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Speerwerfer Johannes Vetter : Wann kommt der hundert-Meter-Wurf?

Ein Bär von Mann: Johannes Vetter hat den hundert-Meter-Wurf im Arm Bild: AFP

Es hat nicht viel gefehlt, dann hätte Johannes Vetter „dreistellig“ geworfen. Doch auch so glänzt er mit dem zweitweitesten Speerwurf der Geschichte. Was ist an diesem Dienstag in Dessau von ihm zu erwarten?

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          Darin sind sich Athlet und Trainer einig: Hätte Johannes Vetter in Chorzów ähnliche Bedingungen gehabt wie der Tscheche Jan Železný im Mai 1996 in Jena, als er den Weltrekord im Speerwerfen auf seitdem unerreichte 98,48 Meter verbesserte, wenn am Sonntagabend in Schlesien Rückenwind den Flug des Speers unterstützt hätte, wäre dieser, sagt Vetter, „sicherlich dreistellig geflogen“.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Bundestrainer Boris Obergföll, vor 24 Jahren mit im Wettbewerb und Augenzeuge des spektakulären Wurfs bei starkem Wind, sagt es so: „Wenn Johannes seinen Wurf vom Sonntag damals in Jena gemacht hätte, stünde der Weltrekord heute bei mehr als hundert Meter.“ Doch Vetter, 1,88 Meter lang und von Muskeln strotzend, Weltmeister von London 2017 und vor wenigen Wochen in Braunschweig zum zweiten Mal deutscher Meister geworden, war an jenem 25. Mai 1996 gerade drei Jahre alt.

          „Weltrekord für geschlossene Stadien“

          Nun also, am Sonntag in Polen, schleuderte er den Speer auf 97,76 Meter. So nah ist, obwohl der Wettbewerb geschützt vom Wind zwischen Tribünen stattfand, in all den Jahren niemand dem Weltrekord von Železný gekommen. „Für mich ist das Weltrekord für geschlossene Stadien“, sagt Obergföll, bei dem Vetter in Offenburg am Oberrhein seit sechs Jahren trainiert. Doch leider gibt es diese Wertung nicht wirklich.

          „Man spürt es im Körper, wenn man einen guten Wurf erwischt“, antwortete Vetter auf die Frage, warum er schon jubelte, bevor der Speer sich am anderen Ende des Stadions in den Rasen bohrte. Wie üblich hatte er sich mit seinem kraftvollen Wurf selbst von den Beinen gerissen, war aufgesprungen und hatte brüllend dem Speer nachgeblickt. „Dieser Wurf war wirklich nahe an einem perfekten Moment“, fand er. Gleichwohl sehe er noch viel Raum für Verbesserungen. Der Sieg in Chorzów ist der siebte Vetters in diesem Sommer; an diesem Dienstag wird er beim Anhalt-Meeting in Dessau erwartet, am Sonntag beim Istaf in Berlin.

          Stolz auf seine Leistung: Johannes Vetter freut sich über seinen historischen Wurf.
          Stolz auf seine Leistung: Johannes Vetter freut sich über seinen historischen Wurf. : Bild: AFP

          Fünf Mal hat er in diesem Jahr neunzig Meter übertroffen, zehn Mal in seiner Karriere. Kaum jemand spricht von den fehlenden 72 Zentimetern zum Weltrekord, Thema sind die erreichbar scheinenden hundert Meter. Ein einziger Speerwerfer hat sie je übertroffen: Uwe Hohn aus Potsdam.

          Als er 1984 im Jahn-Stadion des damaligen Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, 104,80 Meter erreichte, führte der Weltverband einen neuen Speer mit nach vorn verlegtem Schwerpunkt ein; die Flugkurve sollte kürzer werden. Seitdem hilft beim Speerwerfen nicht mehr Gegenwind, sondern Rückenwind. Das Stadion in Dessau ist im Übrigen ein offenes.

          Zur Technik von 2017 zurück

          „Über die hundert Meter haben wir auch vor drei Jahren gesprochen, als Thomas Röhler 93,90 Meter geworfen hat“, sagt Obergföll. „Aber selbst neunzig Meter wirft man nicht jeden Tag. Sie sind eine unglaubliche Leistung. Dafür muss einfach alles passen: Form, Bedingungen, Belag. Vielleicht kommt für einen Speerwerfer so etwas nur alle zwei bis drei Jahre zusammen. Dann muss er sehen, dass er im richtigen Stadion ist.“

          Nicht nur an den passenden Ort, auch in die richtige Zeit musste Vetter reisen, um alte Stärke zurückzuerlangen. „Wir gehen zur Technik von 2017 zurück, als Jojo relativ konstant 90 Meter warf“, entschied Obergföll, als im April die Olympischen Spiele verschoben und zunächst alle Wettbewerbe abgeblasen waren. „Es bringt gar nichts, wenn du stark bist wie ein Pferd, aber deine Technik schlecht ist.“ Auch wenn sie sich nicht immer einig waren und es, wie sie sagen, zu Reibereien kam: Athlet und Trainer nutzten die Zeit für profunde Arbeit am Bewegungsablauf.

          Es ging darum, einen Schlenker zu eliminieren, den Vetter sich angewöhnt hatte, als er 2018 am Fuß verletzt war und sich bemühte, den Schmerz gering zu halten. Die Ausweichbewegung wurde zur Gewohnheit, und als die Fußverletzung kuriert war, führte sie in der komplexen Maschinerie des Speerwurfs zu einer Ellbogenverletzung. Nun ist Vetter mit 28 technisch wieder dort, wo er mit 25 Jahren schon einmal war: an der Spitze Europas und der Welt.

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