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Verratene Leichtathletik : Doctor Jekyll und Lord Coe

Nicht einmal die Fernsehreportage über Doping im russischen Sport und Bestechung an der Spitze der IAAF soll das Bewusstsein von Coe erreicht haben. Bild: dpa

Sebastian Coes Haltung macht einen Neubeginn unmöglich. Zumal die Leichtathletik im Gegensatz zum Fußball selbst in der Krise steckt. Denn sie ist im Kern verraten und missbraucht worden. Ein Kommentar.

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          Willful blindness ist eine böse Diagnose. Insbesondere wenn sie ein Abgeordneter in dem Ausschuss stellt, der dieses Wort bereits für das Wegschauen bei den Abhörpraktiken der Murdoch-Zeitungen und bei den sexuellen Übergriffen des BBC-Moderators Jimmy Savile auf Minderjährige verwenden musste. Diese absichtliche Blindheit attestierte Paul Farrelly, Member of Parliament, vor drei Wochen Sebastian Coe. Da hatte dieser behauptet, niemals auch nur gerüchteweise von den Manipulationen in der Anti-Doping-Abteilung des Verbandes gehört zu haben, dessen Vizepräsident er acht Jahre war.

          Coe will niemals geahnt zu haben, dass Lamine Diack, sein Vorgänger als Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), durch und durch korrupt war. Nun stellt sich heraus, dass ausgerechnet der Mann seit Jahren eingeweiht war, den Coe zu seinem engsten Mitarbeiter gemacht hat. Er soll Coe nichts davon gesagt haben, dass er dem Drahtzieher der Korruption die Agentur von Coe und Coe persönlich für eine Kampagne zur Ablenkung von dem Skandal empfahl? Er soll Coe verschwiegen haben, dass er vor bald zwei Jahren Verfehlungen des Leiters der Anti-Doping-Abteilung bei der Ethikkommission anzeigte?

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          Schon bisher war kaum vorstellbar, dass nicht einmal die Fernsehreportage über Doping im russischen Sport und Bestechung an der Spitze der IAAF, mit der das erste deutsche Fernsehen den Skandal auslöste, das Bewusstsein von Coe erreicht haben sollte. Es muss zwei Coes geben: den pfiffigen, der Olympische Spiele nach London holt und organisiert und der dem aserbaidschanischen Diktator Ilham Alijew die ersten Europa-Spiele der Welt zuschanzt. Und den tumben, der im Umgang mit Dopern und Erpressern glaubt, ihnen allen gehe es um nichts als schönen Sport.

          Coes Haltung ist nicht nur ein sträflicher Mangel an Neugier, sondern kaum mehr als ein Haarbreit von Lüge und Betrug entfernt. Sie macht einen Neubeginn unmöglich. Zumal die Leichtathletik im Gegensatz zum Fußball selbst in der Krise steckt. Die Fifa mag von Korruption beherrscht sein; sie wirkt lediglich wie ein Parasit, den das schöne Spiel mühelos ernährt. Die Leichtathletik aber, auf dem Weg vom Kern der Olympischen Spiele zu einer Randsportart, ist im Kern verraten und missbraucht worden. Die Therapie, die dem russischen Verband verordnet wurde, bevor er zurückkehren darf in internationale Wettbewerbe und zu Olympischen Spielen, ist auch für die IAAF angezeigt: personelle Erneuerung von Grund auf.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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