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Segelfliegen : Auf der perfekten Welle

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Rekorde über Rekorde: Der Segelfliegern Klaus Ohlmann ist der Mann für Bestmarken Bild: privat

Klaus Ohlmann kann selbst der Eyjafjallajökull nicht stoppen: Denn Segelfliegen ist selbst in diesen Tagen noch nicht verboten. Der Segelflugpilot stößt bei seinen Rekordversuchen aber auch ohne Vulkanasche immer wieder in Grenzbereiche vor.

          7 Min.

          Auf so viele Flugstunden wie Klaus Ohlmann kommen nicht viele Piloten: 25.000. Es sind die erfahrensten unter den Airline-Kapitänen, die eine so lange Zeit im Cockpit ihrer Jets verbracht haben. Neun Jahre, in denen man täglich acht Stunden fliegen müsste, sind das. Dabei handelt es sich bei Ohlmanns bevorzugtem Fluggerät nicht um einen düsengetriebenen Langstreckenflieger, sondern um ein Segelflugzeug, in dem der Pilot bei sengender Sonne, eisiger Kälte, in Sturm und extremer Höhe ausharrt. So einen Segelflieger gibt es nicht? Doch: Klaus Ohlmann.

          „Ja, ja“, sagt er, er wisse schon: Segelflieger würden gemeinhin für „Herrenreiter“ gehalten. So einer ist Ohlmann aber sicher nicht. Vermutlich gibt es keinen Piloten auf der Welt, der über eine ähnlich große Flugerfahrung unter ähnlichen Bedingungen verfügt wie der Zahnarzt, der vor ein paar Jahren seine Praxis in Stockstadt in der Nähe von Aschaffenburg aufgegeben hat, um das zu machen, „was ich am besten kann“, wie er sagt: Segelfliegen. Das Bild vom reichen Dentisten, der lieber sein teures Hobby pflegt, als zu arbeiten, trifft auf ihn kaum zu. Der gelernte Zahntechniker machte sein Abitur in der Abendschule, studierte dann Zahnmedizin, hat sich inzwischen von seinem Beruf als Mediziner verabschiedet und sich ganz seiner Leidenschaft zugewandt. In Serres in Südfrankreich betreibt er eine Segelflugschule, unterrichtet und trainiert Flugnovizen und erfahrene Piloten. Wenn er zu Hause ist.

          Das ist Ohlmann allerdings selten. Um die Jahreswende war er beispielsweise wieder einmal in Argentinien, um Flüge zu absolvieren, die in Grenzbereiche des menschlich und technisch Machbaren führen. Ohlmann geht regelmäßig auf Weltrekordjagd. Um die vierzig Rekorde hat der aus Unterfranken stammende Pilot erzielt, der sich einige Jahre mit dem Neuseeländer Terry Delore im Wettstreit befand. Inzwischen hat Ohlmann Delore, der im Auftrag von Steve Fossett flog, abgehängt, was die Bestmarken betrifft. Darunter sind erstaunliche Leistungen. 2003 glückte Ohlmann der längste Flug, den ein Mensch in einem Segelflugzeug bislang absolviert hat. Auf einer Strecke mit drei Wendepunkten landete er seinen Gleiter erst nach 3008 Kilometern. Das ist weiter als der Weg von Frankfurt nach Kairo.

          Bild: F.A.Z.

          Flüge in diesen Geschwindigkeitsbereichen sind gefährlich

          Auch der Geschwindigkeitsweltrekord steht auf seiner Erfolgsliste: Im Dezember 2006 flog er eine Hin- und Rückflugdistanz von 500 Kilometern so schnell wie kein anderer Pilot zuvor in einem Segelflugzeug. 306,8 Kilometer in der Stunde war Ohlmann schnell. Dabei handelt es sich keineswegs um das Spitzentempo, sondern um die Durchschnittsgeschwindigkeit. „Es gibt Leute, die halten so etwas für nicht machbar“, sagt Ohlmann, „aber es ist machbar, wenn man sich technisch richtig vorbereitet.“

          Flüge in diesen Geschwindigkeitsbereichen sind in motorlosen Flugzeugen alles andere als ungefährlich. Überschreitet eine dieser leichten Maschinen eine gewisse Tempogrenze, läuft der Pilot Gefahr, dass das Fluggerät zerbricht. Ähnlich wie ein Ski auf der Piste gerät die Maschine ins Flattern. Die Schwingungen werden irgendwann so stark, dass das Material zerbirst. In Höhen von 7000 Metern und bei Außentemperaturen von unter 20 Grad minus sind solche Flüge am Tempolimit kein Spaß. Für einen, der sie nicht perfekt beherrscht, sind sie vor allem eines: lebensbedrohlich.

