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Selby wird Snooker-Weltmeister : Der Triumph des Schurken

  • -Aktualisiert am

Höchste Konzentration: An der Weltspitze entscheiden Millimeter. Bild: dpa

Zum vierten Mal wird Marc Selby Snooker-Weltmeister. In einem packenden Finale schlägt er Shaun Murphy knapp und zeigt, warum er in der Branche als erbarmungslos gilt.

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          Der letzte, vorentscheidende Fehler unterlief ihm im 33. Frame. Shaun Murphy hatte wieder mal einen tollen Einsteiger gefunden und dann 57 Punkte gesammelt. Er war damit beinahe durch, aber noch nicht ganz, als er die nächste rote Kunstharzkugel an der langen Bande entlang in Richtung Tasche schickte. Dort pendelte sie hin und her, um endlich im Einlauf liegen zu bleiben. Ein kurzer Hustenanfall, und sie wäre vielleicht noch gefallen. Aber Murphy hustete nicht; er zog sich hochanständig vom Spieltisch zurück und musste sitzend zusehen, wie sein Gegner Mark Selby ihm diesen Frame noch stahl. Darauf tobte das Publikum und feierte den neuen Weltmeister.

          Es sind geringfügig erscheinende Details, die im Snooker so oft den Unterschied ausmachen. In dem Sinne brillierte Shaun Murphy alias „The Magician“ auf der Bühne des Crucible Theatre in Sheffield zum späten Montagabend als tragischer Held. Der englische Billard-Crack mit Wohnsitz in Dublin hatte von Sonntagmorgen an die meisten spektakulären Treffer in der Finalpartie gezeigt. Konsequent durchziehen konnte er seine Überlegenheit bei den langen Bällen jedoch selten. Sein kühnes, teils berauschendes Spiel mag große Teile des Publikums, das ihm unter strengem Corona-Protokoll zusehen durfte, auf seine Seite gezogen haben. Nur brach es ein ums andere Mal dieses gewisse Stück zu früh ab, sodass der 38-Jährige am Ende 15:18 verlor.

          Sein Kontrahent bleibt ein guter Verlierer

          Triumphiert hat damit der Schurke, wie Mark Selby wegen seines knallharten Matchplays gerne eingeordnet wird. In der Welt der komplexesten aller Billardvarianten liegt darin allerdings mehr Anerkennung als Entrüstung. Wer sich hier durchsetzen will, darf dem Kontrahenten schließlich nichts, aber auch gar nichts an Möglichkeiten auf dem grünen Tisch hinterlassen; er muss den eigenen Rhythmus, das eigene Drehbuch durchsetzen sowie alle Eventualitäten analytisch durchkalkulieren. Darin ist Selby tatsächlich ein Champion, wie Murphy nachher im TV-Interview bedingungslos anerkannte: „Er hat mehr Geduld als die meisten anderen.“

          Etwas zu nett zu sein, um große Turniere zu gewinnen: Das ist ja der einzige Vorwurf, der dem stets offensiv aufspielenden Murphy gelegentlich gemacht wird – wie etwa unter der Woche von Ronnie O’Sullivan. „Er muss aufhören, ein guter Verlierer zu sein“, mahnte der berühmte Mitbewerber an, der selbst in Runde zwei die Segel strich. Sowohl im Viertelfinale gegen Topfavorit Judd Trump wie in der Vorschlussrunde gegen Kyren Wilson zeigte sich „The Magician“ indes bissiger als sonst. Nach gelungenen Aktionen zeigte er immer wieder die Faust, und beim Sieg über Wilson eroberte er die letzten fünf Frames im Sturm. Ähnlich kampfeslustig stieg er auch ins Finale ein.

          Sein Einbruch in der zweiten Session am Sonntag bescherte ihm dann aber jenen Rückstand von drei Frames, der am Montag nicht mehr aufzuholen war. Es wird eben für jeden Crack gefährlich bis fast aussichtslos, wenn Selby in den „harten Gang“ (Murphy) wechselt. Die neu entdeckte Stärke ist dem nun vierfachen Weltmeister aus Leicester jedoch nicht zugefallen. Zur Siegerehrung im Konfettiregen gestand der 37-Jährige dem Publikum, wie wenig selbstbewusst, ja „fragil“ er sich noch vor einiger Zeit am Spieltisch gefühlt habe. Wie Murphy kommt der begnadete Allrounder aus einem längeren persönlichen Tief, und wie jener holte er sich auf seinem Weg zurück Rat und Hilfe von Snooker- und Mentalcoach Chris Henry. Der kleine, freundliche Guru stand in Sheffield plötzlich in der Mitte des Theaters und konnte sich nur unter größter Mühe den Umarmungen durch beide Klienten entziehen.

          Da habe einer „fantastische Arbeit“ abgeliefert, lobte Murphy, an seinen Coach gewandt, „aber morgen feuere ich dich“. Das spontane Bonmot mag den festen Willen des Weltmeisters von 2005 illustrieren, sich 16 Jahre nach seinem einzigen WM-Triumph nicht mehr mit der Rolle des allzeit sanftmütigen Zweiten zu begnügen. Das gilt ebenso für Selby, der über Jahre hinweg die unumstrittene Nummer eins im Ranking war. Gerade um den 21. Titel in einem Ranglistenturnier sowie 500.000 Pfund Siegprämie reicher, kündigte der von 16 Tagen Denksport erschöpfte Gewinner den Angriff auf die absolute Spitze an: „Ich bin auf dem richtigen Weg.“

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