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Segler Boris Herrmann : Ganz allein auf den Everest der Meere

Gegenseitiges Kennenlernen: Boris Herrmann verbringt derzeit fast jeden Tag mit seiner Yacht „Malizia“ auf dem Meer. Bild: Quin Bisset

Als erster Deutscher will Boris Herrmann mit seiner Millionenyacht „Malizia“ bei der „Vendée Globe“ starten – der härtesten Segelregatta der Welt. Gegen ein bestimmtes Gefühl fehlt ihm jedoch noch das Heilmittel.

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          Gegen das Gefühl der Einsamkeit hat Boris Herrmann noch kein Heilmittel gefunden. Vor allem zu Beginn einer längeren Regatta verspürt Deutschlands bester Hochseesegler oftmals eine gewisse Schwere in seiner Magengegend. Dann, wenn die Route und das Wetter noch nicht vorherzusehen, und auch die eigene Verfassung sowie jene der Konkurrenten noch ein kleines Rätsel sind. „Das hört aber schnell wieder auf. Wenn das Rennen richtig gestartet ist, bin ich voll da“, sagt der 37 Jahre alte Hamburger. „Außerdem geht es den meisten anderen Seglern genauso.“

          Herrmann wird sich an dieses Gefühl gewöhnen müssen. In zwei Jahren will er – neben dem Hamburger Jörg Riechers, der ebenfalls eine Kampagne gestartet hat – als erster Deutscher an der prestigeträchtigen Vendée Globe teilnehmen. Bei der wohl härtesten Segelregatta der Welt jagen die Teilnehmer von der französischen Atlantikküste aus einmal um den kompletten Erdball über die Ozeane – allein und ohne jeden Zwischenhalt. Mehr als zweieinhalb Monate lang gefangen auf einer 18 Meter langen Yacht ohne richtige Toilette, gemütliches Bett und frisches Obst und Gemüse. Umringt von der schier endlosen Weite der Weltmeere.

          „Habe schon als kleiner Junge von diesem Rennen geträumt“

          „Die Vendée Globe ist der Mount Everest der Meere. Ich habe schon als kleiner Junge von diesem Rennen geträumt“, sagt der gebürtige Oldenburger, der bei seinem ersten Auftritt bei dem von Franzosen und Briten dominierten Rennen am liebsten direkt als Erster über die Ziellinie im Hafen von Les Sables d’Olonne segeln will. „Ich denke, dass ich mein Boot bereits jetzt deutlich besser kenne als viele andere Skipper. Wir haben im letzten Jahr ein wirklich inniges Verhältnis zueinander aufgebaut. Es ist schon jetzt mein halbes Zuhause und bestimmt mein komplettes Leben“, sagt Herrmann.

          Körperliche und mentale Schwerstarbeit: Auf seiner Yacht ist Boris Herrmann in allen Bereichen gefordert.

          5,5 Millionen Euro hat die Yacht, mit welcher der Franzose Sébastien Josse 2016 – unter dem Namen „Edmond de Rothschild“ – an der berüchtigten Weltumsegelung teilgenommen hat, gekostet. Seit Herbst vergangenen Jahres gehört sie nun dem Yachtklub von Monaco – dessen Vizepräsident Pierre Casiraghi nicht nur der jüngste Sohn von Prinzessin Caroline, sondern auch ein guter Freund von Boris Herrmann ist – und wurde auf den Namen „Malizia“ umgetauft, was übersetzt so viel wie „Schlitzohr“ bedeutet. Elementar wichtig ist zudem auch die Partnerschaft mit BMW. Der Münchner Autobauer, der sich jahrelang im America’s Cup engagiert hat, unterstützt Herrmann seit Beginn dieses Jahres vor allem bei der technischen Weiterentwicklung des Bootes sowie der Software-Ausstattung an Bord.

          Trotzdem benötigt der Skipper weiterhin jedes Jahr Hunderttausende Euro zusätzlich für den Unterhalt des Bootes, die Bezahlung des Teams und das Training auf der ganzen Welt. „Uns fehlt noch ein gewisses Budget, um so trainieren zu können, wie wir geplant haben, und um in zwei Jahren auch konkurrenzfähig sein zu können. Unser großer Vorteil ist aber, dass das Boot nicht erst noch gebaut werden muss und wir uns permanent weiterentwickeln können. Das gibt uns gegenüber einigen Konkurrenten einen großen Vorsprung“, sagt Herrmann.

          Seine Wohnung in der Hamburger Hafen City hat der drahtige Mann mit der von der Sonne gebräunten Haut zuletzt nur äußerst selten gesehen: Im Frühjahr segelte er erstmals allein über den Atlantik nach Bermuda, im Juli siegte er gemeinsam mit seiner fünfköpfigen Crew beim Jubiläumsrennen seines Heimatklubs, des Norddeutschen Regatta-Vereins, das von der Karibik aus nach Cuxhaven führte. Zuletzt legte Herrmann mit der „Malizia“ für eine Woche vor der Hamburger Elbphilharmonie an. An diesem Wochenende ist er nun für ein paar Showrennen im Kieler Hafen zu Gast, bevor es zum Technik-Training zurück in die Bretagne geht. „Oft gibt es nur einen halben Tag pro Woche, an dem ich nicht auf dem Boot bin, aber es kommt nun einmal auf jede Seemeile an. Es gibt so viele verschiedene Kombinationen von Windstärke, Windwinkel, Seegang und tausend anderen Dingen. Da dauert es ewig, bis du dein Schiff perfekt kennst“, sagt Herrmann. Und eines von drei Jahren Vorbereitungszeit ist bereits rum.

          Den ersten echten Härtetest für sich und seine Yacht erwartet Boris Herrmann deswegen auch noch diesen Herbst. Anfang November nimmt er an der prestigeträchtigen Route du Rhum teil, die von Frankreich nach Guadeloupe führt und wo der Deutsche erstmals im Wettbewerb gegen einige seiner künftigen Vendée-Globe-Konkurrenten antreten wird. „Klar will ich auch dort auf das Podium. Aber realistisch betrachtet gibt es ein paar Boote, die im Moment noch schneller sein müssten“, sagt Herrmann, der in seiner wenigen Freizeit am liebsten in den Bergen wandert oder Kite-Surfing betreibt – und dabei schon längst über das nächste große Ziel nachdenkt: Ein halbes Jahr nach dem Ende der Vendée Globe startet das bislang vom schwedischen Autohersteller Volvo ausgerichtete Ocean Race – eine Regatta, die ebenfalls einmal um die Welt führt, allerdings in mehrere Etappen unterteilt ist und von Teams absolviert wird.

          Wind, Wetter und das Meer: Die Geschwindigkeit der „Malizia“ hängt von so vielen Faktoren ab.

          2021 werden beim Ocean Race erstmals auch jene Imoca-Yachten der Open60-Klasse teilnehmen, zu denen auch die „Malizia“ gehört. „Für eine Segel-Crew ist das Ocean Race das Maß aller Dinge und für uns schon immer eine Perspektive gewesen. Jetzt haben wir das passende Boot, da wird eine Teilnahme unglaublich reizvoll“, sagt Herrmann – auch wenn die Vorbereitung auf die Vendée Globe derzeit natürlich über alles gehe. „Aber als Segler ist es nun mal immer gut, mindestens zwei Schritte im Voraus zu denken.“

          Mäßig bequem: Eine Pritsche, eine kleine Kochstelle und ein Pilotensitz mit allerlei Hightech – das ist fast alles, was unter Deck der „Malizia“ zu finden ist.

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