          Rekorde über Rekorde

          Realisieren lassen sich solche extremen Flüge nur in starken Luftströmungen. Piloten wie Ohlmann finden sie vorzugsweise in den Anden. Um zu wissen, wann diese Winde wehen, sind moderne Methoden der Meteorologie nötig. Ohlmann arbeitet deshalb mit Wissenschaftlern wie dem Bonner Professor Jörg Hacker, dem Marburger Professor Alfred Ultsch oder dem Berliner Atmosphärenphysiker Rene Heise zusammen. Heise ist selbst passionierter Segelflieger und steht als Geoinfo-Stabsoffizier des Kommandos Operative Führung bei der Bundeswehr in Dienst. Er ist einer jener Experten, welche die geologischen und klimatischen Bedingungen für Einsätze deutscher Soldaten im Ausland überprüfen.

          Für Wissenschaftler wie ihn sind die einzigartigen Erfahrungen von Pilot Ohlmann überaus wertvoll für die Forschungsarbeit. So kam von Heise kürzlich ein wichtiges Signal, das Ohlmann hörte - und sich sofort auf den Weg nach Argentinien machte. „Es passierte etwas dort“, notierte Ohlmann später in seinem Flugbericht. Ein Jetstream mit polarer Luft war dabei, mit einer subtropischen Höhenluftströmung zu verschmelzen - eine Situation, die nicht allzu häufig vorkommt. Eine ähnliche Konstellation gab es 2003. Damals gelang Ohlmann ein Coup in der Königsdisziplin des Segelflugs: dem Geradeausflug. Erst nach mehr als 2000 Kilometern landete sein Fluggerät. Mit dieser Leistung sicherte sich der Deutsche den Küttner-Preis, gestiftet von dem 100 Jahre alten Flug- und Raumfahrtpionier Joachim Küttner.

          Als er die Trophäe überreicht bekam, hatte Ohlmann zu dem Senior der Segelfliegerei gesagt: „Ich hätte auch 2500 Kilometer weit fliegen können.“ Der rüstige Küttner, der in den Vereinigten Staaten lebt, antwortete verblüfft: „Was? Ja, dann müssen wir gleich einen neuen Preis ausschreiben.“ Nun, dank der außergewöhnlichen Konstellation, konnte Ohlmann wieder auf die Jagd gehen - nach dem 2500-Kilometer-Küttner-Preis.

          Suche nach dem Jetstream

          Am 12. Januar 2010 ist für Ohlmann der Preis schon zum Greifen nahe. Seit Dezember ist er in den Kordilleren von Argentinien unterwegs, hat dabei schon wieder vier neue Weltrekorde aufgestellt - versorgt mit Wind- und Turbulenzvorhersagen des Amtes für Geoinformationswesen der Bundeswehr in Traben-Trarbach. Im ersten Tageslicht dieses 12. Januar startet der Deutsche seinen Hochleistungssegelflieger Nimbus 4 DM; der 60 PS starke, einklappbare Motor zieht den schneeweißen Gleiter in den Himmel über der noch schlafenden Stadt El Calafate in Argentinien. Starten vor Sonnenaufgang, Landen im letzten Tageslicht - auf diesem langen, schmalen Grat müssen sich Piloten bei Geradeaus-Rekordflügen bewegen. Ohlmann klappt den Motor, den er nur zum Start verwendet, wieder ein. Vor ihm liegt einer der aufregendsten Flüge in der Geschichte des Segelflugsports.

          Zunächst passiert nicht viel. Nach zweieinhalb Flugstunden mit einer verhaltenen Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde findet Ohlmann schließlich das, wonach er gesucht hat: den Jetstream. „Je weiter wir nach Norden kommen, desto mehr nähern wir uns dem Herzen des Jetstreams“, notiert Ohlmann. Der Sturm in der eisigen Höhe über den Anden katapultiert das Flugzeug auf Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 420 Kilometern in der Stunde. Dabei verliert der Gleiter nicht einmal an Höhe, steigt in der Kraft des Jetstreams weit in den Himmel - auf 5000 bis 7500 Meter, bei früheren Flügen bis auf 12.500 Meter, in Höhen, in denen sich sonst nur die Langstreckenjets der zivilen Luftfahrt aufhalten.

          Extreme Steigwerte

          Die Steiggeschwindigkeit ist zuweilen von brutaler Kraft. Mit Spitzensteigwerten von bis zu 15 Metern in der Sekunde wird das Flugzeug nach oben katapultiert - fast dreimal so schnell wie der Aufzug im Berliner Fernsehturm, der sechs Meter pro Sekunde schafft. Längst atmet der Pilot über ein modernes Sauerstoffgerät. Was die Kleidung betrifft, setzt Ohlmann auf den „Zwiebellook“, trägt mehrere wärmende Schichten übereinander. Schickes Sonderzubehör wie Fußsohlenheizung und Ähnliches kommen ihm nicht ins Cockpit. „Da wirst du von unten gebraten und von oben eingefroren.“

