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Snooker-Weltmeister Selby : Den letzten Wunsch des Vaters erfüllt

Erfolg von langer Hand: Mark Selby ist mit 16 Snooker-Profi geworden, mit 30 Weltmeister Bild: AFP

Mark Selby gewinnt mit seiner defensiven Spielweise die Snooker-WM und widmet den Titel seinem an Krebs gestorbenen Vater, dessen letzten Worte waren: „Ich möchte, dass Du Weltmeister wirst“.

          3 Min.

          Der Spitzname von Mark Selby lautet „The Jester from Leicester“. Der Kurzreim ist im Deutschen gut zu übersetzen – als stets zu Scherzen aufgelegter „Hofnarr aus Leicester“, einer Stadt in den östlichen englischen Midlands. Am späten Montagabend hat der Hofnarr den König aus dessen Schloss verjagt. Erstmals ist der 30 Jahre alte Selby Weltmeister der populärsten Billardvariante Snooker geworden und hat dabei als erster Spieler überhaupt den fünfmaligen Titelträger Ronnie O‘Sullivan in einem WM-Endspiel im „Crucible Theatre“ von Sheffield, dem traditionellen Spielort der Snooker-WM, besiegt. Jener unumstrittene König im Spiel mit den 15 roten und sechs farbigen Kugeln hatte sein Schicksal indes womöglich schon vor dem 17 Tage dauernden Turnier kommen sehen, als er Selby den neuen Beinamen „the Torturer“ (Peiniger) verlieh.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit beschrieb der 38 Jahre alte Engländer Selbys Spielweise, die dem offensiven und hochattraktiven Stil O‘Sullivans komplett entgegengesetzt ist. Während der Superstar des Snookers für eine mutige Spielphilosophie mit dem Streben nach möglichst spektakulären und unfassbar schnellen Serien an erfolgreichen Stößen steht, ist Selby ein Verfechter eines taktischen Defensivspiels, mit dem er seine Gegner immer wieder so sehr zu folgenschweren Fehlern zwingt, dass diese die stundenlangen Begegnungen am Snookertisch – die reine Spielzeit des auf zwei Tage verteilten Finals betrug mehr als zehn Stunden – wie eine Folter empfinden müssen.

          Selby nutzt dabei die komplette Vielfalt des Spiels aus, bei dem immer im Wechsel eine rote und eine andersfarbige Kugel eingelocht werden müssen, ehe nach Versenken aller 15 roten Bälle die sechs andersfarbigen gemäß ihrer Wertigkeit in eine der sechs Taschen gespielt werden müssen. Diese Vorgaben ermöglichen es Defensivkünstlern, die weiße Kugel für den Gegner so unangenehm zu plazieren, dass deren direkter Weg zum nächsten, von den Regeln vorgeschriebenen Ziel möglichst versperrt ist. Dadurch verführte Selby auch im Verlauf des Endspiels O‘Sullivan zu mit Punkten bestraften „Fouls“ oder zumindest folgenschweren strategischen Fehlern. „Auf alles, was ich gemacht habe, hatte er eine Antwort. Er hat mich immer wieder vor neue Probleme gestellt“, sagte der Verlierer später. „Ich war teilweise wie betäubt.“

          Lang gemacht, aber es hat nicht gereicht: Ronnie O’Sullivan verliert das WM-Finale
          Lang gemacht, aber es hat nicht gereicht: Ronnie O’Sullivan verliert das WM-Finale : Bild: AFP

          Dabei schien der einst mit Drogenproblemen und Depressionen kämpfende O‘Sullivan nach einem weitgehend souveränen Marsch durch das Turnier auch am ersten Finaltag auf dem Weg zu einer ungefährdeten Titelverteidigung. Nach 15 der maximal 35 Frames führte er 10:5, ehe Selby sich mit dem Gewinn der letzten beiden Spiele vor Halbzeit der Finalpartie mit einem akzeptablen 7:10-Rückstand in die Nacht zum Montag und die dringend benötigte Ruhepause rettete. Ausgeschlafen überrollte er dann am nächsten Tag seinen Gegner, ging beim Zwischenstand von 11:10 erstmals in Führung und ließ sich selbst durch zwischenzeitliche Stärkedemonstrationen des in den beiden vergangenen Jahren siegreichen Titelverteidigers nicht mehr vom Kurs abbringen. Stattdessen sah man O‘Sullivan Ratlosigkeit an, wenn die Fernsehkameras während Selbys Raubzügen auf dem Tisch gelegentlich den in der Ecke auf seinem Sessel immer ungeduldiger wartenden Gegner zeigten.

          Diese Einblicke in die Spielerseelen verraten bei den stundenlangen Duellen meist mehr über die Befindlichkeiten der Akteure als ein gelungener Stoß oder ein gewonnenes Frame. Während O‘Sullivan, der sich in der letzten längeren Spielpause eine neue Frisur hatte machen lassen, immer ermatteter wirkte, trat Selby von Stunde zu Stunde selbstsicherer auf. „Erstmals Weltmeister zu werden und dabei Ronnie im Finale zu schlagen, ist ein Traum, der wahr geworden ist“, sagte Selby, der den Titel seinem früh verstorbenen Vater widmete. „Er starb an Krebs, als ich 16 war – zwei Monate, ehe ich als Profi anfing. Seine letzten Worte waren: ‚Ich möchte, dass Du die Weltmeisterschaft gewinnst’. Ich habe es ihm zugesichert.“ Nun hat die neue Nummer eins der Weltrangliste nicht nur sein Versprechen eingelöst, der Sieger ist auch um stolze 365000 Euro reicher, die der Veranstalter dank der großen Fernsehpopularität des Snookers in Großbritannien mit mehr als sieben Millionen Zuschauern allein beim Endspiel ausloben konnte.

          Vom Erfolg geküsst: Mark Selby ist neuer Weltmeister
          Vom Erfolg geküsst: Mark Selby ist neuer Weltmeister : Bild: AFP

          Aber auch Ronnie O‘Sullivan, der in den vergangenen Jahren noch des öfteren bei Niederlagen zu Wutanfällen neigte, durfte sich als Gewinner fühlen. „Vor einigen Jahren hätte ich in einem solchen Spiel vielleicht noch das Handtuch geworfen“, sagte er. „Heute habe ich nie aufgegeben und alles versucht.“ So könnte die erste Niederlage in einem WM-Finale eine Hilfe sein auf dem Weg zu einer Rolle als „Elder Statesman“ des Snooker, die er seit geraumer Zeit anstrebt. Der Peiniger Selby macht‘s möglich.

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