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Segeln : Blockiert, ausgebremst, verschaukelt

Umkämpfte Segelklasse: 470er bei der WM vor Perth Bild: AFP

Die gnadenlose Auseinandersetzung unter den deutschen Seglerinnen Tina Lutz und Kathrin Kadelbach um die Olympiateilnahme im 470er könnte vor Gericht weitergehen.

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          Etwas Ablenkung findet Tina Lutz derzeit beim Skifahren in der Heimat am Chiemsee. Ihre tiefe Enttäuschung wird sie aber auch dabei nicht los. „Wir haben das Vertrauen in den DSV verloren“, sagt sie und meint damit die Funktionäre des Deutschen Segler-Verbandes (DSV). Einen Monat nach der Entscheidung, wer von den deutschen Seglern zu den Sommerspielen nach London fahren soll, kommt der Verband nicht zur Ruhe. Im Gegenteil: Nachdem die Olympiaqualifikation zwischen zwei deutschen Teams in der 470er-Jollenklasse der Frauen bei der Segel-WM vor Perth im Dezember völlig aus dem Ruder lief, spitzt sich der Streit in der Affäre nun zu. Der Fall wird in der Segel-Gemeinde heiß diskutiert - und notfalls will Tina Lutz juristische Schritte gegen den Verband ergreifen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eigentlich steht die 21 Jahre alte Oberbayerin für die Zukunft des deutschen Segelsports. Mit ihrer ein Jahr jüngeren 470er-Partnerin Susann Beucke aus Kiel zählt die Optimisten-Weltmeisterin von 2005 zu den neuen Gesichtern innerhalb des DSV, der seit Jahren in der sportlichen Flaute dahin dümpelt und deshalb auf junge Talente hofft. Doch Tina Lutz fühlt sich vom Verband verschaukelt. Der Vorwurf: DSV-Offizielle hätten durch Fehlinformationen und Nichteingreifen dafür gesorgt, dass die Konkurrentinnen um den Olympiaplatz, die 28 Jahre alte Berlinerin Kathrin Kadelbach und ihre ein Jahr ältere Vorschoterin Friederike Belcher bei der Segel-WM in Australien mit fragwürdigen Mitteln an ihr Ziel gekommen seien.

          Und das war passiert: Während der Wettfahrten, für die deutschen Segler die letzte Chance zum Punktesammeln für London, verlegten die in Führung liegenden Kadelbach/Belcher ihre Taktik darauf, die Rivalinnen durch gnadenloses Ausbremsen und Blockieren zu behindern - Fachausdruck: nach hinten segeln. Auf dem Wasser wurde geflucht, geschrien und es kam sogar zu einer Kollision beider Boote.

          Kurios: Das konsternierte Duo Lutz/Beucke ging am Ende leer aus, aber sicherte seinen Konkurrentinnen mit einem neunten Rang im letzten Lauf überhaupt erst das Recht auf eine Olympiateilnahme. Deutschland kam nur mit diesem Ergebnis in der Nationenwertung noch auf Rang 14, der für ein olympisches Startrecht in dieser Bootsklasse mindestens notwendig war. Aus eigener Kraft hätten es Kadelbach/Belcher mit ihrem 28. Platz nicht nach London geschafft.

          Audi gegen BMW

          Das bizarre Finale zwischen den beiden Steuerfrauen Tina Lutz und Kathrin Kadelbach schlägt seither hohe Wellen. Polarisiert hat das Duell schon länger, nicht nur, weil die junge Überfliegerin aus dem Süden Deutschlands sich selbst den Olympiatraum verwirklichen wollte gegen die routinierte Rivalin aus dem Norden der Republik. Tina Lutz gehört wie die meisten Topsegler dem 2008 gegründeten Sailing Team Germany (STG) an, das von Audi und SAP gesponsert wird und sich Nationalmannschaft nennt.

          Kathrin Kadelbach hat sich nicht dieser Gruppe angeschlossen und wird wie drei andere Spitzensegler vom Audi-Konkurrenten BMW unterstützt. Diese Konstellation führt zwar zu einem Riss durch die deutsche Segelelite, gilt aber nicht als Ursache für das Dilemma. „Leider wird das jetzt auf dem Rücken der Seglerinnen ausgetragen. Es wäre vermeidbar gewesen“, sagt der STG-Geschäftsführer und ehemalige Athletensprecher Oliver Schwall. Er gibt an, dass sein Team den Verband schon nach den Erfahrungen der Kieler Woche im Juni darauf hingewiesen habe, dass auf die beiden Crews in der Olympiaausscheidung beruhigend eingewirkt werden müsse. Eine Reaktion sei jedoch ausgeblieben.

          Während die spanische Crew (M.) zum WM-Sieg segelte, wurde Tina Lutz von Kathrin Kadelbach blockiert

          Tina Lutz beklagt sich, dass sie in den Tagen vor dem Start der WM in Perth weder vom Bundestrainer noch von der Sportdirektorin oder dem ebenfalls in Australien anwesenden DSV-Vizepräsidenten für Leistungssport darüber informiert worden sei, dass der Segelweltverband (Isaf) die Regeln für die WM-Regatten kurzfristig geändert hatte und durch eine Lockerung solche Frontalangriffe auf dem Wasser möglich machte. Zudem sei sie in einem weiteren Fall bezüglich der Nationenwertung falsch informiert worden.

          Die angegriffene DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner sieht kein Versäumnis auf ihrer Seite und verweist auf die Verantwortung der Teamtrainer. „Sonst gebe ich dazu keinen Kommentar“, sagt sie. Zwei Proteste von Tina Lutz, unter anderem wegen unfairen Segelns, waren von der Isaf-Jury in Perth abgewiesen worden. Kathrin Kadelbach segelte konform dem gerade geltenden Regelwerk und will auch nicht mehr viele Worte darüber verlieren. Doch sie findet auch, dass sich die Angelegenheit in eine Richtung entwickelt hat, die für alle Seiten „unschön“ ist.

          Lutz fordert Stechen gegen Kadelbach

          Viele Spitzensegler fragen sich, weshalb die DSV-Verantwortlichen wider besseres Wissen handelten und sich trotz Aufforderungen in Perth so passiv zeigten. Ein Athlet, der nicht genannt werden will, spricht von einem „kompletten Versagen“ der Verbandsoffiziellen. „Sie haben mir auf Nachfrage versichert, dass sie eingreifen wollten. Aber das waren nur leere Worte“, sagt Tina Lutz. Sie verweist auf die Beispiele der Franzosen und Engländer, die ähnliche Duellsituationen in ihren Teams hatten, aber ihren Seglern verboten, bei der WM nach der veränderten Isaf-Regelung zu agieren.

          Tina Lutz fordert nun ein Stechen gegen Kathrin Kadelbach. DSV-Verbandspräsident Rolf Bähr gesteht zwar auf Anfrage das „Wirrwarr“ ein, aber sagt auch: „Diese Entscheidung ist nach keiner Seite anfechtbar.“ Dann verweist er auf den Alter der unterlegenen Seglerin. „Tina ist unser Mädchen für 2016.“ Doch die junge kämpferische Frau vom Chiemsee will sich damit nicht zufriedengeben. „Mein Plan war eigentlich, in London Erfahrungen zu sammeln, um dann in Rio die Medaille zu gewinnen“, sagt Tina Lutz. Ihr droht nun eine weitere negative Konsequenz: Durch die schlechte Plazierung von Perth rutscht sie aus dem B-Kader und muss Einbußen bei der Sporthilfe hinnehmen.

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