https://www.faz.net/-gtl-6ua3l

Silber für Limbach : Die Schauspielkunst des Fechtens

  • -Aktualisiert am

Säbelfechter Limbach holt in Italien Silber Bild: dapd

Nicolas Limbach gewinnt bei der Fecht-WM in Catania die Silbermedaille. Der Säbelfechter muss sich nur dem Italiener Aldo Montano geschlagen geben.

          3 Min.

          Die große Bühne ist hergerichtet, das Publikum zum Mitspielen aufgefordert. Nicolas Limbach hebt die Arme, drei, vier Mal, die Handflächen nach oben - die einladende Geste: kommt, kommt, lauter, lauter, alle Aufmerksamkeit auf mich. Das Schauspiel nimmt seinen Lauf, die Zuschauer klatschen, pfeifen, schreien. „Hauptsache laut“, sagt Limbach, „egal ob für den Gegner oder für mich. Das gefällt mir.“ Fechten gehört zu jeder klassischen Schauspiel-Ausbildung, und Fechter müssen Schauspieler sein. „Auf jeden Fall muss man als Säbelfechter schauspielern“, sagt Limbach.

          Im Achtelfinale der Weltmeisterschaften von Catania auf Sizilien steht er einem Italiener gegenüber, einem von dreien an diesem Abend. Giampiero Pastore, der Erste in der Reihe, beherrscht die Kunst perfekt. „Als Säbelfechter muss man in gewissen Momenten auch mal ekelhaft sein“, sagt Limbach dazu. Pastore ist es, Limbach merkt, das Gefecht entgleitet ihm. Nicht, weil der Gegner so viel besser ist, sondern weil der Druck von den Rängen den Kampfrichter beeindruckt. Also reagiert Limbach, feuert die Zuschauer an und zeigt die geballte Faust bei einer gelungenen Aktion. Er tut das, „damit er anfängt zu denken, damit er überlegt: Was macht der Affe da drüben, was zieht der für eine Show ab?“. Dann könne er, Limbach, sich schon wieder konzentrieren - während Pastore mit den Gedanken noch ganz woanders sei. Limbach nutzt diese Sekundenbruchteile für sich, gewinnt 15:12. Aber der Kampf hat Kraft gekostet. „Das war eines der schwersten Gefechte meiner Karriere bisher“, sagt Limbach, „gegen die Halle, gegen den Obmann und gegen den Gegner“.

          Eine Stunde später hat er im Halbfinale den zweiten Italiener vor sich, Luigi Tarantino. Limbach ist diesmal ein anderer, ruhig, ohne wilde Gesten, beinahe cool wirkt er und geht, wieder mit 15:12 Treffern, als Sieger von der Bahn. Erst im Finale, gegen den italienischen Star Aldo Montano, den Olympiasieger von 2004, geht sein Plan nicht mehr auf. Der Deutsche führt 4:1, versucht eine andere Taktik, überraschende Angriffe, „und das hat Aldo auf einmal gelegen“. Vielleicht hätte Limbach auch jetzt ein bisschen schauspielern müssen, „einmal den Schuh binden, eine Pause nehmen“. Aber er fühlt sich gut, „sicher in meinen Aktionen“. Er verpasst den entscheidenden Moment, Montano führt schnell 8:4. Limbach kämpft sich noch einmal heran, bis 13:14 - Montano bindet sich den Schuh. Der Italiener setzt den letzten Treffer und ist zum ersten Mal Weltmeister.

          „Der dritte Italiener war dann wohl doch einer zuviel hier in Italien“, sagt Limbach. Er gewinnt Silber, es ist seit Bronze 2007 schon seine vierte WM-Medaille; 2009 war er Weltmeister, im vergangenen Jahr in Paris ebenfalls Zweiter. „Ich fechte wohl einfach ganz gerne bei einer WM. Und im Moment habe ich eine Konstanz, die ist phänomenal.“ Vor allem hat Limbach Selbstvertrauen. „Vielleicht haben meine Fechter sogar noch ein bisschen mehr Selbstvertrauen als Können“, sagt Vilmos Szabo. Der Bundestrainer ist der Mann hinter dem Erfolg, der Mann, der ein Weltklasse-Säbelteam formte. „Denn das bin nicht nur ich“, sagt Limbach, „das sind auch die drei anderen, und einige Junge, die dahinter kommen“. In Catania hatten sie Lospech: Schon in frühen Runden mussten jeweils zwei Deutsche gegeneinander antreten, jeweils dem anderen die Chance auf das Finale nehmen.

          Sie sorgten schon als Junioren für Aufsehen durch gute Ergebnisse. „Und es war nie ein Kampf zwischen Tauberbischofsheim und Dormagen“, sagt Szabo. Aus dem großen Fechtzentrum kommt Björn Hübner. Limbach, Benedikt Wagner und Max Hartung sind hingegen in Dormagen zuhause. Dort ist die Monokultur Säbelfechten entstanden, mit mittlerweile sechs Trainern und Fechtergruppen aller Altersklassen. Szabo, gebürtiger Rumäne, und sein Landsmann Dan Costache teilen sich die Arbeit im Herrenbereich. „Es ist selten, dass Trainer sich so akzeptieren und zusammen arbeiten können“, sagt Limbach, „wir nutzen Vorteile, wo anderenorts schon mal Mauern aufgebaut werden und gegeneinander gearbeitet wird“.

          Das Ziel: Gold in London

          Limbach ist der Beste dieser Gruppe, arbeitet professionell, ist sehr reif. Und er will noch mehr. Der Fünfundzwanzigjährige könnte sich Zeit lassen, seine italienischen Gegner sind zum Teil schon weit jenseits der dreißig, Tarantino fast 39 Jahre alt. „Aber in Deutschland wird der Cut früher gemacht“, sagt Limbach, „weil wir nicht vom Fechten leben können“. Aber mit Hübner zusammen hat er sich entschieden, noch vier Jahre nach 2012 dranzuhängen. Gemeinsam, „weil wir ein eingespieltes Team sind und die Jungs auch anführen können“.

          An diesem Freitag, da sind sie sich sicher, werden „die Jungs“ die Mannschafts-Qualifikation für London festmachen. An dem einen Tag in London im nächsten Sommer dann, „wo allen ein bisschen die Nerven flattern, da wollen wir nicht nur auf den zweiten Platz“, sagt Limbach, „sondern auf den ersten“. Es gibt keine Widerrede. .

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.