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Segler Justus Schmidt : „Der Müll darf in Rio nicht rennentscheidend werden“

Segler Justus Schmidt (l.) und sein Teamkollege Max Böhme Bild: Picture-Alliance

Ein Jahr vor den Sommerspielen bestreitet Segler Justus Schmidt in Rio ein Test-Rennen. Im Interview spricht der Deutsche über die Wasserqualität des olympischen Segelreviers, die Tücken von Plastiktüten – und mögliche Alternativen.

          4 Min.

          Was machen Sie im Moment in Rio?

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Wir trainieren. Am 16. August beginnt das Testevent - ein Jahr vor den Olympischen Spielen, am Ort der Spiele, zum Zeitpunkt der Spiele. Da ist dann vom Set-up alles so, als seien es Olympische Spiele, nur dass sie es eben nicht sind.

          Und? Wie sind die Bedingungen, über die alle Welt jetzt spricht - die Wasserbedingungen im olympischen Revier?

          Zu allererst: Es findet medial ein ziemlicher Hype statt. Die Wasserqualität ist nicht super, aber es werden Bilder gezeigt, die die Geschichte dramatischer machen. Vor drei Tagen haben mein Vorschoter und ich im Wasser ein unfreiwilliges Bad genommen und eine unfreiwillige Wasserprobe im Mund gehabt. Wir sind bis heute nicht krank. Das spricht für die Wasserqualität. Geschmeckt hat es allerdings auch nicht. Es war schon eklig. Man weiß einfach nicht, was es genau ist. Ich wünsche allen Athleten, die in diesem Wasser tatsächlich schwimmen müssen, allerdings viel Erfolg. Das ist kein Vergleich zu uns, da wir die meiste Zeit über der Oberfläche sind. Seitdem wir da sind, ist noch kein Segler krank geworden. Was uns nicht gefällt: Auf dem Kurs schwimmt Müll.

          Was schwimmt da?

          Eine Plastiktüte sieht harmlos aus, kann aber, wenn sie sich um das Schwert des Bootes wickelt, rennentscheidend sein. Da muss man anhalten, sie entfernen. Das kostet viele, viele Meter und Plätze.

          Nichts, das hier nicht schwimmt: Gasflaschen, Sofas, tote Katzen und Hunde, Plastik und Dosen ohne Ende Bilderstrecke
          Nichts, das hier nicht schwimmt: Gasflaschen, Sofas, tote Katzen und Hunde, Plastik und Dosen ohne Ende :

          Wie viele Tüten schwimmen denn im Meer?

          Es gibt in der Bucht ganz charakteristische Ballungszentren, Stromkanten. Punkte, an denen eine Stromrichtung gegen die anderen geht. Da sammelt sich der Müll. Da findet man häufiger Plastiktüten, und da müssen wir im Wettkampf durch, denn es gibt hier einfach sehr viele Stromkanten. Auf dem offenen Wasser ist es seltener.

          Jetzt wurde geschrieben, auch tote Tiere trieben durchs Wasser, Hunde, Katzen. Haben Sie das gesehen?

          Ich habe davon gehört, und ich kenne Aufnahmen von dem Team, dem das passiert ist. Die hatten eine Kamera hinten am Boot und da war ein toter Hund im Wasser zu sehen. Mir ist das zum Glück noch nicht passiert.

          Sind Sie solche Bedingungen gewohnt?

          Ich würde hier nicht baden gehen. Die Locals baden in der Bucht, aber es ist nicht sonderlich einladend. Die Wasserqualität ist die schlechteste, die wir gesehen haben. Wir sind einen hohen Standard gewohnt, von den Mittelmeer- und Atlantikküsten in Europa. Da ist es einfach perfekt, da gibt es so etwas nicht.

          Wie sieht das Wasser denn aus in Rio?

          In der Regel sieht es schon aus wie Wasser. Aber an diesen Ballungszentren und innerhalb der Bucht kann es schon braun werden und schäumen. Und da denkt man: Hier reinfallen? Muss nicht sein. Farbe und Schaum können aber auch mit Algen zu tun haben, das muss nicht nur am Müll und Dreck liegen.

          Stellen Sie sich vor, Ihre Sportart wäre organisiert wie ein amerikanischer Profisport, die NBA oder die NFL. Wäre ein Sport mit einer Seglergewerkschaft, ohne die die Bedingungen Ihrer Rennen nicht festgelegt werden könnten. So eine Vertretung würde sagen: Unter diesen Bedingungen - Müll im Wasser, der rennentscheidend sein kann, womöglich gesundheitsgefährdende Wasserqualität - da starten wir nicht. Warum sagen die Segler nicht gemeinsam: „Hier fahren wir nicht“?

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