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Slalom-Kanute Sideris Tasiadis : Mit der Kraft der Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Tasiadis bei der EM 2015 im Kanupark Markkleeberg Bild: dpa

Der Krebs hat dem Slalom-Kanuten Sideris Tasiadis die Freundin genommen – und ihn stärker denn je gemacht. Nun verfolgt er ein großes Ziel.

          3 Min.

          Plötzlich sieht alles wieder so leicht aus, wie vor vier Jahren in London. Wie er übers reißende Wasser fliegt, sich durch die Tore windet, spielerisch, fast anstrengungslos – unbeschwert. Sideris Tasiadis lacht im Ziel wieder sein charmantes Lächeln. Wie 2012, als er bei Olympia im Kanuslalom Silber gewann. Dabei ist nichts mehr wie damals – vor allem nicht Tasiadis selbst. Zwischen größtem Triumph und Schicksalsschlag lag kaum ein Jahr.

          Sie bekamen die Diagnose im Herbst 2013: Blutkrebs bei Tasiadis’ Freundin, Claudia Bär. Sie ist ebenfalls Kanutin. Von einem auf den anderen Tag stand das Leben kopf: die kräftezehrende Therapie und die Folgen, das Organisieren des neuen Alltags im Angesicht der Diagnose, der ungewissen Zukunft, von der sie plötzlich nicht wussten, wie lang sie sein würde. Leistung und Sport wurden für zwei Leistungssportler nebensächlich. Die Belastung, psychisch wie physisch extrem.

          Tasiadis, damals 23, versuchte trotzdem, alles zusammen zu stemmen: da sein für die Freundin, Polizeiausbildung und Training. Pendeln zwischen Klinik, Kanal und daheim. Zwischen Ulm, Dachau, Augsburg und Kissing. Wo auch noch Hund Milou wartete.

          Sein größter Triumph: Sideris Tasiadis 2012 im Londoner Lee Valley White Water Centre.
          Sein größter Triumph: Sideris Tasiadis 2012 im Londoner Lee Valley White Water Centre. : Bild: dpa

          „Ich hab’s probiert, den Sport und das Private zu trennen. Manchmal ging’s nicht. In den schwierigen Zeiten zum Training zu gehen ist mir leichter gefallen, als einen Wettkampf zu fahren. Ich hatte manchmal nicht so den freien Kopf. Ich hatte in Gedanken immer sie.“

          2014 ließ er die Weltmeisterschaft aus, um der Freundin im Krankenhaus beizustehen. Bei der WM im September 2015 trat er zwar an – doch war nach drei Torstangen-Berührungen schon im Halbfinale Schluss.

          Die Aufs und Abs im Heilungsprozess. Immer wieder Rückschläge, weil das Immunsystem in der Krebstherapie niedergemacht wird. Schließlich die verheerende Lungenentzündung. Sideris Tasiadis kämpfte zwei Jahre Seite an Seite mit Claudia Bär. Vergeblich. Seine Freundin starb am 28. September 2015.

          Der Augsburger erhielt viel Zuspruch in der Zeit danach. Von Vereinskameraden – von Paddlern weltweit.

          „Letztlich musste ich selbst klarkommen. Ich bin mit der ganzen Geschichte erst zurechtgekommen, wenn ich viel trainiert habe.“

          Also trainierte er. Dreimal am Tag, neben der Ausbildung. Wenn er im Boot kniete, konnte er alles ausblenden – gedanklich abtauchen zwischen den Wellen. Tasiadis zog die Solo-Vorbereitung dem Training mit der Nationalmannschaft vor. Er mied direkte Vergleiche. Ließ die Frühjahrswettkämpfe aus. Flog nach Dubai ins Training. Die Mannschaft flog nach Sydney.

          „Tu alles dafür, dass du deine Ziele erreichst“: Der Satz von Claudia Bär begleitet Tasiadis weiter
          „Tu alles dafür, dass du deine Ziele erreichst“: Der Satz von Claudia Bär begleitet Tasiadis weiter : Bild: dpa

          „Vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht getraut, einfach mein Ding durchzuziehen. Aber mein Trainer hat immer gesagt, er vertraut mir, wenn er mich auch nicht jeden Tag sieht. Er weiß, dass ich ohnehin mehr mache, als er mir aufgibt.“

          Sideris Tasiadis ist erwachsen geworden. Nicht vorrangig sportlich – einer, der sich im Training quälen kann, war ein schon immer. Aber mental. Er ist nicht mehr nur ein brillanter Techniker, der im Wasserlauf die Ideallinie findet. Der Schicksalsschlag hat ihn auch zum Taktiker gemacht.

          „Niemand weiß, wie ich drauf bin, und genau das war das Ziel: Ich wollte mir nicht in die Karten schauen lassen.“

          Bei den Leistungstests im Frühjahr überragte er. Auch Bundestrainer Michael Trummer bescheinigt ihm, er sei so stark wie nie. Die Konkurrenz, vor allem Franz Anton aus Leipzig, ist es vermeintlich ebenso. Am Ende darf nur ein Boot nach Rio. Aber Rio reicht nicht. Tasiadis will Gold. Er paukte im Winter mehr Grundlagen, erhöhte die Umfänge. Setzte neue Reize, an der Kletterwand. Die Suche nach der Route beim Bouldern schult das strategische Denken, das es auch beim Paddeln im Wildwasser braucht. Und es bringt noch härtere Unterarme. Die braucht er, um mit dem Stechpaddel im Stangenwald Vollgas zu geben, 100 Sekunden lang.

          Im Boot blendet er alles aus: Sideris Tasiadis
          Im Boot blendet er alles aus: Sideris Tasiadis : Bild: Picture-Alliance

          Dabei ist Claudia ihm noch immer Motivation: Trotz der Krankheit hatte sie in all der Zeit stets Zuversicht und Lebensfreude ausgestrahlt, trotz allem, was sie in verzehrender Therapie durchleiden musste – der Kampfgeist hatte sie schon als Kanutin für viele zum Vorbild gemacht. Ein Bild von ihr klebt nun im Boot von Tasiadis. „Erinnerungen zum Fokussieren“ steht darunter.

          „Claudia hat mir mal gesagt: ,Tu alles dafür, dass du deine Ziele erreichst.‘ Ich habe das Bild angeschaut, und der Satz ist mir in den Kopf geschossen. Mit der Erinnerung konnte ich mich mehr aufs Paddeln konzentrieren. Und die ganze Geschichte so verarbeiten, dass mein Leben weitergeht, weitergehen soll.“

           Inzwischen ist das Lächeln zurück. Er habe die Dinge akzeptiert, wie sie sind, sagt er, und vor kurzem ein anderes Mädchen kennengelernt. Er denke zwar immer noch oft an Claudia. Aber sei inzwischen wieder glücklich.

          Und es scheint alles aufzugehen: Im ersten Teil der nationalen Olympiaqualifikation brillierte er auf dem heimischem Eiskanal, während die Konkurrenz Nerven zeigte. Tasiadis gewann beide Rennen – eine glänzende Ausgangssituation, ehe am kommenden Wochenende in Markkleeberg in den Rennen drei und vier die Entscheidung fällt.

          Die Chancen stehen gut, dass Sideris Tasiadis sich seinen Wunsch erfüllen kann: Eine zweite Medaille würde ihm viel bedeuten, erst recht nach allem, was geschehen ist. Die olympischen Ringe hat er seit London als Tattoo auf dem Oberarm. Dazu das Bild im Boot – und den Spruch im Herzen. Sie werden ihn auf dem Weg nach Rio begleiten.

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