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Weltrekord-Logbuch (7) : Nach dem Abenteuer ist vor dem Abenteuer

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Blackbird Productions

Es ist nicht der erste Weltrekord für Boris Herrmann. Doch die Durchsegelung der Nordostpassage war anders. Doch die Lust auf ein neues Abenteuer ist schon wieder groß.

          Man sitzt zu Hause, macht sich einen Kaffee, schaut an der Bücherwand entlang und zieht den Atlas heraus. Dann verliert man sich darin. Vor dem inneren Auge ziehen Löwen durch die Prärie, perfekte Wellen brechen an exotischen Stränden, eine Hängematte wiegt sich unter Palmen: Fernweh. Die Amerikaner nennen das „Wanderlust“. Manch einer hat es vielleicht weniger, wir sicher mehr.

          Der Schönheit der Tropen ist nichts entgegenzusetzen. Dennoch rufen uns die hohen Breiten mit ihrer Verheißung von Entdeckung und herber Schönheit, von unberührter Natur und Intensität. Alaska, Antarktis, Norwegen, Island. Diese Reise ist für mich auch eine Rückkehr zu solchen alten Motiven. Mein Segeln begann als Kind inspiriert durch die Lektüre von Jack London. Ich segelte los, um Abenteuer zu erleben und die Welt zu entdecken.

          Angekommen bin ich heute in der Moderne, als Navigator im gedämpften Lichtschein der Computerbildschirme gigantischer Rennyachten, die samt ihrer Mannschaften und bis in alle Kohlefasern jeglicher Romantik entbehren. Segelrekorde auf den Weltmeeren bedeuten heute die absolute Kontrolle und Herrschaft über die Natur.

          Die perfekte Wettervorhersage, schneller als der Wind, schneller als alle Tief- und Hochdruckgebiete, immer auf der Idealroute, eine endlose Jagd nach Perfektion und Exzellenz, nach Geschwindigkeit, nach immer größeren Zielen, weiter und höher gesteckt, ein Rausch. Die erfolgreiche Durchsegelung der Nordostpassage ist im Jahr 2015 mein fünfter Weltrekord. Kreuz und quer bin ich durch die Welt gejettet, auf verschiedenen solcher ultimativen Rennyachten über die Weltmeere gehetzt, oft nur wenige Stunden am Zielort verweilend.

          „Es stimmt mich auch nachdenklich, mit eigenen Augen zu sehen, wie wenig Eis hier im Moment vorhanden ist“: Boris Herrmann. Bilderstrecke

          Dieser Rekord aber war anders. Von Anfang an. Geprägt von der Ehrfurcht vor der Natur, von der Einsicht der Unkontrollierbarkeit des Eismeeres, somit ein echtes Abenteuer, eine Rückkehr an das Bücherregal mit dem Atlas, zur Neugierde der Kindheit – in einem hochaktuellen Kontext. Dieser Fahrt hatte ganz andere Ebenen von Sinn jenseits des Sieges und der Illusion der Kontrolle der Natur mittels Technik.

          Gestern hieß es in den Tagesthemen – so schreibt mir mein Onkel an Bord –, dass diesen Sommer die viertgeringste Eisausdehnung aller Zeiten in der Arktis beobachtet wurde. Unser Russe Sergej, der hier schon vorher unterwegs war, beschreibt, wie ihm ein Eisbär auf offener See begegnet ist, 200 Meilen vom Eisschelf entfernt. Sie sind gute Schwimmer aber dieses Exemplar war dem Tod geweiht. Die Vorstellung lässt mich erschaudern. Die Geschichte ist gleichzeitig so symbolträchtig.

          Als professioneller Regatta-Segler hat man nichts übrig zu haben für naiv-gefühlsduseligen Tier- oder Meeresschutz. So gerne ich Eisbären und mehr Eisberge gesehen hätte, so sehr haben wir uns in den Nächten vor dem Eis gefürchtet. Ich halte nur wenig vom Aufhübschen des Sportlerimages durch Umweltthemen. Guo Chuans „Cause Peace and Sport“ hingegen, finde ich, bringt einen frischen Farbtupfer in die notorisch apolitische Rennfahrerwelt.

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