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SG Flensburg-Handewitt : Das Lob der Anderen

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Nicht zu stoppen? Holger Glandorf und Flensburg gehören in dieser Handball-Saison zu den großen Favoriten Bild: Picture-Alliance

Mit dem breitesten Kader der Topteams will Flensburg-Handewitt deutscher Handballmeister werden. Der Klub profitiert dabei von der Erfahrung seiner Spieler – das wirft aber auch Fragen auf.

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          Jetzt haben sie ein richtiges Problem oben im Norden. Nicht nur Uwe Gensheimer hat die SG Flensburg-Handewitt nämlich zum Titel-Favoriten in der Handball-Bundesliga gestempelt. Der Kapitän der Nationalmannschaft kann das ohne Arg und Hintersinn tun, wechselt er doch nach Frankreich zu Paris St-Germain.

          Doch auch aus Kiel, Melsungen und von Gensheimers ehemaligem Vereinstrainer bei den Rhein-Neckar Löwen, Nikolaj Jacobsen, ist Ähnliches zu hören: „Die Flensburger waren mit ihrem breiten, starken Kader schon das beste Team der letzten Rückrunde.“ Deshalb sehe er die Nordlichter vorn, sagte der 44 Jahre alte dänische Meistertrainer. Zumal die SG diesmal keine Zeit zum Einüben benötige wie vor einem Jahr, als vier Schlüsselspieler zu integrieren waren und schon Ende September fünf Minuspunkte aufgelaufen waren - ein Rückstand, der nicht einmal mehr im famosen Saisonendspurt aufzuholen war: Flensburg wurde Zweiter, einen Punkt hinter den Löwen, fünf vor dem THW Kiel.

          Der David unter lauter Goliaths

          Favorit Flensburg – nichts können sie bei der Spielgemeinschaft weniger leiden als diese (zutreffende) Einschätzung der Konkurrenz. Denn traditionell kommt der Klub von der dänischen Grenze gern aus dem Windschatten, fühlt sich als David unter lauter Goliaths mit viel Understatement pudelwohl. Mit dieser Identität lebt es sich komfortabel, ohne großen öffentlichen Druck. Doch schaut man nur auf die Mannschaften, die auch in der Spielzeit 2016/17 um den 51. Titel der Bundesliga wetteifern dürften, stehen die Flensburger einfach am besten da: Sie haben keinen Stammspieler verloren und in Ivan Horvat lediglich einen Ersatz für den noch bis Jahresende verletzten Starspieler Rasmus Lauge geholt. Die Löwen hingegen vermissen mit Gensheimer ihre prägende Figur, der THW muss sich bei fünf Zu- und sieben Abgängen erst finden. Schon am Samstag startet die Liga mit dem Pokal; eine Woche später folgt dann der erste Spieltag. Dazwischen spielen die Löwen und der SC Magdeburg an diesem Mittwoch in Stuttgart den Supercup aus (20.15 Uhr / Live bei Sport 1).

          Ljubomir Vranjes ist ein Trainer von ausgeprägtem Selbstbewusstsein, und insofern schmeichelt ihm das Lob der anderen - aber er muss es natürlich auch ein wenig einordnen: „Wir wollen und können ganz oben mitspielen und haben die Qualität, Meister zu werden. Es wird uns helfen, dass wir weniger Neue einbauen müssen als im Vorjahr. Ich habe etwas unterschätzt, wie schwer das ist. Aber wir werden nichts versprechen.“ Nach vier Jahren in Champagnerlaune hintereinander (Supercup, EHF-Pokal, Champions League und DHB-Pokal) hatte sich die Flensburger Vereinsführung für Anfang Juni des Jahres die Krönung mit dem ersten Meistertitel seit 2004 gewünscht. Doch die Löwen waren, angeführt von ihrem famosen Spielmacher Andy Schmid, konstanter. Ihn hält Vranjes übrigens für den derzeit „weltbesten Handballer“, was neben einer angemessenen Einschätzung natürlich auch der Versuch ist, ein Stückchen der Favoritenbürde zurück nach Mannheim zu schieben.

          Dürften Schmid und der Kieler Domagoj Duvnjak wieder die prägenden Charaktere im Bundesliga-Handball sein, so kommt Flensburg gemeinhin über die routinierte Geschlossenheit. Mit Anders Eggert, Lasse Svan, Tobias Karlsson, Holger Glandorf, Thomas Mogensen und Torwart Mattias Andersson sind sechs Spieler aus der ersten Sieben weit jenseits der dreißig. Svan und der 29 Jahre alte Kreisläufer Henrik Toft reisten zudem als Olympiasieger zurück nach Flensburg, Rückenwind inklusive, Linksaußen Kentin Mahé immerhin noch als Silbermedaillengewinner. Auch aus der zweiten SG-Reihe lässt sich eine passable Mannschaft aufstellen, so dass Vranjes genug Spieler hat, um durch die stressige Dreifachbelastung zu kommen - allerdings nur, wenn er sich auch traut, häufiger die selten eingesetzten Rückraumspieler Jim Gottfridsson, Petar Djordjic und Johan Jakobsson zu bringen.

          Und während die Liga also schaut, was der vielfache Zweite der vergangenen Jahre mit seinem Monsterkader so auf die Beine stellt, linst mancher Fan mit bangem Blick auf die Jahre 2017 und die darauf folgenden. Gleich elf Verträge enden im nächsten Sommer, darunter die der Korsettstangen Andersson, Glandorf, Eggert, Svan und Karlsson. Linksaußen Eggert hat seinen Abschied in einem Jahr diese Woche schon verkündet. Wird es also ständige Nebengeräusche durch fortlaufende Personalgespräche geben? Vranjes will das verhindern, er sagt: „Ich möchte in den nächsten beiden Monaten Klarheit haben, denn das Thema soll uns so wenig wie möglich im Alltag stören. Ich will da nicht so lange warten.“

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          Bei einem stabilen Etat von 6,5 Millionen Euro (deutlich weniger als Kiel, aber etwas mehr als die Löwen) werden nicht alle Wünsche erfüllt werden können - so dürfte es gerade bei den älteren Leistungsträgern wie Andersson (38 Jahre alt), Karlsson (35) und Glandorf (33) vermutlich nur Vertragsangebote über ein weiteres Jahr geben. Auch Svan wird Ende des Monats 33, allerdings ist ihm neben Rasmus Lauge auch in Richtung Dänemark die Rolle des Gesichts der SG zugedacht.

          Doch wie das Management um Geschäftsführer Dierk Schmäschke den neuen Flensburger Zuschnitt auch dreht und wendet - es wird einen Umbruch geben müssen. Insofern ist es vielleicht das erste und letzte Mal, dass die Konkurrenz die SG zum ersten Anwärter auf die Meisterschaft macht.

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