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America’s Cup und Corona : Ein schwerer Dämpfer für die Technik-Hatz

So entspannt lässt es sich schon länger nicht trainieren: Die Crew von „American Magic“ im vergangenen September. Bild: © Amory Ross / NYYC American Mag

Wegen der Corona-Pandemie steht die Vorbereitung auf den America’s Cup nahezu still. Ein Teilnehmer der berühmten Segelregatta ist zudem schwer in Verruf geraten. Doch gerade der Titelverteidiger könnte von der Krise profitieren.

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          Es ist schon einige Wochen her, dass im Hafen von Cagliari Delfine gesichtet wurden. Seit der Tourismus auf Sardinien zum Erliegen gekommen ist und wegen der Corona-Pandemie deutlich weniger Boote und Schiffe in den Hauptstadthafen der italienischen Insel einfahren, berichten immer wieder Einheimische in den sozialen Netzwerken von noch klarerem Mittelmeer und einer Rückkehr der Tiere in die sonst von Menschen und Motorenlärm beherrschten Gewässer.

          Die Premiere der 20 Meter langen, 26 Meter hohen, aus Carbon gefertigten und in der Sprache der Maori ebenfalls auf den Namen „Delfin“ (Te Aihe) getauften Yacht des „Team New Zealand“ in der Bucht von Cagliari fällt dagegen aus. Eigentlich sollten in diesen Tagen jene vier Teams aus Neuseeland, Italien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten, die im März kommenden Jahres in Auckland in Neuseeland um den America’s Cup segeln wollen, an der Südküste Sardiniens erstmals ihre viele Millionen Euro teuren Boote in einem Wettbewerb präsentieren.

          Poster-Sprüche statt Muskelspiele

          Zum Auftakt der dreiteiligen „America’s Cup Weltserie“ wollten Superstars wie die Olympiasieger Blair Tuke und Peter Burling vom neuseeländischen Titelverteidiger, der zweimalige Cup-Gewinner und Steuermann der italienischen „Luna-Rossa“-Crew Jimmy Spithill sowie der Brite Sir Ben Ainslie jene Einrumpfyachten mitsamt ihren tragflächenähnlichen Foils mit Geschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometern pro Stunde über das Wasser fliegen lassen und vor Zehntausenden Fans ihre Fähigkeiten für den Kampf um die älteste Segeltrophäe der Welt unter Beweis stellen. Wie bei den meisten Großveranstaltungen auf der Welt in diesem Jahr wird aber auch daraus nichts.

          Statt auf dem Wasser und mit Hilfe des Windes die Muskeln spielen zu lassen und den Gegnern bestenfalls die Grenzen aufzuzeigen, können sich die PR-Abteilungen der Teams derzeit nur online mit Videos von den Workouts ihrer Segler im heimischen Garten, Poster-Sprüchen vom gemeinsamen Kämpfen und gemeinsamen Siegen sowie Pressemitteilungen zum eigenen gesellschaftlichen Engagement messen: So ließ die Crew von „Luna Rossa“ zuletzt verlauten, dass das komplette Team auf einige Prozente des Gehalts verzichte und damit teilweise die am stärksten von der Pandemie betroffenen Krankenhäuser auf Sardinien unterstütze, um den Kauf neuer Beatmungsgeräte zu ermöglichen. „Das ist unsere Möglichkeit, all jenen Dankbarkeit entgegenzubringen, die derzeit an vorderster Front stehen und jeden Tag mit ihrem Mut und ihrem Engagement darum kämpfen, diese Herausforderung zu bewältigen“, sagte „Luna Rossa“-Kapitän Max Sirena. Zuvor hatte bereits der Besitzer des britischen „Ineos“-Teams, Jim Ratcliffe, innerhalb von zehn Tagen in Großbritannien eine Fabrik bauen lassen, in der seine in der Mehrzahl aus chemischen Betrieben bestehende Unternehmensgruppe nun pro Monat eine Million Flaschen Handdesinfektionsmittel produzieren soll.

          Vor allem für den mit vielen Ambitionen und noch mehr investierten Millionen gestarteten ersten Cup-Herausforderer aus Italien wird die Pandemie dabei immer mehr zu einem Kampf um das eigene wirtschaftliche Überleben. Denn während „American Magic“, „Ineos“ und das „Team New Zealand“ die Möglichkeit haben, trotz schwieriger Bedingungen, Trainingsverboten und unterbrochener Lieferketten weiter an ihren Yachten zu arbeiten, steht in der im norditalienischen Bergamo beheimateten Werft von „Luna Rossa“ derzeit alles still.

          Zudem ist das Syndikat finanziell von seinem Besitzer, dem Modedesigner Patrizio Bertelli, abhängig, dessen Luxusmarke Prada von der Krise ebenfalls schwer getroffen ist und der im Cup-Kosmos zuletzt schwer in Verruf geriet, weil er als Veranstalter die offizielle Absage des Events auf Sardinien bis Mitte März hinaus zögern ließ und auf die zuvor in langen Verhandlungen ausformulierten Regeln für den 36. America’s Cup pochte. Diese besagten bis zuletzt, dass eine Teilnahme am für den Februar 2021 vorgesehenen Cup-Qualifikationsturnier eine Beteiligung an allen drei Events der Weltserie vorsieht.

          Der Vorwurf an „Luna Rossa“ lautet seitdem, sich extra viel Zeit gelassen zu haben, um die Titelverteidiger aus Neuseeland sowie die Crew von „American Magic“ aus den Vereinigten Staaten in Geld- und Zeitnot zu bringen. Beide Teams hatten schon früh auf eine Streichung der beiden Europa-Events der Weltserie gedrängt, um die bereits von ihren Logistikpartnern auf die Reise nach Italien geschickten Boote in einer immer mehr still stehenden Welt so schnell wie möglich zurück in ihre Heimathäfen zu holen.

          Dass mittlerweile auch die zweite für Anfang Juni geplante Veranstaltung der Weltserie im britischen Portsmouth ersatzlos gestrichen worden ist, spielt dabei nun vor allem den nicht mehr um den Globus reisen müssenden Neuseeländern in die Karten. Sie gehen derzeit fest davon aus, dass zumindest das für die Woche vor Weihnachten geplante Weltserie-Event in Auckland stattfinden kann – in denselben Gewässern, in denen 2021 auch der Cup selbst ausgerichtet werden soll. Unter welchen Bedingungen und ob mit oder ohne Zuschauer, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.

          Fest steht dagegen schon jetzt, dass die sportliche Qualität des berühmtesten Segelrennens der Welt unter den Gegebenheiten leiden wird und die bei Fans für Faszination sorgende Technik-Hatz der Syndikate einen Dämpfer erhält: Eigentlich wollten die meisten Teams die Erfahrungen aus den Weltserie-Regatten nutzen, um für den Cup eine zweite, angepasste Yacht zu bauen. Nun werden wohl aber nicht nur die Neuseeländer dem Prototyp ihres Delfins vertrauen müssen.

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