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Spanien-Rundfahrt : Von Wunden und Wundern

  • -Aktualisiert am

König von Spanien: Alberto Contador Bild: dpa

Vor der letzten Etappe der Vuelta steht Alberto Contador kurz vor dem Gesamtsieg. Mit Christopher Froome lieferte er sich das heiße Duell, das man in Frankreich vermisst hat. Beide haben sich erstaunlich schnell von ihren Verletzungen erholt.

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          Die Chefs der Amaury Sports Organisation können sich bequem zurücklehnen. Zu Beginn dieses Jahres hatten die Organisatoren der Tour de France auch die restlichen 51 Prozent der Anteile am Vuelta-Ausrichter Unipublic erworben. Ein Investment, das sich bezahlt macht. Denn ausgerechnet beim Ableger Vuelta findet das Duell statt, das für die Hauptplattform Tour geplant war, wegen Sturzverletzungen der Protagonisten aber ausfallen musste: Das Aufeinandertreffen der Tour-Sieger Alberto Contador und Chris Froome. Beide eigentlich stark gehandicapt durch die Folgen ihrer Verletzungen: der Spanier durch einen Schienbeinbruch, der Brite wegen eines Bruchs von Hand und Handgelenk. Aber davon ist in Spanien nichts zu merken.

          Für Vuelta-Direktor Javier Guillén ist das ein Riesenglück. Der größte der einheimischen Stars kämpft bei seinem Rennen gegen den Rundfahrtdominator von 2013. „Das ist die beste Besetzung aller Zeiten und auch das hochkarätigste Peloton der drei Rundfahrten dieses Jahres“, frohlockte er. Zwar musste er den Ausfall des angehenden Rundfahrt-Stars Nairo Quintana verkraften. Der Kolumbianer stürzte als Gesamtführender im Zeitfahren und gab später auf. Aber der packende Zweikampf zwischen Contador und Froome tröstet über diesen Verlust hinweg.

          „Ich bin kein Arzt“

          Das Duell begann mit Vorteilen für Contador - und es wird wohl auch mit dem großen Coup für ihn enden. Am Samstag enteilte der Spanier auf der Bergetappe seinem Kontrahenten und geht mit großem Vorsprung in das letzte Einzelzeitfahren an diesem Sonntag.

          Schon auf der neunten Etappe, beim Anstieg nach Valdelinares, enteilte der Spanier der Konkurrenz mit so mächtigem Tritt, als läge sein Schienbeinbruch bei der Tour nicht eineinhalb Monate, sondern eineinhalb Jahre zurück. Diese Demonstration sorgte für manch ungläubigen Blick im Peloton. „Ich bin kein Arzt, ich habe sein Röntgenbild nicht gesehen. Ich weiß auch nicht, wie lange es dauert, bis ein Schienbein wieder zusammenwächst. Aber vielleicht hat er es sich auch gar nicht gebrochen“, mutmaßte der vierfache Etappensieger John Degenkolb gegenüber der F.A.Z. Für diese These spräche, dass es für gewöhnlich sechs Wochen dauert, ehe ein solcher Bruch so weit zusammengewachsen ist, dass man das Bein wieder belasten kann.

          Muss sich wohl geschlagen geben: Christopher Froome
          Muss sich wohl geschlagen geben: Christopher Froome : Bild: dpa

          Und hatte nicht Contadors Sprecher kurz vor dem Vuelta-Start die Teilnahme des zweimaligen Gesamtsiegers noch kategorisch ausgeschlossen? Obwohl Contador ja bereits zwei Wochen nach seinem Sturz von Radamateuren beobachtet worden sein soll, wie er die Berge in der Nähe seines Wohnorts Lugano hinaufjagte. Warum aber hat der Spanier seinen ersten Trainingstag dann erst für drei Wochen nach dem Sturz angekündigt? Da bleiben einige Fragen offen. Auch für Degenkolb. Ganz sicher ist sich der in Frankfurt lebende gebürtige Thüringer nur in einer Sache: „Die Teilnahme der Top-Favoriten der Tour führt hier bei der Vuelta zu einem deutlich höheren Grundlevel.“ Das hat er am eigenen Leib erfahren. Bei der Bergetappe nach La Farrapona am Montag hatte der Träger des Punktetrikots gar Schwierigkeiten, die Karenzzeit zu schaffen, so heftig traten die Spitzenfahrer in die Pedale. „Wir mussten um unser Leben kämpfen und kamen gerade einmal 40 Sekunden vor Ablauf der Frist ins Ziel“, erzählte Degenkolb.

          Eine gute halbe Stunde vor ihm versuchte Froome mit einer entschlossenen Attacke, seinen Rückstand im Gesamtklassement zu reduzieren. Der Brite hängte auch die vor ihm plazierten Spanier Alejandro Valverde und Joaquim Rodríguez ab. Nur Contador vermochte ihm zu folgen. Und kurz vor dem Teufelslappen, der den letzten Kilometer anzeigt, schoss der Spanier nach vorn und nahm dem enttäuschten Sky-Profi weitere 15 Sekunden ab. „Es lief perfekt für uns. Wir hatten geplant, dass Alberto an Froomes Hinterrad bleiben und dann attackieren soll“, konstatierte Rennstall-Chef Bjarne Riis. In der dritten Saison nach seiner Doping-Sperre ist Contador von seinem Leistungsniveau wieder dort, wo er vorher war: Er kann Rennen von der Spitze kontrollieren, die anderen die Arbeit machen lassen und deren Attacken als Startrampen für eigene Beschleunigungsversuche nutzen.

          Das „Wunder der heiligen Dreifaltigkeit“

          In Froome allerdings ist ihm ein echter Rivale erwachsen. Der Brite kämpfte am Donnerstag sogar um Bonussekunden bei der Sprintwertung. Und er setzte sich am Monte Castrove sogar einmal von Contador ab. Inklusive Bonussekunden machte er 20 Sekunden gut und schob sich auf Platz zwei. „Die Vuelta ist noch lange nicht entschieden“, sagte er trotzig. Für diesen Samstag, beim Anstieg hinauf zum 1655 Meter hohen Ouerto de Ancares mit seinen bis zu 18 Prozent steilen Rampen, hat er neue Attacken angekündigt.

          Dass Froome und Contador trotz ihrer Verletzungen bei der Tour auf diesem Niveau die Vuelta bestreiten, erklärt man bei ihren Rennställen Sky und Tinkoff mit deren „exzellentem Ausgangsniveau“ eben im Juli. Detailliertere Erklärungen zu den Heilungswundern gibt es aber nicht. Außer vielleicht, dass Contador seine Ärzte wegen ihrer avantgardistischen Therapiemethoden lobt. Sogar der Tageszeitung „El País“ ging die Genesung der Helden etwas schnell. Sie konstatierte das „Wunder der Heiligen Dreifaltigkeit“. Archäologen-Praxis ist: Wenn es keine andere Erklärungen gibt, greife man auf religiöse oder rituelle Praktiken zurück. Der Radsport hat neue Wunder. Passend dazu ist das Rundfahrtziel: Santiago de Compostela.

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