https://www.faz.net/-gtl-aawjt

Langer Anzug bei Turn-EM : Ein Signal gegen die Sexualisierung

  • Aktualisiert am

Ein Anzug als Statement: Sarah Voss bei ihrem Wettkampf am Schwebebalken. Bild: EPA

Die deutschen Turnerinnen fühlten sich durch ihre Wettkampfkleidung oft sexualisiert. Bei der EM in Basel treten sie deshalb im Ganzkörperanzug an. Sie hoffen auf einen Kulturwandel.

          2 Min.

          Sarah Voss hat alle Blicke auf sich gezogen. Zum Auftakt der Turn-EM in Basel präsentierte sich die 21-Jährige am Mittwoch im eleganten schwarzen Ganzkörperanzug und setzte ein Signal: Deutschlands Turnerinnen sagen der Sexualisierung in ihrer Sportart den Kampf an. „Als Teil der deutschen Turn-Nationalmannschaft sind wir für viele jüngere Sportlerinnen auch ein Vorbild und möchten ihnen damit eine Möglichkeit aufzeigen, wie sie sich auch in einer anderen Bekleidungsform ästhetisch präsentieren können, ohne sich bei bestimmten Elementen unwohl zu fühlen“, sagte die WM-Siebte am Balken.

          In ihrem glitzernden Langbeindress in Schwarz-Rot zog die Kölnerin sowohl am Schwebebalken als auch beim Sprung die Blicke auf sich. „Ich bin stolz, die Erste zu sein“, sagte sie anschließend. Kritik an ihrer Aktion habe sie nicht wahrgenommen, sagte Voss, dafür aber Zustimmung: „Bei den Schwedinnen zum Beispiel gingen die Daumen hoch.“

          Am Freitag im Finale des Mehrkampfs wollen dann auch die Stuttgarterinnen Elisabeth Seitz und Kim Bui mit den selbstdesignten und handgeschneiderten langen Gymnastikanzügen aufs Podium gehen. Jüngst hatte Elisabeth Seitz kritisiert, dass immer wieder Fotos von ihr mit anzüglichen Motiven veröffentlicht werden. „Sie wollen da noch mal das I-Tüpfelchen draufsetzen und dort ihre Anzüge präsentieren“, kündigte Sarah Voss an.

          Sonst eher im Badeanzug: Die deutschen Turnerinnen bei der WM 2019 in Stuttgart.
          Sonst eher im Badeanzug: Die deutschen Turnerinnen bei der WM 2019 in Stuttgart. : Bild: dpa

          Ihre Wettkampferfahrung im langen Outfit war positiv. „Ich fühle mich super wohl, das ist super bequem. Ich finde, es sieht cool aus“, sagte die deutsche Mehrkampfmeisterin. Üblich sind knappe, badeanzug-ähnliche Anzüge, die von Außenstehenden als aufreizend angesehen werden können, bei manchen Turnerinnen aber das Schamgefühl verletzen. „Man bewegt sich sehr viel und fühlt sich nicht immer 100 Prozent wohl“, sagte Voss.

          Schon beim Einturnen habe sie „ein paar Blicke bekommen“. Nun wünschen sie und ihre Teamkolleginnen sich, dass auch andere Sportlerinnen ihrem Beispiel folgen. „Wir haben erst mal den Anstoß gegeben. Wir freuen uns, wenn andere die Innovation aufgreifen und wir einen Trend gesetzt haben“, sagte Sarah Voss.

          „Unsere Mädels sollen sich wohlfühlen“

          Die Idee dazu war bereits im vergangenen Sommer entstanden. „Unser Kulturwandel hat schon vor einiger Zeit eingesetzt“, berichtete Cheftrainerin Ulla Koch. Anlass sei gewesen, dass eine Sportlerin zu ihr gekommen sei und gesagt habe, dass sie sich mit dem normalen Anzug nackt fühle. Darauf müsse eine Trainerin reagieren. „Unsere Mädels sollen sich wohlfühlen“, sagte sie.

          Sie habe erst einmal eine Turnerin bei einer Großveranstaltung in lang gesehen. „Viele wissen gar nicht, dass wir lang turnen dürfen.“ Mit ihren langen Anzügen haben die deutschen Turnerinnen nun Anleihen beim Outfit in der Rhythmischen Sportgymnastik genommen.

          Seitz hatte erst kürzlich in einem Beitrag des SWR beklagt, dass im Frauenturnen immer wieder die Grenze zwischen Ästhetik und Sexualisierung überschritten wird. „Die Leute müssen verstehen, dass schönes Turnen nicht bedeutet, dass man das besonders geil findet oder das Männer sehr anzüglich finden“, sagte die Olympia-Vierte von 2016 in Rio de Janeiro am Stufenbarren.

          Sie finde immer mal wieder Fotos von sich im Internet, „die mir auch überhaupt nicht gefallen, eben weil mir in den Schritt fotografiert wurde“. Es sei schwierig, diese Bilder entfernen zu lassen. Entdeckt sie bei Zeitungen solche Fotos, sage sie etwas. „Turnen ist viel zu schön, um genau so ein Bild nehmen zu müssen“, sagte die 27-Jährige.

          Weitere Themen

          Skyliners holen „Papi“ Badio

          Basketball-Bundesliga : Skyliners holen „Papi“ Badio

          Laut Skyliners-Sportmanager Völler ist der Senegalese Brancou Badio ein „aufregender Spieler mit sehr viel Potential“. Aber warum wechselt er vom FC Barcelona an den Main?

          Topmeldungen

          Kevin Kühnert und Olaf Scholz machen Wahlkampf  in Berlin.

          Was kommt nach der Wahl? : Rot-grün-rote Morgenluft

          Norbert Walter-Borjans malt sich den Kanzler Scholz auch als Zweitplatzierten aus, Kevin Kühnert bringt den obligatorischen Mitgliederentscheid ins Spiel. Beides lässt die Fanclubs der Linkspartei hoffen.
          Im Fernsehen, wie hier beim letzten Triell, traten die Kandidaten mit offenem Visier an. Im Netz wird aus dem Hinterhalt geschossen.

          Hetze im Internet : Der schmutzige Wahlkampf

          Sie finden der Kampf ums Kanzleramt zwischen Baerbock, Laschet und Scholz sei eine müde Sache, langweilig und gebremst? Die Kampagnen im Netz zeigen etwas anderes.
          Das Kohlekraftwerk Mehrum, daneben Windräder

          Energie : Preisrekorde gefährden Green Deal

          Strom und Gas sind so teuer wie lange nicht. Für die EU-Kommission kommt das zur Unzeit – und einige Länder haben schon Notfallpläne verabschiedet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.