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„Sex sells“ : Sportler auf dem Fleischmarkt

  • -Aktualisiert am

Serena Williams hat ihre Pelle selbst entworfen Bild: picture-alliance / dpa

Körperlichkeit, Körperkult, Körperverliebtheit, Körperbesessenheit sind selbstverständliche Wesenszüge einiger Sportarten. Sex sells. Und alle verdienen daran. Evi Simeoni über die zunehmende Sexualisierung des Sports.

          3 Min.

          Sie füllt ihr glänzend schwarzes Trikot so druckvoll aus, dass es zu bersten droht. Ihr Körper sitzt gespannt darin wie eine Fleischgranate. Die prallen Pobacken drohen den dünnen Trikotstoff zu sprengen, ihre Brüste sausen mit der Aufschlagbewegung in die Höhe und scheinen die Welt wie Waffen zu bedrohen. Das Publikum am Centre Court hält den Atem an: Hier findet nicht nur ein Tennisturnier statt. Zwar fliegt der gelbe Ball, es geht um Punkt, Satz und Sieg. Doch unter dem sportlichen Lack wird ein zweites Spektakel gegeben - die animalische Fleischbeschau. Sexy open. Alles glotzt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ob die junge, dunkelhäutige Frau weiß, welches Spiel hier mit ihr getrieben wird? Sie weiß es. Die Amerikanerin Serena Williams hat ihre knappe Pelle selbst entworfen. Sie ist Tennisstar und nebenher auch noch Modedesignerin und Model. Sie hat keine Angst davor, ihre üppigen Formen im Rampenlicht zu zeigen. Lieber räkelt sie sich darin. Also: Was soll daran falsch sein? Sex sells. Alle verdienen daran.

          Schöner und begehrenswerter

          Körperlichkeit, Körperkult, Körperverliebtheit, Körperbesessenheit sind selbstverständliche Wesenszüge einiger Sportarten. Wer zuschaut, gibt sich auch gerne hin und wieder dem Voyeurismus hin. Erfolge, Rekorde, dramatische Wettkämpfe sind die offiziellen Botschaften von Meisterschaften und Olympischen Spielen. Doch natürlich ist das Parallelthema immer dabei. In vielen Sportarten kann man besonders schöne Körper sehen, und wer selbst Sport treibt, hofft schöner und begehrenswerter zu werden. Wohlgeformt, kurvig, eben- und gleichmäßig - ein Typ zum Anfassen.

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          „Sex sells“ : Sportler auf dem Fleischmarkt

          "Sport macht sexy" - das Deutsche Sport- und Olympiamuseum in Köln hat diesem Thema nun eine ganze Ausstellung gewidmet. "Wir wollten eine Werbeveranstaltung für den Sport machen", sagt Museumsleiter Christian Wacker. Die Attraktivität des Sports, Schönheit, Ästhetik, Coolness sind die Begriffe, mit denen die Kuratoren arbeiteten. Unter den Begriff "sexy" soll nicht nur die Erotik fallen, sondern die Attraktivität an sich.

          Von Kournikowa bis Beckham

          Thomas Bach, Deutschlands höchster Sportfunktionär, bezog sich in seinem Grußwort sogar ganz säuberlich darauf, dass heute Werber und Marketingleute ihre Produkte allzu gerne als "sexy" verkauften, "ohne diese mit nackter Haut bewerben zu müssen". Aber solche Mühe, die zunehmende Sexualisierung vor allem des Fernsehsports verbal auf lauwarme Temperatur zu bringen, musste scheitern angesichts der Bilder der Ausstellung.

          Viel glatte Muskeln und nackte Haut, perfekter Körperbau, verführerische Blicke, Wind im Haar, frischer Schweiß auf junger Haut, die Demonstration von Kraft und Geschmeidigkeit, gewagte Kostüme und schrille Selbstdarstellung bestimmen die Optik der verschiedenen Themenbereiche. David Beckham, natürlich, darf nicht fehlen, der extravagante Modegeck, der seinem Verein Real Madrid als Marketing-Figur jahrelang noch viel wichtiger war denn als Flankengeber.

          Und Anna Kournikowa, die blonde Tennisspielerin, der wohl erfolgloseste Sportstar der Geschichte. Als Juniorenspielerin wurde sie zwar einmal 0:6, 0:6 von Martina Hingis vom Platz gefegt. Aber, so will es die Überlieferung, es soll ihr nicht viel ausgemacht haben. "Du hast zwar gewonnen, aber ich bin hübscher und werde später viel mehr Geld verdienen als du", soll sie der Schweizerin gesagt haben. Ihren einzigen Titelgewinn verdankte Kournikowa später ihrer Doppelpartnerin Martina Hingis. Man nannte die beiden "die Schöne und das Biest".

          Maximalgrößen für Sportbekleidung

          "An dieser Stelle würde ich eine Grenze ziehen", sagt Museumsdirektor Wacker. Zwar haben sich die Kuratoren auch durch kritisches Einlassen nicht die Laune verderben lassen: Ganz spielerisch transferierten sie eine Reihe von erotisch aufgeladenen Sportfotos in zwei nachgebaute Peepshow-Kabinen und thematisieren so den Übergang von der Augenweide zum Sex-Objekt. Genau in dem Moment aber, da das Aussehen eines Sportlers höher bewertet wird als die Leistung, ändert sich der Charakter der Handelsware - ganz im Sinne der Vermarkter und Manager. Der Körper als Kapital. Am hemmungslosesten werfen wohl die internationalen Volleyball-Funktionäre ihre Sportler auf den Fleischmarkt. Im Beachvolleyball gibt es knapp bemessene Maximalgrößen für Sportbekleidung. Diese liegen weit jenseits der Schamgrenze in anderen als der westlichen Kultur, besonders im traditionellen Islam.

          Manager Werner Köster hat einst eindrucksvoll demonstriert, wie man durch Sexualisierung von Sportlerinnen den Markt aufrollt. Und zwar mit seiner damals minderjährigen Anvertrauten, der Schwimmerin Franziska van Almsick. Ihr Kindfrau-Image war Millionen wert. Ihre Privilegien wurden so groß, dass einst eine weniger Hübsche für sie bei der WM 1994 in Rom ihren Finalplatz räumen musste.

          „Playboy“ ja, Museum nein

          Trotz seiner Pionierleistungen fand Köster die Idee des Sportmuseums, seine aktuelle Klientin, die Sprinterin Sina Schielke, zu einer Rahmenveranstaltung einzuladen, aber unmöglich. "Für eine solche Schmuddel-Ausstellung geben Sie sich her", warf er Wacker am Telefon vor. Katarina Witts Managerin blieb sachlich, lehnte den Vorschlag aber ab, ihre Klientin zur Schirmherrin der Ausstellung zu machen. Was Schielke und Witt gemeinsam haben? Sie zogen sich gegen Geld für die Zeitschrift "Playboy" aus. "Gerade von den Sportlern, die sich medial am meisten prostituieren, bekamen wir Absagen", sagt Wacker und empfindet das als "Doppelmoral".

          Viele sportliche Männer flirten genauso gerne mit Voyeuren wie Frauen. Einer der eifrigsten ist Stabhochspringer Tim Lobinger, nicht der beste, aber der auffälligste deutsche Leichtathlet. Er drehte nach seinem Sieg 2003 in Monaco sogar mit entblößtem Hintern eine Ehrenrunde, was ihm eine Strafe von 5000 Dollar einbrachte. Offenbar wollte er so seine Meinung über einen Schiedsrichter ausdrücken. Wahrer Körperkult sieht natürlich anders aus.

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