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Los Angeles im Super Bowl : Vier Stunden Schlaf müssen reichen

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„Wir haben keine Angst Fehler zu machen und greifen immer wieder an“: Sean McVay, Trainer der Los Angeles Rams. Bild: AFP

Die Los Angeles Rams spielen im Super Bowl. Dabei setzen sie sich unter schwierigsten Bedingungen in New Orleans durch. Das liegt auch an ihrem jungen Trainer, der auf eine besondere Strategie setzt.

          In einer Zeit, in der weite Teile des Landes in den Fängen eiskalter Wettersysteme stecken, gibt es für die Profis der National Football League keine attraktivere Alternative als ihre Spiele in einer gut geheizten Halle auszutragen. Allerdings reisen Auswärtsmannschaften zu solchen Terminen mit einem gewissen Unbehagen. Der Lärmpegel der gegnerischen Fans produziert vor allem in überdachten Arenen eine schmerzhafte Kakophonie. So wie am Sonntag im Superdome von New Orleans, wo die mehr als 70.000 Anhänger der Saints – so besagten die Messwerte im Gebäude – die Geräuschkulisse auf bis zu 116,4 Dezibel hochpeitschten. Vergleichbar dem Krach von Kreissägen oder Presslufthämmer.

          Der Radau ist Teil einer Zermürbungstaktik, die das auf diskrete akustische Signale aufgebaute und auf Verwirrung angelegte Angriffsspiel der angereisten Mannschaft aus der Façon bringen soll. Was in der ersten Halbzeit im Halbfinale der NFL-Meisterschaft auch ziemlich gut gelang. Die Los Angeles Rams konnten ihre Angriffsmaschine zunächst überhaupt nicht auf Touren bringen und lagen nach dem ersten Viertel bereits mit 0:13 zurück. Die Schwierigkeiten für Quarterback Jared Goff, Kommandant einer der produktivsten Angriffsreihen der Liga, die im Laufe der Saison einen Punkteschnitt von 32,9 produziert hatte, waren unübersehbar.

          Nachdem er den Ball beim ersten Ballbesitz einem Verteidiger der Saints in die Arme geworfen hatte, sah er sich gezwungen, einen Techniker an den Kopfhörern in seinem Helm arbeiten zu lassen. Er konnte die Anweisungen von der Seitenlinie nicht verstehen und wusste nicht, ob er seinen Nebenleute die korrekten, verschlüsselten Informationen für die geplanten Spielzüge übermittelt. Je länger das Spiel lief, desto besser kamen die Rams allerdings in Schwung und hatten in der Verlängerung das bessere Ende für sich. Diesmal profitierte ihr Kicker Greg Zuerlein von der Halle, in der man das Lederei in der windgeschützten Arena selbst aus enormen Distanzen passgenau durch das Gestänge ballern kann. So gewann das auf dem Papier sehr viel unerfahrenere Team durch seinen Schuss aus einer Entfernung von 57 Yards (52 Meter) drei Punkte und das Match.

          Der 26:23-Erfolg lenkte einmal mehr die Aufmerksamkeit auf eine der faszinierenden Trainerpersönlichkeiten in der NFL. Eingekauft vor zwei Jahren im Alter von gerade mal 30 Jahren ist Sean McVay nicht nur der jüngste Chefcoach in der Liga, sondern einer der jüngsten in der fast hundertjährigen Geschichte der NFL überhaupt. Der Grund dafür: Sein Aufstieg vom Wasserträger im Trainerteam der Tampa Bay Buccaneers zum Hauptverantwortlichen der Rams verlief ungewöhnlich rasant. Er entkam auf dem Weg sogar dem schlechten Karma der Washington Redskins, einer der erfolglosesten Mannschaften der letzten Jahrzehnte.

          Sein Erfolgsrezept: die Gegner intensiver ausbaldowern als andere und dabei auf möglichst viel Schlaf verzichten. Vier Stunden pro Nacht müssen reichen. Manchmal sind es auch weniger. Das Resultat: Die Spieler ziehen mit, weil sie wissen, dass es sich lohnt, die ideenreichen Angriffspläne so lange zu bimsen, bis sie blind abgerufen werden können. McVay projiziert darüberhinaus Selbstbewusstsein im Überfluss: „Unsere Einstellung lautet: Wir haben keine Angst Fehler zu machen und greifen immer wieder an. Das ist eine Methode, die zeigt, dass man seinen Profis jede Menge zutraut.“

          Auf diese Weise reformierte er die schlechteste Offensive der Saison 2016 binnen eines Jahres in eine wuchtige Dampframme und steht nun gegen die New England Patriots (37:31 nach Verlängerung gegen die Kansas City Chiefs) am 3. Februar in Atlanta im Super Bowl. Und obwohl sein Vertrag noch drei Jahre läuft, mehren sich die Gerüchte über eine Verlängerung. Kein Wunder. Mit einem Gehalt von etwas mehr als einer Million Dollar pro Jahr liegt er weit hinter Spitzenverdienern seiner Zunft, die mittlerweile pro Saison zwischen fünf und zehn Millionen Dollar verdienen. Obwohl der Sieg gegen die Saints nur unter erschwerten Umständen gelang und dies auch nur, weil McVay erstaunlicherweise seine Angriffsformationen auf den Lärm einstellen konnte, wird eine einzelne Szene kurz vor Schluss der regulären Spielzeit noch eine Weile vielen den Blick für die starke Leistung der Rams verstellen.

          Da pfiffen die Schiedsrichter eine harte Attacke von Cornerback Nickels Robey-Coleman auf Saints-Receiver Tommylee Lewis nicht ab. Die Gastgeber sahen sich dadurch ihrer Chance auf einen Touchdown beraubt und mussten in die Verlängerung. „Das ist bitter. Sehr bitter“, meinte Quarterback Drew Brees. Tatsächlich hatte die Heimmannschaft aufgrund der Sudden-Death-Regel eine hervorragende Chance auf den Sieg. Doch Brees beging einen folgenschweren Schnitzer, als er den Ball Rams-Verteidiger John Johnson in die Arme warf. Im Gegenzug machte Los Angeles die Sache klar.

          Der Auftritt im Super Bowl wird McVay endgültig die Aufmerksamkeit bescheren, die ihm Fachleute schon länger vorhergesagt hatten. Einige gingen soweit und riefen ihn bereits zum nächsten Bill Belichick aus, dem 66 Jahre alten Trainer der New England Patriots und Chefarchitekten eines Teams, das unter seiner Führung seit 2000 achtmal den Super Bowl erreichte und fünfmal gewann. Umso reizvoller, dass sich die beiden in zwei Wochen in Atlanta direkt gegenüberstehen. Nicht zu unterschätzen: die Kulisse in einem neutralen Stadion wird nicht halb so laut sein wie in New Orleans. Denn das Super-Bowl-Publikum ist traditionell vergleichsweise zurückhaltend und besser mit eigenen Fans durchmischt.

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