https://www.faz.net/-gtl-xp27

Sebastian Vollmer : Der Bodyguard aus Deutschland

  • -Aktualisiert am

„Wir müssen den Quarterback beschützen”: Sebastian Vollmer (l.) bei der Arbeit bei den New England Patriots Bild: AP

Sebastian Vollmer hat es geschafft: Er spielt bei den New England Patriots in der besten Football-Liga - als einziger Deutscher unter 1700 Profis. In Amerika findet Vollmer Adrenalin und Action - und ist das „linke Auge“ von Superstar Tom Brady.

          Die Gewissheit, es geschafft zu haben, kommt für Sebastian Vollmer jeden Morgen um sechs Uhr. Dann betritt der 25-Jährige die Katakomben des Gillette-Stadiums in Foxborough. Seit sieben Wochen hat Vollmer dort, mitten in Massachusetts, einen der begehrtesten Arbeitsplätze. Er ist Footballprofi bei den New England Patriots, dem erfolgreichsten Team des 21. Jahrhunderts in der National Football League (NFL). Der Mann aus Kaarst am Niederrhein ist nur einer von insgesamt 53 kräftigen Kerlen im Kader - und dennoch etwas Besonderes. Er ist der einzige Deutsche unter den 1700 Footballspielern in der NFL.

          Drei Landsleute hatten es vor ihm dorthin geschafft. Horst Mühlmann (Cincinnati und Philadelphia) und Uwe von Schamann (Miami) waren Kicker, kamen also nur dann zum Einsatz, wenn es galt, das Ei in Richtung Tor zu befördern. Constantin Ritzmann spielte bei den Atlanta Falcons in der Verteidigung - und war nach einer Partie nicht mehr gut genug. Sebastian Vollmer hingegen gilt als erster Deutscher, der sich fest als Feldspieler in der NFL etablieren kann.

          Vollmer ist der Bodyguard von Tom Brady

          Er spielt Tackle, eine Position, die der des klassischen Sechsers beim Fußball am nächsten kommt. Hier geht es um Effektivität, nicht um Eleganz - und schon gar nicht um Ruhm. Selbst im statistikverrückten Sport-Amerika, wo alles ganz genau festgehalten wird, taucht der Tackle in keiner Spielbilanz auf. Beim Football sind die Quarterbacks mit ihren präzisen Pässen und die Wide Receiver, die das Spielgerät nach diesen weiten Würfen fangen und zum Touchdown in die Endzone tragen, die Superstars.

          „Hier ist nichts garantiert. Man muss sich jeden Tag neu beweisen.”

          „Wir müssen den Quarterback beschützen, die Gegner blocken, damit sie nicht zu ihm durchkommen“, sagt Vollmer. In seinem Fall ist es nicht irgendein Spielmacher, sondern der beste der Liga: Vollmer ist der Bodyguard von Tom Brady. Der 32-Jährige hat seit 2002 mit den Patriots dreimal die Meisterschaft gewonnen, mit Gisele Bündchen ein Topmodel zur Frau und die komplette Vorsaison aufgrund eines Kreuzbandrisses verpasst. Sein linkes Knie gilt immer noch als neuralgische Stelle im Patriots-Spiel. Das wissen auch die Gegner.

          „Du bist das linke Auge des Quarterbacks“

          Doch wer Brady packen will, muss erst einmal vorbei an Vollmer - dem Deutschen mit der beeindruckenden Größe von 2,03 Metern und einem Gewicht von 145 Kilogramm. Vollmer fällt nicht nur physisch auf, sondern auch durch seine Vielseitigkeit. „Tackle spielen eigentlich auf der linken oder der rechten Seite. Sebastian kann links und rechts spielen - das ist ungewöhnlich“, sagt Trainer Bill Belichick, der Vollmer in den beiden bisherigen Saisonspielen links eingesetzt hat. Hier ist die Verantwortung besonders groß.

          „Du bist das linke Auge des Quarterbacks. Sobald er den Ball hat und in Wurfposition geht, sieht er nicht, was auf seiner linken Seite passiert“, beschreibt Vollmer seinen Job. Er spricht leise, fast schüchtern, auch wenn das gar nicht zu seiner Statur passt. Sein Ziel sei nicht die Meisterschaft, sondern täglich zu lernen und besser zu werden. Eine derartige Demut ist ungewöhnlich in der NFL. Hier gelten viele Profis als arrogant, verdienen gigantische Gagen, fahren extravagante Sportwagen, tragen Goldketten und diamantene Ohrringe. Vollmer träumt nicht einmal davon. Er ist einer, der täglich hart arbeitet.

          „Man muss immer mehr machen, als der Trainer verlangt“

          In elf Jahren vom Niederrhein nach Amerika: Bis Mitte der Neunziger war Vollmer noch ein vielversprechender Schwimmer im Neusser SV. Sein Idol schwamm im eigenen Verein - Thomas Rupprath. Der war zwar besser, sei aber schließlich auch sieben Jahre älter gewesen, betont Vollmer. Doch irgendwann hatte Vollmer genug. „Ich war auf der Suche nach etwas Aufregenderem.“

          Adrenalin und Action fand er beim Football - da war er 14. Bei den Düsseldorf Panthern lernte er die Grundbegriffe der neuen Sportart. Mit der deutschen Jugendnationalmannschaft trat er 2003 schließlich in den Vereinigten Staaten an und spielte sich in die Notizblöcke der Scouts. Ein Jahr später wechselte er ins College nach Houston. Er hatte zwar weder den sprachlichen noch den sportlichen Background - und somit eigentlich keine Chance. Doch er ist ehrgeizig und diszipliniert, holte im abendlichen Selbststudium das auf, was Mit- und Gegenspieler ihm voraushatten. „Man muss immer mehr machen, als der Trainer verlangt“, hat Vollmer gelernt.

          „Man muss sich jeden Tag neu beweisen“

          „Sebastian ist ein kluger Junge und arbeitet unglaublich hart. Er hat zwar nicht die gleichen Football-Voraussetzungen wie unsere anderen Spieler, ist mit einer anderen Sprache und Kultur aufgewachsen, aber er lernt sehr schnell dazu“, lobt Belichick, der Vollmer im April gedraftet hat. Für vier Jahre hat Vollmer bei den Patriots unterschrieben, verdient in dieser Zeit mindestens 1,76 und im Idealfall sogar 3,1 Millionen Dollar.

          Doch er kennt die gnadenlosen Gesetze der NFL bereits bestens; er weiß, dass Verträge jederzeit einseitig kündbar sind. „Hier ist nichts garantiert. Man muss sich jeden Tag neu beweisen.“ Und deshalb genießt Sebastian Vollmer weiterhin jeden Morgen um sechs Uhr den Weg zum Stadion und die Gewissheit, für einen weiteren Tag ein Patriot zu sein.

          Weitere Themen

          Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho Video-Seite öffnen

          Transfer-Neuzugang : Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho

          Auf dem Spielfeld während des Trainings suchte man ihn noch vergebens. Der FC Bayern hatte aber bestätigt: Er und der FC Barcelona haben grundsätzlich eine Einigung über einen Transfer von Philippe Coutinho nach München erzielt.

          Topmeldungen

          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.
          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.