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Segel-Revier bei Olympia : Kosmetik für die Kloake von Rio

  • -Aktualisiert am

Rios Symbole: Der Zuckerhut für die Postkarte, Viren und Bakterien für Sportler und Anwohner Bild: Reuters

Biologen sprechen von einer „Latrine“, in der im Sommer die Segler der Welt bei Olympia starten sollen. Nun gibt es im Revier auch noch einen brisanten Fund.

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          In den Sarg hat Mário Moscatelli alles hineingepackt, was in den letzten Wochen und Monaten in Rios berühmter wie berüchtigter „Guanabara-Bucht“ so alles aufgetaucht ist: Fernseher, Hausmüll und den Arm einer Schaufensterpuppe. Der Biologe und Aktivist, der am Wochenende mit Gleichgesinnten in Rios Stadtteil Botafogo symbolisch die Bucht beerdigte, ist frustriert: „Wir haben bereits vor sieben Monaten ein Manifest verabschiedet. An der gleichen Stelle mit den gleichen Forderungen.“ Geschehen sei allerdings nichts: „Die Behörden unternehmen überhaupt nichts“, wettert der wütende Mann. Sein Urteil über die Bucht ist eindeutig: „Das ist wie eine Latrine.“

          Knapp 10 Autominuten weiter liegt zwischen den Problemen von morgen und heute gerade einmal ein zwei Meter großer Streifen. Bepflanzt mit ein paar Sträuchern, verhindert das grüne Band rund um das neue Zukunftsmuseum in der kommenden Olympiastadt einen direkten Blick aufs Ufer. Nur wer durch die Grünpflanzen watet, erkennt, was da in der braungrünen Pampe schwimmt: Ekliger Müll klatscht mit den Wellen gegen die Außenränder des Museums, blau sind hier nur die Plastiktüten, die im Meer treiben.

          Im „Museo do Amanha“ sollen Schulkinder und Touristen auf die Welt von morgen vorbereitet werden. Und im August kämpfen hier im Wasser die Segler um olympisches Gold. Ob das tatsächlich so kommt, daran bestehen inzwischen berechtigte Zweifel, denn die Wasserqualität in Rios riesiger Bucht ist immer noch katastrophal.

          Noch einige Probleme : Rio sechs Monate vor Olympia

          Noch ein paar Kilometer weiter nördlich ist das Problem nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen. In der Nähe des Internationalen Flughafens, der gerade für die Olympischen Spiele ein neues Terminal bekommt, empfängt die Besucher beißender Gestank. Im bettelarmen Norden der Stadt offenbart sich die ganze Misere: Ungeklärt fließen die Abwässer der Favelas ins Meer, täglich ergießen sich auf diese Weise Tonnen von Unrat, Fäkalien und unappetitlichen Abfällen in Rios Badezimmer. Gemischt mit dem, was aus den Abflussrohren der benachbarten Industrie hinzukommt und was die riesigen Frachtschiffe auf ihrem Weg in den Hafen ins Meer entsorgen.

          „Die Guanabara-Bucht ist der Parkplatz der Erdölindustrie“, sagt Dawid Bartelt von der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Hinzu komme, dass es kein flächendeckendes Netz von Kläranlagen gibt. Zwar seien bereits vor Jahrzehnten Entwicklungsgelder in den Bau von Kläranlagen gepumpt worden, doch die verrotten nun, derweil sich städtische, Landes- und Bundesbehörden um die Zuständigkeit streiten. Es ist ein brasilianisches Trauerspiel.

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          Probleme in Brasilien : Rio improvisiert für Olympia

          Eine Gruppe von Studenten, Aktivisten und Umweltschützern mit dem Namen „Baia Viva“ kämpft inzwischen auf eigene Faust für die Säuberung der Bucht. „Wir sind eine Kampagne für eine lebendige Bucht“, heißt der Leitspruch der Organisatoren. Im November hatte die Gruppe zu einem vielbeachteten Aktionstag aufgerufen. In ein paar Tagen will „Baia Viva“ wieder aufs Wasser, um Proben zu entnehmen und um auf die große Verschmutzung hinzuweisen.

          Am 20. März soll die Insel „Ilha seca“ vor dem Flughafen „ökologisch und kulturell besetzt“ werden, heißt es in dem Aufruf, der inzwischen durch die sozialen Netzwerke geistert. Vor ein paar Monaten gingen die Bilder von Tausenden toten Fischen um die Welt, die in der Bucht mit dem Bauch nach oben trieben. Damals wiegelte Rios Bürgermeister Eduardo Paes ab, das käme wegen des Klimas immer wieder mal vor.

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          Das IOC will sich offenbar auf die Beteuerungen der Gastgeber nicht mehr verlassen und kündigte eigene Tests an. Ein Umweltskandal rund um die Spiele wäre das Letzte, was IOC-Präsident Thomas Bach gebrauchen könnte. Doch das Thema gewinnt an Fahrt, und immer mehr brasilianische Medien greifen die Problematik auf. Trotz Debatte um das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff, den Korruptionsskandal um den früheren Staatschef Lula da Silva und die enorme Wirtschaftskrise, die viele Brasilianer erst einmal nur an den eigenen täglichen Überlebenskampf denken lässt, bewegt die Einwohner Rios das Schicksal ihrer Bucht.

          Rios Bürgermeister Eduardo Paes wiegelt wie die Vertreter des lokalen Organisationskomitees bislang alle Umzugspläne ins beschauliche, rund vier Autostunden von Rio entfernte Touristenparadies Búzios ab. Das hatten die besorgten Sportler vorgeschlagen, die während eigener Tests auf dem Wasser Alarm schlugen. Nun berichtete die Tageszeitung „O Globo“ von einem weiteren brisanten Fund: Ein menschlicher Arm wurde in den Fluten des Segelreviers von Rettungskräften entdeckt. Der Anblick des menschlichen Arms inmitten einer unansehnlichen Pampe ist nur etwas für Hartgesottene.

          Der Biologie Mario Moscatelli beim Begutachten der Verschmutzung des Segel-Reviers
          Der Biologie Mario Moscatelli beim Begutachten der Verschmutzung des Segel-Reviers : Bild: Reuters

          In Kürze will Paes eine ganze Armada an Schiffen hinaus aufs Wasser schicken. Sie sollen mit Hilfe von Barrieren verhindern, dass noch mehr Dreck in Richtung der berühmten Strände gespült wird. Fleißige Helfer werden dann in Rekordzeit den Abfall aus dem Wasser fischen, so wird das Wasser zumindest oberflächlich gereinigt. Eine kosmetische Aktion, die allerdings nicht die Ursachen des Problems bekämpft.

          Doch das viel größere Problem ist nicht der sichtbare Dreck, sondern die unsichtbaren Schadstoffe und Bakterien, die sich im Meerwasser befinden. Ohnehin reden die Olympia-Manager viel lieber über ein anderes Vorzeigeprojekt: Im April soll das renovierte Hafengelände „Marina da Gloria“ feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bars und Restaurants laden zum Verweilen ein, und Rios Superreiche dürfen sich vom 8. bis zum 17. April während der „Rio Boat Show“ über die neuesten Trends im Hochpreissegment informieren. Großer Vorteil: Sie müssen dann nicht raus aufs Wasser.

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