass Schulz alle weiteren Titelanläufe in Deutschland bestritt. So gab es auch keine Probleme mit dem Zeitunterschied. Inzwischen sind hiesige Veranstalter beim Bemühen um Leuchtturmprojekte in aller Regel auf sich allein gestellt. In diesem Sinne ist die neue Reiselust ihrer Aktiven eine akute Mangelerscheinung. Sie zeigt an, dass sich das Profiboxen hierzulande weiter in einer Talsohle befindet – und dringend neue Partner braucht, um wieder herauszufinden.

          Ein bisschen Fernsehen ist aber immer noch. Etwa beim Magdeburger Unternehmen SES Boxing, wo auch Tom Schwarz unter Vertrag steht. Das weiß seit 2015 zu besonderen Terminen den MDR auf seiner Seite. Der Sender wird den Hauptkampf in Las Vegas in seine „Große Boxnacht“ integrieren. Das ist kein Millionendeal, aber immerhin eine Rückversicherung, weil sich Sponsoren auf diese Weise leichter einfangen lassen. Strategische Partner, die auf bessere Zeiten spekulieren – und vielleicht auch auf Tom Schwarz.

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