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Vendée-Globe-Logbuch : „Ich habe viele böse Überraschungen erlebt“

Nur noch ins Ziel: Isabelle Joschke plagen bei der Vendée Globe derzeit große Sorgen. Bild: Isabelle Joschke

Der Hamburger Boris Herrmann und die Deutsch-Französin Isabelle Joschke passieren bei der Vendée Globe das Kap Hoorn. Große Freude kommt bei beiden Seglern jedoch nicht auf. Auch andere Skipper haben mit Tränen und Nervosität zu kämpfen.

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          Das Farbenspiel am anderen Ende der Welt ist recht eintönig an diesem Morgen: dunkelgraues Wasser, weiße Gischt, hellgrauer Himmel. Ein eisiger Wind, anderthalb Meter hohe Wellen und das monotone Pfeifen der Segel sorgen zudem für eine ungemütliche Atmosphäre. So hatte sich Boris Herrmann den womöglich zweitschönsten Moment bei seiner ersten Solo-Weltumsegelung nicht vorgestellt. Eigentlich wollte der Hamburger allein und nur für sich eine kleine Party feiern, wenn er mit seiner Yacht das Kap Hoorn umrundet. Doch nun herrschte an Bord der „Seaexplorer“ vor allem Erleichterung – und etwas Enttäuschung. „Es ist schade, dass ich das Kap nicht sehen konnte. Aber es wäre zu gefährlich gewesen, näher an die Küste heran zu segeln“, berichtete Herrmann in einem Video von Bord.

          Genau 57 Tage, 13 Stunden und sieben Minuten nach dem Start der Vendée Globe passierte Herrmann zum fünften Mal in seinem Leben das Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas. Erstmals war er dabei komplett allein. Nur wenige Stunden zuvor hatte er bereits zum zweiten Mal seit Rennbeginn einen Riss in seinem Großsegel festgestellt. Dessen Reparatur kostete ihn einige Stunden und ließ ihn auf den zehnten Platz im Gesamtklassement zurückfallen.

          „Ich werde den Kampf nicht aufgeben“

          Zuvor hatte der 39 Jahre junge Familienvater bereits mit heftigen Winden und Wellen sowie einem Problem mit seiner Stromversorgung und einer daraus resultierenden schlaflosen Nacht zu kämpfen. „Das war ein neuer Schlag ins Gesicht. Es tut weh, denn ich verliere viele Meilen. Aber ich werde den Kampf nicht aufgeben“, sagte Herrmann am Morgen danach sichtlich übermüdet, durchnässt und gefolgt von einem lauten Seufzer in die Kamera. Den obligatorischen Schluck Whisky und das Stück Schokolade, die er sich extra für die besonderen Meilensteine wie das Kap der Guten Hoffnung, das Kap Leeuwin und eben das Kap Hoorn mitgenommen hat, musste er sich für später aufheben.

          Nicht nur für Herrmann, der im Laufe der Regatta mehrfach betont hat, seine Yacht nicht immer maximal auszufahren um Mensch und Material auf der mehr als 45.000 Kilometer weiten Reise möglichst lange zu schonen, ist die auf der chilenischen Felseninsel Isla Hornos gelegene 425 Meter hohe Klippe an der südlichsten Spitze beider amerikanischer Kontinente ein Synonym für extrem schwierige Bedingungen. Seit jeher gilt Kap Hoorn für Hochseesegler als einer der mystischsten Orte des Planeten.

          Wer es mit seinem Boot quer durch den ungemütlichen und gefährlichen Südpazifik geschafft hat, wo am sogenannten „Punkt Nemo“ das nächste Festland teilweise mehr als 2000 Kilometer entfernt ist, der, so der Glaube, habe das Gröbste hinter sich und könne sich nach fast zwei Monaten allein auf dem strapaziösen Weg rund um den Globus bereits auf die Heimkehr freuen.

          Und so ließen sich gleich mehrere Skipper von ihren Gefühlen übermannen, als sie nun, mehr als zehn Tage nach dem bei der letzten Regatta aufgestellten Rekord in den südlichen Atlantischen Ozean einfuhren. Während das Führungstrio um die Franzosen Yannick Bestaven, Charlie Dalin und Thomas Ruyant bereits seit dem Wochenende wieder den Atlantischen Ozean hinauf segelt und die Teilnehmer auf den hintersten Plätzen noch nicht einmal Neuseeland geschweige denn Australien hinter sich gelassen haben, berichtete beispielsweise ein bewegter Damien Seguin: „Es ist verrückt, ich habe viele Tränen vergossen.“

          Passierte als Zehnter das Kap Hoorn: Segler Boris Herrmann biegt bei der Vendée Globe auf die Zielgerade ein
          Passierte als Zehnter das Kap Hoorn: Segler Boris Herrmann biegt bei der Vendée Globe auf die Zielgerade ein : Bild: Picture-Alliance

          Als Viertplatzierter machte er sich auf den noch mehr als 6500 Seemeilen langen und mehr als weitere zwei Wochen dauernden Heimweg in Richtung französischer Westküste und den Zielhafen von Les Sables d‘Olonnes. Auch die erst 31 Jahre alte und auf dem zwölften Rang segelnde Clarisse Cremer konnte es kaum erwarten mit ihrer Yacht endlich wieder einen nördlichen Kurs einzuschlagen: „Ich war die letzten Tage ziemlich nervös und werde sehr glücklich sein, wenn ich Land sehe. Zuletzt hatte ich den Eindruck, die Erde sei verschwunden“, schrieb sie in einem Blogeintrag.

          Große Sorgen plagen zudem die Deutsch-Französin Isabelle Joschke. „Ich habe viele böse Überraschungen erlebt in den letzten drei Tagen“, erklärte die gebürtige Münchnerin, die im Südpazifik und als schnellste Frau im Teilnehmerfeld zwischenzeitlich den fünften Rang belegte, nun aber immer weiter zurückfällt. Nachdem zunächst ihr Autopilot nicht mehr vollständig funktionierte und die Yacht der Skipperin seitdem noch weniger Ruhepausen erlaubt, verlor sie kurz darauf ihr „Gennaker“ genanntes Vorsegel und beklagt nun auch noch einen größeren Schaden an ihrem Kiel, der allein nicht zu reparieren ist.

          Sie starte nun mit deutlich geringerer Geschwindigkeit und „gemischten Gefühlen“ in die letzte Etappe der Rund-um-die-Welt-Regatta, berichtet Joschke. Es ginge ihr nun nur noch darum, ins Ziel zu kommen. Irgendwie. Boris Herrmann und viele weitere Skipper werden diesen Wunsch mit ihr teilen.

          Die Vendée Globe gilt als die härteste Regatta für Einhandsegler. Sie begann am 8. November an der französischen Atlantikküste und führt entlang des Südpolarmeeres einmal um den Globus. Mit Boris Herrmann nimmt erstmals ein Deutscher teil.

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