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Zweiter Meistertitel : Flensburger Krönung in der Handball-Bundesliga

  • -Aktualisiert am

So sehen Meister aus: Flensburg holt sich zum zweiten Mal den Titel. Bild: dpa

Vierzehn Jahre mussten die Flensburger auf den zweiten Meistertitel in der Handball-Bundesliga warten. Nun ist es soweit. Der große Erfolg führt auch zur ersehnten Imagekorrektur.

          Es war heiß, es war spannend, und mit Handball hatte das ganze wenig zu tun. „Die letzten drei Spiele ging es nur darum, die Nerven zu bewahren – wir haben es eigentlich gar nicht besonders gut gemacht, aber drei Mal gewonnen. Und jetzt sind wir Deutscher Meister.“ Abwehrchef Tobias Karlsson packte die vergangenen drei Wochen in zwei Sätze, als er in der kochenden Flens-Arena das Erlebte beschrieb. Als die Rhein-Neckar Löwen schwächelten und begannen, ihren komfortablen Vorsprung zu verspielen, war die SG Flensburg-Handewitt zur Stelle gewesen, besiegte Minden, Lübbecke sowie am Sonntagnachmittag in einem ganz zähen Match Frischauf Göppingen und darf sich nun zum zweiten Mal nach 2004 Deutscher Meister nennen. Der abschließende 28:25-Sieg der Löwen gegen Leipzig änderte an der Tabelle nichts mehr. Flensburg holt sich den Titel, die Löwen sind Pokalsieger, beide werden in der Champions League starten.

          Wie der ganz große Genuss wirkte es noch nicht, was Trainer Maik Machulla am frühen Abend sagte. „Ich pendele zwischen absoluter Leere und totaler Erleichterung. Die letzten zehn Tage waren der Wahnsinn. Jeder Flensburger wollte mir schon zur Meisterschaft gratulieren, nachdem die Löwen gegen Melsungen verloren hatten. Das war ein unfassbar schwerer Rucksack. Und diesen Rucksack hat die Mannschaft heute sechzig Minuten mit sich herumgetragen.“

          Bis in die vorletzte Minute war den Flensburgern der riesengroße Druck anzumerken, entgegen der öffentlichen Erwartung doch noch zu patzen. Und das gegen Göppinger, die mit neun Spielern an die Förde gereist waren – davon zwei Torhüter. Sie verschleppten das Spiel, sie machten das Beste aus ihren Möglichkeiten, und blieben bis zur 59. Spielminute dran. Da machte sich die Mehrheit der 6300 Zuschauer in der ausverkauften Flens-Arena schon zum Jubeln bereit, als Hampus Wanne bei 58.22 Minuten den Ball zum Siebenmeter in die Hand nahm. Doch der SG-Linksaußen drosch das Spielgerät neben das Tor, es blieb beim 22:20 spannend. Mehr als ein Tor gelang den dezimierten Göppingern nicht, und so stand dieses knappe, aber so bedeutsame 22:21 auf der Anzeigetafel, ehe Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Meisterschale gemeinsam mit Uwe Schwenker überreichte, dem Präsidenten der Handball-Bundesliga. Auch die Flensburger Bürgermeisterin Simone Lange (SPD) jubelte auf dem Parkett mit.

          Hatte die SG vor 14 Jahren den Titel als Favorit errungen, kam diese zweite Meisterschaft überraschend. Nach einer schwachen Vorrunde mit frühen Niederlagen in Hannover und Leipzig flog Machullas Mannschaft unter dem Radar des Titelanwärters. Machulla, 41 Jahre alt und in den Jahren davor der Assistent von Cheftrainer Ljubomir Vranjes, hob die starke Rückrunde und ein paar kleine Änderungen als Hauptbestandteil seiner ersten Trophäe als Trainer hervor. „Wir hatten heute das 55. Saisonspiel und es waren alle 16 Mann an Bord. So viele einsatzbereite Spieler waren ein Schlüssel zum Erfolg und haben uns eine Rückrunde ermöglicht, in der wir nur ein Ligaspiel verloren haben.“

          Machulla musste den Blick noch einmal zurück werfen, denn diese Mannschaft ist ja eher die von Vranjes als seine. Zwar hatte er in Röd, Steinhauser und Jeppson drei Neue geholt, aber wer gespielt hat, dass waren die alten Kämpen Glandorf und Karlsson, Svan und Andersson, Lauge und Mogensen. „Ich habe eine überragende Mannschaft übernommen und nur ein paar Kleinigkeiten verändert“, sagte Machulla, „das musste ich aber auch. Aber natürlich hat Lubo seinen Anteil an diesem Titel.“

          Am Sonntagnachmittag war es eine ganz zähe Angelegenheit. Im letzten Spiel der überragenden Profis der vergangenen Jahre, Mattias Andersson und Thomas Mogensen, kam überhaupt nichts in die Gänge, nichts wollte gelingen – weil Göppingen keinen Gedanken an Wettbewerbsverzerrung verschwendete und mit seinem Mini-Kader optimal gegen absolut nervenschwache Flensburger agierte. 12:12 zur Halbzeit, 17:15 in der 43. Minute, aber immer, wenn das Publikum die Flensburger zur drei-Tore-Führung schreien wollte, wackelte die Hand, zitterten die Knie.

          „Ich lag auf dem Hotelzimmer und war fertig“

          „Ich habe ein paar große Chancen verworfen und habe gemerkt, dass keiner mehr werfen wollte“, sagte Rasmus Lauge, „da habe ich gedacht, ich muss jetzt etwas zeigen und bin mit allen, was ich noch hatte, in die Abwehr gegangen.“ Das genügte, um der SG Flensburg-Handewitt ein paar letzte, entscheidende Tore zu schenken. Neben den Paraden des zweiten Torwarts Kevin Möller war es Lauge, der mit Willen und Entschlossenheit die große Pleite verhinderte – dann kamen die Alt-Meister von 2004 aufs Feld, Lars Christiansen und Jan Holpert, und lieferten die Meisterschale zum allgemeinen Jubel ab.

          Völlig neben sich stand über die gesamte Partie Holger Glandorf. Bekannt nervenschwach, biss sich der Weltmeister von 2007 durch die Partie, hatte aber kaum lichte Momente. „Wie heute wer gespielt hat, ist mir scheißegal“, sagte er, „Fakt ist, dass wir in einer Saison Meister geworden sind, in der keiner mit uns gerechnet hat. Das ist großartig für die ganze Region und die Stadt.“

          Welche Spuren diese Saison hinterlassen hat, konnte Machulla schon kurz nach Abpfiff ganz gut erklären. „Nach dem peinlichen Ausscheiden in der Champions League in Montpellier lag ich im Hotelzimmer und war fertig. Ein paar Wochen später bist du deutscher Meister. Es kostet ganz schön viel Kraft, so etwas auszuhalten.“ Etwas Energie für große Aufgaben wird Machulla noch aufwenden müssen – es ist ja erst sein Jahr Nummer eins als Cheftrainer gewesen, und bei sechs Abgängen steht der SG ein amtlicher Umbruch bevor, den er gemeinsam mit Manager Dierk Schmäschke anleiten muss.

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