https://www.faz.net/-gtl-af7wi

Sitzvolleyball in Tokio : Eine Frage der Klasse

  • -Aktualisiert am

Morteza Mehrzadselakjani (rechts, Nummer 2) ist der mit 2,49 Metern offiziell zweitgrößte Mensch der Welt. Bild: dpa

Klassifizierungen gehören zum paralympischen System. Die Einteilungen sind nicht leicht und sorgen auch für Diskussionen. Wie etwa im Sitzvolleyball, wo der zweitgrößte Mensch der Welt mitspielt.

          4 Min.

          Lionel Messi ist eine 93, Cristiano Ronaldo eine 92, Manuel Neuer nur eine 89. Jedenfalls im Ranking des aktuellen Videospiel-Ableger der FIFA-Serie von Electronic Arts, das die Spielstärke angibt. Zocker-Connaiseure spielen häufig nur mit den besten Akteuren, denn die sind eine Klasse für sich. Das macht am meisten Spaß, sorgt aber auch auf beiden Seiten für annähernd gleiche Verhältnisse.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Dominik Albrecht ist ein VS2, genauso wie Florian Singer, ihr Teamparter Jürgen Schrapp hingegen ist ein VS1. Auch ihr Gegner Morteza Mehrzadselakjani ist ein VS1. Die vier Sportler sind in unterschiedlichen Klassen. Allerdings im echten Leben – und das mit echten Auswirkungen. Sie sind alle Sitzvolleyballer, aber zusammenspielen dürfen sie nicht. Zumindest nicht alle gemeinsam.

          Im ersten Gruppenspiel gegen Iran bleibt Singer im ersten Satz draußen, obwohl er zuvor Stammspieler war und als solcher mit Dresden sogar Seriensieger Leverkusen die deutsche Meisterschaft entreißen konnte. Singer bleibt auf der Bank, als das Spiel im ersten Satz auf Messers Schneide steht. Er kommt auch im zweiten Satz nicht rein, als das Spiel der deutschen Annahme entgleitet und mehr denn je von entscheidenden Spielern mit versiertem Angriff wie ihm abhinge.

          Ein 2,49 Meter großer Iraner

          Denn mit VS2 ist er nur Minimal Disabled, also wenig versehrt. Nur zwei von ihnen sind im Kader erlaubt, nur einer auf dem Spielfeld. „Und derzeit hat Dominik Albrecht aufgrund der besseren Form den Vorzug“, sagt Trainer Michael Merten. Albrecht erzielt in diesem Match starke 16 Punkte, doch das werden nicht genug sein. Deutschland verliert mit null zu drei Sätzen.

          Die versiert gezielten Angaben nehmen den Deutschen zunehmend die Angriffsoptionen, sodass die Iraner gut abwehren und ihnen alle Attacken offen stehen. Da ist der starke Sadegh Bigdeli, elf Punkte, der raffinierte Hossein Golestani, aber vor allem ist da: Morteza Mehrzadselakjani, der mit 2,49 Metern offiziell zweitgrößte Mensch auf dem Globus. Sitzend erreicht er bis 2,30 Meter Abschlaghöhe.

          „Das ist so außergewöhnlich, dass wir keine Vergleiche haben, keine Antizipation. Es passiert halt einfach irgendetwas“, beschreibt Außenangreifer Jürgen Schrapp, der Mehrzadselakjani mehrfach gegenübersitzt. „Wir spielen nicht häufig genug gegen ihn, unsere Verteidigung kann nur reagieren.“ Mehrzadselakjani rangiert eine Größenklasse über allen anderen Spielern, denn er hat Akromegalie, einer Form des Riesenwuchs. Ist das unfair? Ist das nicht der eigentliche Klassenunterschied?

          Wenn Mehrzadselakjani zuschlägt, dann fliegt der Ball auf der deutschen Seite oft genug wild durch die Halle und kommt nicht zurück – Punkt Iran. „Wir können ihn derzeit nicht verteidigen, aber vielleicht haben wir etwas gelernt“, sagt Schrapp. Mehrzadselakjani mag alles überragen, aber überragend ist für ihn der Sitzvolleysport selbst. „Ich war früher sehr deprimiert. Damals hatte ich Angst, wegen meines Aussehens nach draußen zu gehen. Ich fühlte mich wie im Gefängnis. Sitzvolley hat mein Leben verändert“, sagt der Ausnahmeathlet.

          „Da braucht er noch Zeit“

          Erst sehr spät kommt Mehrzadselakjani ans Netz – aufgrund einer iranischen TV-Show. Dort taucht er auf, denn diese featurt Menschen mit ungewöhnlichem Alltag oder Talenten. Zufällig sieht auch Sitzvolley-Coach Hadi Rezaeigarkani die Sendung – und greift zum Hörer. „Es ist meine Pflicht als Trainer, Talente zu entdecken und zu fördern“, kommentiert Rezaeigarkani seinen Glücksgriff. „Aber er ist noch lange nicht komplett, da braucht er noch Zeit.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.