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Turnerinnen Biles und Seitz : Sie lachen immer noch

Probleme sind da, um übersprungen zu werden: Simone Biles ... Bild: dpa

Die Turnerinnen Simone Biles und Elisabeth Seitz zeigen der Welt ihr fröhliches Gesicht: Durchhängen ist verboten. Bei der WM in Stuttgart wollen sie beide die Fans verzücken.

          3 Min.

          Wenn Elisabeth Seitz lacht, und das tut sie oft, zeigt sie eine elegante kleine Zahnlücke, die ganz entfernt an den Popstar Madonna erinnert. Und sie lacht viel und gern. Wenn Simone Biles lacht, dann perlen die Töne einmal hinauf und hinab wie zwei Klavierläufe. Das konnte man zum Beispiel in dieser Woche während der Pressekonferenz hören, die sie zum Auftakt der an diesem Freitag beginnenden Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart gab, um das Medien-Interesse zu kanalisieren. „Sie ist ein ziemlich cooler Mensch“, sagt Elisabeth Seitz, seit Jahren eine der deutschen Top-Turnerinnen, über die amerikanische Kollegin, „weil sie sich so viel freut und so viel Freude ausstrahlt.“ Damit sei sie ihr selbst ein bisschen ähnlich.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Das alles klingt nach zwei fröhlichen und entspannten jungen Damen, die eine 22, die andere 25 Jahre alt, die zur WM gekommen sind, um eine Menge Spaß zu haben. Aber das stimmt mitnichten. Hinter ihrem Gelächter verbergen sich zwei toughe Burschen. Man sieht es ihren kleinen, eisenharten Körpern an. Darin stecken unzählige Trainingsstunden, unzählige Momente der Selbstüberwindung, der Schmerzverleugnung, viele harte Wettkämpfe. Dazu kommen persönliche Opfer und ein beeindruckendes mentales Verdrängungspotential. Durchhängen ist in dieser Welt verboten.

          Und doch: Sie lachen immer noch. Das verbindet Seitz und Biles, auch wenn sportlich einiges sie trennt. Elisabeth Seitz hat sich für die WM in Stuttgart vorgenommen, einen starken Beitrag zu leisten für die Olympia-Qualifikation ihrer Mannschaft. Der entscheidende Tag dafür ist schon dieser Freitag (Qualifikation ab 9 Uhr), wenn es nicht nur darum geht, das WM-Finale der besten acht zu erreichen. Wenn sie mit ihren Mannschaftkolleginnen Kim Bui, Emelie Petz, Sarah Voss und Pauline Schäfer mindestens Platz zwölf erreicht, ist eine deutsche Riege bei den Olympischen Spielen nächstes Jahr in Tokio dabei. „Das Olympia-Ticket ist das Ziel Nummer eins ganz oben auf der Liste“, sagt sie, „das ist unser gemeinsamer Wunsch und Traum.“

          ... und Elisabeth Seitz in Stuttgart.

          Eine starke persönliche Vorstellung könnte sie schließlich auch in den Einzelwettbewerben weiterbringen. Im Stufenbarren wäre sogar eine Medaille drin. Bronze an diesem Gerät bei der WM 2018 in Doha ist die bisher größte Errungenschaft ihrer Karriere. Dass die WM vor Heimpublikum stattfindet – sie lebt und trainiert in Stuttgart –, kann da nur hilfreich sein.

          Biles’ möchte Stuttgart verzaubern – und zur Ikone aufsteigen

          Simone Biles’ Pläne haben ganz andere Dimensionen. Die Amerikanerin ist der Superstar des Turnens. Die Medien ihres Landes prognostizieren, nächstes Jahr in Tokio werde sie alle Grenzen sprengen und die Nachfolge von Michael Phelps oder Usain Bolt als Welt-Sportikone antreten. In Stuttgart will sie an der Legende arbeiten. 20 Medaillen hat sie bei Weltmeisterschaften schon gewonnen. Kommen noch drei dazu, hat sie zum bisherigen Rekordhalter, dem Weißrussen Witali Scherbo, aufgeschlossen. Element Nummer drei und vier, ein unglaublicher Doppelsalto mit Dreifachschraube in ihrer Boden-Übung und ein Doppelsalto mit Doppelschraube als Abgang vom Schwebebalken, sollen in Stuttgart den Namen Biles erhalten. Kurz: Die fröhliche Miss Biles will heftig zulangen in Stuttgart.

          „Ich denke jetzt nicht, o Gott, die gewinnt sowieso“, sagt Elisabeth Seitz. „Sie ist auch ein Mensch und muss turnen.“ Sie kennt die Momente kurz vor dem Auftritt, wenn man das Nervenflattern im Zaum halten muss, selbst zur Genüge. Irgendwie hat sich das Wort „Kampfsau“ für das zierliche Geschöpf eingebürgert, was nicht nur umschreibt, wie unerbittlich sie sich selbst fordert, wenn es darauf ankommt. Sie musste sich schon mehrmals nach Verletzungen wieder zurückkämpfen an die Spitze. Allein viermal wurde ihr linker Fuß operiert. Dieser Körperteil hat ihr schon viele Rückschläge versetzt, muss aber immer wieder um Kooperation gebeten werden. Elisabeth Seitz hat ihn mit einem tätowierten Diamanten verzieren lassen, um ihn gnädig zu stimmen.

          Glücksbringer ist der Bruder

          Aber: lächeln. Mit Olympia hat Elisabeth Seitz noch eine Rechnung offen. Vor drei Jahren in Rio turnte sie eine exzellente Übung am Stufenbarren und wurde Vierte. Die Bronzemedaille schnappte ihr mit knappem Vorsprung Sophie Scheder weg, ihre eigene Mannschaftskollegin. Das bedeutete, dass sie nicht einmal weinen durfte. Die Medaille von Doha hat sie inzwischen ein Stück weit getröstet. Eine Medaille in Tokio wäre noch besser. Ihr kleiner, 14 Jahre alter Bruder Gabriel ist ihr großer Glücksbringer, auch in Stuttgart, wo er selbst inzwischen als Turner trainiert, wird er dabei sein.

          Was es für Simone Biles bedeuten würde, zu sehen, wie Brüderchen und Schwesterchen einander herzen, ist schwer einzuschätzen. Ihre Familie ist mit Problemen beladen. Als kleines Kind wurde sie von ihren Großeltern adoptiert, weil ihre Mutter den Drogen verfallen war. Ein Bruder, mit dem sie nicht aufwuchs, steht in Ohio unter Mordverdacht. Im Januar 2018 machte sie bekannt, dass sie eines der Opfer im verheerenden amerikanischen Missbrauchsskandal ist. Nichts, worüber die Turnerin reden will. Lieber Make-up drauf und der Welt perlend ins Gesicht lachen.

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