https://www.faz.net/-gtl-717eg

Selbstversuch am Mont Ventoux : Der Tag der Rache

Bild: Jan Bazing

17 Kilometer, 1600 Höhenmeter: Mit dem Rennrad auf den Mont Ventoux, das ist nur etwas für austrainierte Jungs. Aber mit 110 Watt, gut versteckt im Sattelrohr, fährt man ihnen lächelnd davon. Ein Selbstversuch.

          War das eine Aufregung damals! Vor zwei Jahren hatte der ehemalige italienische Radprofi Davide Cassani in einem kleinen Film auf „Youtube“ behauptet, der Schweizer Zeitfahr-Olympiasieger Fabian Cancellara sei unter anderem beim Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix mit einem „gedopten“ Rennrad unterwegs gewesen, habe bei der entscheidenden Attacke per Knopfdruck einen Elektromotor zugeschaltet.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Der internationale Radsportverband (UCI) kümmerte sich ohne Ergebnis um die Causa, und alle möglichen Experten taten das auch. Für die Tiroler Firma Gruber, die den Antrieb baut, war das Video ein Volltreffer. Die Österreicher hatten plötzlich eine Öffentlichkeit, für die sie bis heute dankbar sind. Gruber hat seine kleinen, im Sattelrohr versteckten E-Motoren bislang hauptsächlich in Trekking- und Mountainbikes eingebaut, in diesem Frühjahr haben die Tiroler nun auch ein Rennrad im Programm, angetrieben per Muskelkraft und zuschaltbarer Unterstützung. Der Motor ist die Weiterentwicklung jenes Typs, der vor zwei Jahren für so viel Aufregung sorgte.

          Lassen wir Cancellara mal beiseite und nehmen wir an, dass das Gruber-Motorchen im Profi-Peloton nicht einsetzbar wäre, wie die meisten Experten und auch die UCI behaupten. Aber wie schaut es bei ambitionierten Freizeit-Rennradlern aus? Die Antwort liefert ein kleiner Selbstversuch mit der Gruber-Rennmaschine Veloce.

          Ein Grauen und Keuchen

          Ausgangspunkt ist eine Reise. Einmal im Jahr fährt die ganze Radgruppe für eine Woche in die Provence an den Mont Ventoux, das ist schon Tradition, und, man muss es leider zugeben, einige der Mitfahrer haben schon bessere Zeiten gesehen, inklusive man selbst. Doch leider gilt das nicht für alle in der Gruppe, es ist ja immer einer dabei, der fitter ist, leichter, der den Winter nicht auf dem Sofa, sondern auf dem High-Tech-Ergometer mit dem Programm „Alpe d’Huez“ verbringt, und dem man deshalb im Frühjahr auf dem Rennrad hinterher hechelt, dass es ein Grauen und ein Keuchen ist. Man hofft dann immer, lieber Gott, mach’, dass ich am Mont Ventoux nicht allein mit - nennen wir ihn mal - Jochen fahren muss, damit er mir nicht entspannt von seiner letzten Alpenüberquerung erzählt, während ich die letzten Lebensgeister aushauche, lass wenigstens einen mitfahren, der noch langsamer ist als ich, damit ich mich ihm (oder besser noch: ihr) gönnerhaft anschließen kann, während Jochen vorausbrummt, so ist doch jedem gedient.

          Unsichtbare Technik

          Jetzt, in Bedoin, am Fuße des Mont Ventoux, dort, wo man zum fürchterlichsten aller Anstiege aufbricht, 1600 Höhenmeter sind auf nicht einmal 17 Kilometer verteilt, dort steht man nun allein mit Jochen, nachdem alle anderen mit fadenscheinigen Begründungen die Kurve gekriegt haben, und es könnte ein wirklich schöner Tag werden, der Tag der Rache. Jochen nämlich weiß nichts von den 110 Watt, die bei uns im Sattelrohr schlummern. Über den verräterischen roten Knopf am Lenker haben wir schlau eine kleine schwarze Klingel montiert, und Jochens fachmännische Begutachtung des neuen Rades hatte am Morgen keinerlei Verdachtsmomente ergeben.

          Man sieht dem Veloce seine verborgenen Werte ja tatsächlich nicht an, es wiegt samt Technik um die zehn Kilogramm und ist ein ganz normales Rennrad mit Dreifach-Schaltung, dreißig Gängen und auch sonst allem, was dazugehört. Während andere E-Konzepte Rennräder mit riesigen Akkus und Nabenmotoren verunstalten, bleibt die filigrane Gruber-Technik unsichtbar und lässt die Ästhetik der Rennmaschine unberührt. Nur die Tasche unter dem Sattel, in der sich der Akku versteckt, ist ein bisschen groß geraten, aber auch Jochen hat an seinem Carbon-Boliden eine größere Tasche montiert, um Windjacke, Riegel und Ersatzschlauch zu verstauen.

          Ganz oben: Der Autor ist als Erster auf dem Gipfel

          Der neue Gruber-Motor, „Vivax“ genannt, ist leise, bei schnellen Passagen in der Ebene fällt er bei den brausenden Wind- und Abrollgeräuschen nicht auf. Nur wenn es ganz ruhig ist um einen herum, bei steilen Anstiegen im Wald zum Beispiel, erzeugt der Antrieb unter Volllast ein schleifendes, verräterisches Geräusch, und hier, am Anstieg des Mont Ventoux, ist das ein Problem. Denn wie wegkommen von Jochen, dem Hochtrainierten, ohne dass er Verdacht schöpft? Und so bleibt der Motor erst einmal aus, und es fließt ein paar Kilometer lang der Schweiß in Strömen.

          Weitere Themen

          Union Berlin lässt sich die Laune nicht verderben

          0:4 gegen Leipzig : Union Berlin lässt sich die Laune nicht verderben

          0:4 verloren, aber dennoch Premierenfeier: Union Berlin nimmt die Leipziger Lehrstunde im ersten Bundesligaspiel der Vereinsgeschichte recht locker. Leipzig startet unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann mit einer starken Leistung in die Spielzeit.

          Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho Video-Seite öffnen

          Transfer-Neuzugang : Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho

          Auf dem Spielfeld während des Trainings suchte man ihn noch vergebens. Der FC Bayern hatte aber bestätigt: Er und der FC Barcelona haben grundsätzlich eine Einigung über einen Transfer von Philippe Coutinho nach München erzielt.

          Topmeldungen

          Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview.

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.