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Seglerin Anna-Maria Renken : „Reiß dich zusammen, du dumme Pute“

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Endlich die Freiheitsstatue im Blick: Anna-Maria Renken hat es über den Atlantik geschafft. Bild: The Transat

Mastbruch, Müdigkeit und Schwerstarbeit: Anna-Maria Renken ist als erste Deutsche allein über den Atlantik gesegelt. Und das nächste Abenteuer steht schon bevor.

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          Anna-Maria Renken ist aufgekratzt, überdreht könnte man fast sagen. Das Erlebte der letzten dreieinhalb Wochen sprudelt nur so aus ihr heraus, während sie in Jeans und Badelatschen in der Lobby eines Hotels in Brooklyn sitzt, etwa zehn Fußminuten von dem Pier entfernt, wo sie in den frühen Morgenstunden des vergangenen Mittwochs nach gut 21 Tagen und fast 4000 Seemeilen an Land gegangen ist. Sie spricht von der Erschöpfung, die ihr eigentlich nicht anzumerken ist.

          So ist das wohl, wenn man die Grenzen menschlicher Belastbarkeit irgendwo in der Mitte des Atlantiks hinter sich gelassen hat und in eine Zone vorgedrungen ist, in die nur wenige Menschen gelangen. „Ich warte die ganze Zeit darauf, dass ich zusammenbreche und einen ganzen Tag schlafe“, sagt sie. Aber bislang sei das noch nicht passiert. Die 35-jährige Profi-Seglerin aus Bremen ist gewiss nicht naiv an das Projekt herangegangen, auf einer 40-Fuß-Yacht allein den Atlantik zu überqueren. Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Sieben Monate lang hat sie sich auf die Traditionsregatta „The Transat“ vorbereitet, Tag und Nacht, alle Eventualitäten durchgespielt, „jede Situation tausendmal visualisiert“, wie sie sagt. Und doch konnte sie nichts darauf vorbereiten, was sie ganz allein da draußen auf dem Meer erwartet.

          Wind, starker Seegang, Regen

          Die Prüfung begann für Renken praktisch vom Start weg. Der Atlantik hatte keine Gnade mit der Norddeutschen, der man die Furchtlosigkeit schon in ihrer freien, unverstellten Art zu erzählen anmerkt. Kaum dass sie in Plymouth abgelegt hatte, geriet sie in eine Tiefdruckzone, die ihr alles abverlangte: „Drei Tage lang nur Wind, starker Seegang, Regen.“ Drei Tage, nach denen sie fix und fertig war. Dabei war das erst der Anfang des Abenteuers. „Ich hatte echt schon ein Tief“, sagt sie. Der ganze Atlantik schien noch vor ihr zu liegen, und eigentlich war sie schon am Ende ihrer Kräfte, nach 72 Stunden ununterbrochener Schwerstarbeit, bis auf ein gelegentliches Wegnicken von 20 Minuten auf dem Sitzsack, den sie mit an Bord hatte - dem einzigen bequemen Möbel auf einem Rennboot, das ständig hin und her geworfen wird.

          Geholfen haben ihr in dieser Phase der Einsamkeit und der drohenden Verzweiflung die E-Mails ihrer Mutter aus Deutschland: „Ich war meiner Mutter noch nie so nahe wie in diesen drei Wochen.“ Ihre Mutter verstünde zwar überhaupt nichts vom Segeln. „Die mag überhaupt kein Wasser, die taucht im Hallenbad nicht mal den Kopf unter.“ Aber sie kennt ihre Tochter und wusste genau, was sie tun musste, um sie auf Kurs zu halten.

          Wenn Anna-Maria Renken gewusst hätte, was ihr noch bevorsteht, wäre es für ihre Mutter in Niedersachsen jedoch vielleicht nicht so einfach gewesen, sie wieder aufzumuntern. Das wahre Drama begann erst Tage später, ausgerechnet am Freitag, dem 13., nach neun Tagen auf See. „Ich lag eigentlich gut im Rennen“, sagt sie. Vor ihr lag freie See, die Gedanken sprangen bereits nach Amerika. Doch dann führte eine fatale Verkettung von Unglücken fast zu einer Katastrophe. Erst riss es die Windmess-Instrumente vom Mast. In modernen Rennbooten löst so etwas eine Kettenreaktion aus. Bevor sie reagieren konnte, geriet der Auto-Pilot, der nun keine akkuraten Wind-Daten mehr hatte, außer Kontrolle. Das Boot halste zum falschen Zeitpunkt, das Segel riss. In diesem Augenblick dachte Renken, dass alles vorbei ist.

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