          Es sind sogenannte „Wellensysteme“, die solche extremen Höhenflüge erst möglich machen. Dabei prallt in Argentinien eine gewaltige Luftströmung ungebremst vom Pazifik nahezu senkrecht auf die längste Gebirgskette der Welt, die Anden. Hinter den Gipfeln entstehen wellenförmige Strömungen, auf denen Könner des Segelflugs in großer Höhe extrem schnell vorankommen. „Es ist wie das Surfen auf einer riesigen Welle“, beschreibt Ohlmann das Phänomen. „Als ob man durch einen Wellentunnel rasen würde. Die Kraft der Welle trägt dich immer wieder nach oben.“

          Dass solche Flugmanöver nicht von jedem Segelflieger beherrscht werden, liegt auf der Hand. „Selbst erfahrene Gebirgsflieger würden hier wahrscheinlich ernsthaft Schaden nehmen“, sagt Meteorologe Heise, der mit seinem „Mountain Wave Project“ (MWP) das Phänomen der Wellenwinde erforscht. Die Wellen und Rotoren auf der windabgelegenen Seite von Bergketten sind auch für die Berufsluftfahrt von Belang. Die in großer Höhe auftretenden Turbulenzen haben schon so manchem Jetpiloten Kopfzerbrechen bereitet. „Es kommt vor, dass es mit einem Schlag tausend Meter runtergeht“, sagt Ohlmann. „Da ist schon der eine oder andere Passagier gegen die Decke geknallt; und Passagierflugzeuge sind deshalb schon abgestürzt.“ Dass ein Segelflugzeug in solch extremer Umgebung nicht zerbricht, liegt an der hohen Stabilität der modernen Maschinen. „Sie sind zweieinhalbmal stabiler als ein Passagierflugzeug“, erklärt Ohlmann.

          „Was für ein Abenteuer

          Keine Frage, Ohlmann ist ein Draufgänger - aber kein Hasardeur. „Ich bin sicher nicht lebensmüde“, sagt der Mediziner. „Aber wer in seinem Leben kein Risiko eingeht, wird wohl niemals wirklich vorankommen.“ Weil der gebürtige Würzburger als verantwortungsbewusster Pilot Chance und Risiko in ein vernünftiges Verhältnis setzen muss, entscheidet sich Ohlmann bei seinem Rekordversuch am 12. Januar gegen die große Verlockung: 2500 Kilometer zu fliegen - und damit den neuen Küttner-Preis zu ergattern. „Immer noch 430 Kilometer zu fliegen“, schreibt er in seinem Flugbericht, „aber was zur Hölle ist das vor uns?“

          Eine braune Wand aus Staub erhebt sich am Horizont. Ein Sandsturm hat sie tags zuvor erzeugt - „ein brauner Albtraum“, notiert Ohlmann. Schweren Herzens entscheidet er sich, den Küttner-Preis unangetastet zu lassen. „Wenn ich ankomme, bin ich der Held. Wenn nicht, bin ich tot. Eine einfache Entscheidung.“ Also landet Ohlmann in San Juan, nachdem er die Landebahn trotz widrigster Sichtbedingungen unter sich ausgemacht hat. Den neuen Küttner-Preis, die Krone der Segelflieger, hat er verfehlt. Aber einen neuen Weltrekord schaffte er mit dem Flug dennoch. Nie zuvor flog ein Segelflugzeug im Streckenflug mehr als die Distanz, die Ohlmann an diesem 12. Januar zurücklegte: 2256,9 Kilometer. Und selbst der mit allen Wassern gewaschene Pilot notiert: „Was für ein Abenteuer.“

          Forschungsflüge im Himalaja

          Ohlmann wird weiter versuchen, Rekorde zu fliegen. Den 2500-Kilometer-Küttner-Preis wird er wohl irgendwann gewinnen. Doch in Zukunft will der 57 Jahre alte Würzburger andere Schwerpunkte setzen. 2011 will er mit dem MWP in Tibet im Himalaja den Luftaustausch zwischen Troposphäre und Stratosphäre erforschen. Natürlich mit dem Segelflugzeug. In 12.000, vielleicht sogar 15.000 Meter Höhe - in Druckanzügen aus der Raumfahrt. Rene Heise, der Leiter des „Mountain Wave Project“, hat schon lange mit den Vorbereitungen begonnen, Genehmigungen der chinesischen Behörden beantragt, die Zusammenarbeit mit mehreren wissenschaftlichen Instituten eingeleitet.

          Und vielleicht wird ja nebenbei noch ein Weltrekord herausspringen, hofft Heise: der Höhenweltrekord. Den hält immer noch Steve Fossett. 15.460 Meter hoch war der Amerikaner über dem Süden Patagoniens, über Ohlmanns Startplatz El Calafate, geflogen. Fossett ist 2007 von einem Flug über der Wüste von Nevada nicht zurückgekehrt. Ohlmann fliegt weiter. Die Frage, wie man ein Segelflugzeug nach China bekommt, beantwortet Heise: „Wir fliegen damit dorthin.“ (siehe auch: Video: Mit Rekordpilot Ohlmann durch die Lüfte)

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