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Siebenkämpferin Schäfer : „Sprungbrett nach London“

  • -Aktualisiert am

Geballte Freude: Carolin Schäfer Bild: dpa

Nachdem Carolin Schäfer mit 6667 Punkten auftrumpft, scheut die Siebenkämpferin sich nicht, hohe WM-Ziele anzustreben. Jennifer Oeser ist dagegen „kampfmüde“ und hört auf.

          Wer vermutet hatte, Carolin Schäfer würde es beim Mehrkampf-Meeting in Ratingen etwas ruhiger angehen lassen, nachdem sie vor vier Wochen in Götzis schon alles aus sich herausgeholt hatte, sah sich gleich bei der ersten Disziplin eines Besseren belehrt. Obwohl die Siebenkämpferin von der LG Eintracht Frankfurt ihre Startberechtigung für die Weltmeisterschaft im August in London schon sicher hat, startete Schäfer über 100 Meter Hürden gleich mal mit einer neuen persönlichen Bestzeit ins Wochenende. 13,07 Sekunden: noch mal zwei Hundertstel schneller als bei ihrem fulminanten Siebenkampf in Vorarlberg, bei dem sie Ende Mai gleich in fünf Disziplinen ihren Hausrekord steigerte und insgesamt famose 6836 Punkte sammelte.

          Im Rheinland sollten es am Ende der beiden Tage diesmal 6667 Punkte werden. Mit dieser Gesamtpunktzahl gewann die Hessin zum ersten Mal das Meeting in Ratingen, souverän vor der Niederländerin Nadine Visser (6183) sowie vor Mareike Arndt aus Leverkusen, die 6106 Punkte sammelte. Danach scheute sie sich nicht, eine positive Prognose in eigener Sache für die WM abzugeben. „Eine Medaille ist das Ziel“, sagte sie. War 2016 noch das Jahr, bei dem sie erkannte, „ich bin in der Weltelite angekommen“, steht nun der nächste Schritt an: aufs Siegerpodest.

          Persönliche Bestleistungen über 100 Meter Hürden und im 200-Meter-Lauf

          Die EM-Vierte von 2014 und Olympia-Fünfte von 2016 ist bereit für ihr erstes Edelmetall bei Großereignissen – und die Bedingungen erscheinen günstig. Nachdem die britische Doppel-Weltmeisterin und London-Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill sowie die zweifache WM-Zweite Brianne Theisen-Eaton aus Kanada ihre Rücktritte erklärt haben, sind zwei Stars der Szene schon mal aus dem Rennen. Auch die zweimalige WM-Zweite Jennifer Oeser beendete an diesem Sonntag ihre Laufbahn: „Ich bin kampfmüde“, sagte die 33-Jährige: „Mein Körper und Geist sind im Einklang, dass die Reise nun zu Ende ist.“ Zum 800-Meter-Lauf trat die Leverkusenerin schon nicht mehr an. Bleiben zwei Konkurrentinnen, die in Rio 2016 besser waren als Schäfer: Olympiasiegerin Nafissatou Thiam aus Belgien, die in Götzis mit 7013 Punkten die Traumgrenze aller Siebenkämpferinnen überwand und die Lettin Laura Ikauniece-Admidina.

          Hochrechnungen sind gängige Übung in einer zahlenorientierten Sportart wie der Leichtathletik. Doch natürlich muss jeder Wettkampf für sich genommen, jede Disziplin Schritt für Schritt abgehakt werden. Carolin Schäfer arbeitet kontinuierlich an all den Teilkomponenten, die einen Mehrkampf ausmachen. Dabei lebt die 1,77 Meter große und 66 Kilo schwere Athletin hauptsächlich von ihrer Schnellkraft, weniger von der Maximalkraft. Schon vor Jahren hat die frühere Handballspielerin ihre Ernährung auf gluten- und laktosefreie Kost umgestellt, damals nahm sie vier Kilogramm ab, seitdem kann sie sich auf ein verbessertes Körpergefühl verlassen. Zudem bezeichnet sie sich als stressresistent: „Ich bin mental stark. Man kann mich schlecht durchschauen“, erklärte sie jüngst ihr Erfolgsgeheimnis.

          Disziplinsiegerin: im Hoch- wie im Weitsprung, auch über 200 Meter und mit dem Speer

          Auf dem Weg zur WM hat sie ihren zweiten Saison-Siebenkampf nun aus dem vollen Training heraus bestritten, ohne sich unmittelbar darauf vorzubereiten. „Ratingen ist das richtige Sprungbrett nach London“, lautete ihre Devise. Und das zeigte sich sogar im wahrsten Wortsinne: Den zweiten Tag begann Carolin Schäfer mit 6,37 Meter im Weitsprung, womit sie bei wechselnden Winden mit Abstand die Beste im Feld war. „Ich hätte nie gedacht, mal einen Weitsprung zu gewinnen“, sagte sie danach schmunzelnd: „Das ist ja eher eine meiner schwächeren Disziplinen.“ Werfen kann sie dagegen schon immer sehr gut, als ehemalige Handballerin kein Wunder: In Ratingen kam sie im Speerwerfen auf 50,34 Meter, blieb damit nur wenige Zentimeter unter ihrer Bestmarke, aber mehrere Meter vor der Konkurrenz.

          Auch im Hochsprung war sie mit 1,84 Metern Disziplinsiegerin geworden. Nach einem kleinen Dämpfer im Kugelstoßen (13,84 Meter) hatte sie den ersten Tag mit 23,27 Sekunden über 200 Meter beendet: so schnell wie noch nie, die zweite persönliche Bestleistung des Wochenendes. Zum Abschluss lief Schäfer dann in 2:17,56 Minuten als Zweite über 800 Meter ins Ziel.

          Angetrieben wurde die Polizeikommissarin auch von der Nähe zum Publikum bei dem kleinen Sportfest, bei dem die Zuschauer auf Tuchfühlung zu den Sportlerinnen treten können. „Die familiäre Atmosphäre in Ratingen ist unvergleichlich“, schwärmte sie. Überhaupt gibt sich Carolin Schäfer vor allem dankbar für das, was sie hat, wie sie auf ihrer Homepage schreibt: „Dankbar für eine Zeit ohne Verletzungen, dankbar für ein Umfeld, das mich trägt. Dankbar meinen Sponsoren, die mir diese sportlichen Erfolge durch ihre Unterstützung ermöglichen.“ Dankbar zu sein heißt freilich nicht, mit allem zufrieden zu sein. „Die 7000 Punkte sind sicherlich ein Thema für die nächsten Jahre“, kündigte sie in Ratingen an.

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