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Turn-WM in Stuttgart : Mehr als nur sportliche Reife

  • -Aktualisiert am

Springt ein für die Rivalin Sophie Scheder: Pauline Schäfer Bild: dpa

Sophie Scheder und Pauline Schäfer trainieren beide in Chemnitz und sind Rivalinnen. Das birgt eine gewisse Brisanz. Bei der WM in Stuttgart aber stellen sich die Turnerinnen ganz in den Dienst der Gruppe.

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          Was sich im deutschen Frauenturnen zuletzt zugetragen hat, birgt durchaus Stoff für einen Film, deren vorläufiger szenischer Höhepunkt die Balkenübung von Pauline Schäfer beim Qualifikationswettkampf der Weltmeisterschaft in Stuttgart am Freitag war. Nach einem souveränen Beginn gelingt vor heimischem Publikum ihr eigenes, faszinierendes Element, der Schäfer-Salto. Gleich beim nächsten Element verliert sie fast das Gleichgewicht, rettet sich und muss kurz darauf doch das Gerät verlassen. Während des einzigen Auftritts von Schäfer hatte Sophie Scheder sie aus wenigen Metern Entfernung angefeuert. Jene Turnerin, die bei der Vorstellung der Deutschen noch auf der riesigen Leinwand in Wort und Bild angekündigt worden war, obschon im Realbild darunter Pauline Schäfer stand.

          Es war so schnell gegangen: Kaum 24 Stunden vor dem Wettbewerb hatte man angesichts einer rätselhaften und erst zwei Tage zuvor aufgetretenen Malaise am Großen Rückenmuskel Sophie Scheder aus dem Team genommen. „Was hätte es gebracht, wenn ich am Barren weggesackt wäre, weil mein Arm mich nicht halten kann“, sagt Scheder, „daher ist die Entscheidung so gefallen.“ Pauline Schäfer war keineswegs zufrieden, aber: „Das war auf jeden Fall phänomenal, wenn man weiß, dass so viele Zuschauer da sind, um einen zu unterstützen.“

          Vor diesem Höhepunkt die verschiedenen Stationen der internen Qualifikation: Sophie Scheder, die bei den deutschen Meisterschaften eine großartige Barrenübung zeigt, dann aber auf die erste Qualifikation wegen einer Verletzung verzichten muss, während Pauline Schäfer dort am Balken begeistert. Schließlich der zweite Test, bei dem Scheder die zweitbeste deutsche Mehrkampfleistung liefert und Pauline Schäfer patzt. Letzten Endes ergeben die Kriterien von Cheftrainerin Ulla Koch: Sophie Scheder steht als fünfte Turnerin im Team, Pauline Schäfer ist Ersatzturnerin.

          Eine Entscheidung, die angesichts der Tatsache, dass beide in Chemnitz trainieren, bereits ein Spannungsmoment setzt. Doch die Situation ist viel schwieriger: Pauline Schäfer und ihre Trainerin Gabi Frehse hatten vor der WM 2018 ihre Zusammenarbeit offiziell „ausgesetzt“. Schäfer mag allerdings aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation die Stadt nicht verlassen. Die Stimmung in der Chemnitzer Halle ist angespannt. Kommunikativ sei da „nichts mehr los“ hatte Pauline Schäfer zuletzt das Verhältnis zu Gabi Frehse beschrieben, die ihrerseits die ehemalige Turnerin und die ebenfalls in Chemnitz trainierende jüngere Schwester ignoriert.

          Pauline Schäfer hat in Chemnitz mittlerweile einen eigenen Balken, an dem sie von Kerstin Vogel betreut wird. Weitestgehend trainiert sie in der Halle und mit den Trainern der Chemnitzer Männer: „Da fühle ich mich ganz wohl“, erklärt sie, „turbulent“ sei das alles aber schon gewesen. Die Situation vor Ort müsse unbedingt verbessert werden, weiß Ulla Koch, die sich um Koordination des Trainings aus der Ferne bemüht. „Ich habe da natürlich auch Empfindungen, aber für die werde ich nicht bezahlt. Bezahlt werde ich dafür, dass ich die beste deutsche Mannschaft auf die Matte bringe.“

          Dann die Rückblende: Bereits 2008 verlässt Sophie Scheder als Elfjährige ihre Familie in Wolfsburg gen Chemnitz, 2012 kommt Pauline Schäfer aus dem Saarland. Beide bringen aus ihren Heimatvereinen eine gute turnerische Grundschule und viel Talent mit und sind doch völlig unterschiedliche Charaktere. Sophie Scheder erfährt früh internationale Aufmerksamkeit für ihren herausragenden Schwung am Stufenbarren, Pauline Schäfer ihrerseits besticht durch Eleganz auf dem Schwebebalken. Unter Gabi Frehse erzielen sie die größten deutschen Erfolge seit der Wiedervereinigung: Olympische Bronze für Sophie Scheder am Barren 2016 und der WM-Titel am Balken für Pauline Schäfer 2017.

          In den vergangenen Wochen haben die beiden mittlerweile 22 Jahre alten Frauen nicht nur sportlich Reife bewiesen. Es ist ja nur das Eine, rational zu begreifen, dass es mit Blick auf die Olympiaqualifikation darum geht, sich in den Dienst der Gruppe zu stellen. Das andere ist, dass es für beide um die einmalige Chance ging, als Hochleistungssportlerin eine WM im eigenen Land zu bestreiten. Als in der Teamsitzung die Entscheidung für Pauline Schäfer und gegen Sophie Scheder gefällt wurde, waren sie „die ersten beiden, die sich umarmt haben, die eine hat getröstet, die andere hat gratuliert“. So beschreibt Cheftrainerin Ulla Koch die Situation. Nach der WM, das bedeutet für die deutschen Turnerinnen, das steht bereits fest, vor den Olympischen Spielen. Ein Film also, der zweifellos eine Fortsetzung haben könnte.

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