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Snooker-WM in Sheffield : „Ronnie the Rocket“ im Theater der Nerven

  • -Aktualisiert am

Im Fokus: Ronnie O´Sullivan ist der Superstar des Snooker-Sports. Bild: dpa

Die Spielstätte bei der Snooker-WM in Sheffield lässt niemanden kalt – weder alte Hasen wie den großen Star Ronnie O’Sullivan noch die Youngster aus China .

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          Diesmal will er es genießen. Die Weltmeisterschaften im Snooker währen im besten Fall sechzehn Tage und fünf elend lange Partien, da kann ein ambitionierter Spieler schon mal die Tapeten seines Hotelzimmers verwünschen. Ronnie O’Sullivan kennt inzwischen jedoch schöne Laufstrecken rund um Sheffield sowie das eine oder andere, gehobene Restaurant, wie er vor ein paar Tagen erklärt hat. Nach 28 Teilnahmen und sechs Siegen kann ihn ohnehin nichts mehr schrecken. „Ich bin überhaupt nicht nervös“, meldete er den letzten Stand, und: „Alles ist wirklich gut.“

          Am Samstag um Punkt zehn Ortszeit begann der 45-Jährige dann seine erste Partie, wie es dem Titelverteidiger der Tradition zufolge gebührt – und plötzlich war er doch nervös. Sehr nervös sogar. Die Sicherheit im Lochen (Potting), Kontrolle über den Spielball, vorausschauendes „Breakbuilding“: Nichts war gerade wirklich gut. Zum Glück stand da in WM-Rookie Mark Joyce ein zweiter englischer Profi am Tisch, der die Schwächen des berühmten Teilzeit-Genies nicht ausnutzen konnte; der 39-Jährige aus den West Midlands war im Zweifel noch nervöser. So stolperten beide Gegner durch die ersten Frames (Sätze) wie lausige Quereinsteiger, die auf dieser Ebene ihres Sports nichts verloren haben.

          Das Crucible Theatre lässt eben niemanden kalt, weder Neuling noch Routinier. Deshalb wird es von den Cracks, die hier seit 44 Jahren das letzte und wichtigste Turnier der „Main Tour“ austragen, nicht nur vorbehaltlos geliebt. Das gilt auch für „Ronnie the Rocket“. Der Charismatiker hat in diesem Theatersaal schon mal ein Match völlig entnervt abgebrochen; in anderen Jahren war die erste Partie auch schon die letzte. Doch irgendwas treibt ihn immer wieder hin: Noch ein Sieg im Finale, und O’Sullivan würde zu Stephen Hendry aufschließen, der in der Metropole von South Yorkshire siebenmal triumphiert hat.

          Voller Körpereinsatz: Der Australier Neil Robertson macht sich lang.
          Voller Körpereinsatz: Der Australier Neil Robertson macht sich lang. : Bild: dpa

          Während sein Gegner ein ganzes Set an Chancen nicht nutzen konnte, fand O’Sullivan in der Nachmittags-Session zusehends besser in seinen Rhythmus. Also zog er beim Stand von 6:4 davon, um am Ende 10:4 noch deutlich zu obsiegen. Auf dem Weg dahin servierte er drei Centuries (Breaks mit mindestens 100 Punkten) in Folge sowie phasenweise ein atemraubend sicheres Spiel. Das kam nun wie selbstverständlich aus ihm heraus, wie er nachher erklärte, nachdem er sich selbst daran erinnert habe, einfacher zu denken.

          Der Aufschwung der Chinesen

          Der ganze Ronnie, von grottenschlecht bis nahezu perfekt: Dieses unglaubliche Spektrum durften acht Monate nach der letzten, auf den Sommer verschobenen WM vor leeren Kulissen jetzt immerhin gut 320 Zuschauer mit Mund-Nase-Schutz verfolgen; zum Finale Anfang Mai sollen dann sogar wieder alle 980 Sitze belegt sein. Das ist die Abmachung zwischen dem Snooker-Weltverband und der britischen Regierung, die mit dem „Event Research Program“ die schrittweise Öffnung für Veranstaltungen vieler Art testet. Im besten Fall kommen dabei Lösungen heraus, von denen außer Billardspielern auch viele andere Akteure auf Bühnen profitieren könnten.

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          Einen Tisch weiter präsentierte sich mit Yan Bingtao gleichzeitig der Senkrechtstarter der übernächsten Spieler-Generation. Der 21-jährige Youngster aus der chinesischen Provinz Shandong nahm es bei seinem zweiten Start als einer von 16 gesetzten Spielern mit Martin Gould auf, dem Achtelfinalteilnehmer der vergangenen WM. Sein Vater hatte einst den Handlanger-Job in einer Pharmafabrik gekündigt, um mit dem begabten Sohn nach Peking zu ziehen; dort schossen die Snooker-Klubs nur so aus dem Boden. Das hieß anfangs, mit dicken Mänteln in einem winzigen Apartment zu überwintern, weil das Geld nicht zum Heizen reichte. Aber eben auch: mit 14 jüngster Amateurweltmeister zu werden sowie mit 17 jüngster Finalteilnehmer bei einem Ranking-Turnier der Elite.

          Der Aufschwung der chinesischen Queue-Artisten mag sich nicht in dem Tempo entwickelt haben, das auf der Insel seit zwanzig Jahren prophezeit wird – mal mit vorbehaltlosen, mal mit besorgten, weil um die Vormacht fürchtenden Untertönen. Mehr als einmal wurde da geunkt, der im Königreich gereifte Sport könne vom Reich der Mitte ähnlich überrollt werden, wie es manchen ihrer Industrien am Weltmarkt erging. Mittlerweile wird jedoch eher am Rande notiert, dass 15 der 124 Cracks auf der Main Tour – sowie fünf von 32 Startern in Sheffield – aus der Volksrepublik beziehungsweise aus Hongkong stammen. Allen voran Ding Junhui, der das Eis brach, sowie Geheimfavorit Yan.

          Einfach durchgewunken wird der „chinesische Tiger“, so sein Spitzname, in diesem Theater der Nerven allerdings ebenso wenig wie ein sechsfacher Champion. Beim Einstiegs-Match gegen den zäh, aber glücklos agierenden Gould musste die Nummer zehn im Jahres-Ranking sehr beharrlich bleiben, um die Oberhand zu behalten. Das 10:6 belohnte ihn am Ende für das bessere wie kühnere Spiel – und rückt ihn noch ein Stück weiter in jene Einkommensklassen, wo man sich einen warmen Mantel leisten kann.

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