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Kritik an Michael Jordans Doku : „Ich bin verletzt und enttäuscht“

  • -Aktualisiert am

Das waren noch Zeiten: Basketball-Legende Michael Jordan bei den Chicago Bulls Bild: Picture-Alliance

Michael Jordan putzt seine Legende penibel. Ein Paar Basketball-Sneaker wird für eine immense Summe versteigert. Und die Netflix-Doku über ihn erreicht riesige Zuschauerzahlen. Doch nun kommt auch Kritik auf.

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          Die besondere Qualität eines Sportlers wie Michael Jordan zu erklären war noch nie ganz leicht. So ersann der langjährige Werbepartner des amerikanischen Basketballers vor etwas mehr als zwanzig Jahren eine Kampagne, in der der Filmregisseur Spike Lee slapstickhaft das Thema auf einen einzigen Satz reduzierte: „It’s gotta be the shoes.“ Es muss einfach an den Schuhen liegen.

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          Sneaker der Marke „Air Jordan“, die mit ihrem Namen auf die Sprunggewalt des Ballartisten anspielten, waren tatsächlich schon immer einiges wert. Wie viel, weiß man allerdings erst seit vergangener Woche, als ein steinreicher Sammler bei einer Online-Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s 560.000 Dollar für ein von Jordan getragenes und signiertes Paar aus dem Jahr 1985 ausgab. Weit mehr, als Nike damals für die Produktion der Werbespots bezahlt haben dürfte.

          Ein Basketball-Korb brachte immerhin 18.000 Dollar ein. Dort versenkte Jordan in den NBA-Playoffs 1989 Sekundenbruchteile vor Schluss den entscheidenden Wurf zum Sieg seiner Chicago Bulls. Durch das 101:99 gegen die Cleveland Cavaliers kamen die Bulls in der Eastern Conference in die nächste Runde. Ikonisch wurde der Treffer wegen seiner Bedeutung und Jordans Jubelsprung unmittelbar danach. Unter Fans heißt der Wurf „The Shot“. Der Korb wurde vor dem Abriss der damaligen Halle in Cleveland verkauft und diente den Angaben des Auktionshauses zufolge über mehr als zwei Jahrzehnte einem Privatmann in dessen Einfahrt.

          Natürlich hätte der Zeitpunkt für die Transaktionen nicht besser sein können. Kurz nachdem, verteilt über fünf Wochen, ein zehnteilige Opus Magnum namens „The Last Dance“ überall in der Welt über die Bildschirme gelaufen war und allein in den Vereinigten Staaten mehr als sechs Millionen Neugierige die Doku-Serie verfolgt hatten, war der sportliche Überflieger von einst abermals in aller Munde. Ein Film, der auf seine Weise ebenfalls der spannenden Frage nachgeht: Was machte Michael Jordan eigentlich zu einer solchen Ausnahmeerscheinung? Warum war er einen Hauch besser, schneller, trickreicher, zielsicherer und mental stärker als so hervorragende Basketballer wie Magic Johnson, Larry Bird oder Charles Barkley?

          Dramaturgisch angedockt an die Saison 1997/98, als sich sein zweiter Abschied von den Chicago Bulls und aus der NBA abzeichnete (den ersten hatte er 1993 hingelegt, als er zum Baseball wechselte, den dritten und allerletzten 2003 nach einem Stelldichein bei den Washington Wizards), gelang Regisseur Jason Hehir eine elegante Montage, die durchaus Platz hatte, um den ganzen Jordan zu erklären. Inklusive eines Analyseversuchs einer inneren Verfassung, mit der sich Jordan selbst und seine Nebenleute auf fast schon manische Weise nach vorne getrieben hatte.

          Keine Frage: Das OEuvre verfügt über erheblichen Unterhaltungswert, denn es lebt von „der narkotischen Anziehungskraft der Nostalgie“ und einer „schlüpfrigen Mischung aus Archivmaterial und aktuellen Interviews“, wie der „Guardian“ in einer kritischen Würdigung schrieb.

          Die wichtigen Filter allerdings sieht man nicht und werden auch gar nicht erst thematisiert. Nicht nur hatte Jordan Vetorecht bei der Freigabe wichtiger Videokonserven. Seine Produktionsfirma Jump 23 wirkte still im Hintergrund mit. Kein Wunder, dass sich ehemalige Mannschaftskollegen wie Scottie Pippen und Horace Grant zuletzt darüber beklagten, dass sie – obwohl sie bei Interviews ausführlich zu Wort kamen – Jordans Vorhaltungen und Schmähungen an ihre Adresse nicht korrigieren konnten. Pippens Reaktion: Er sei „verletzt und enttäuscht“, ließ er durchsickern.

          Das wird Jordan nicht weiter beschäftigen. Zumal die Serie ohnehin eine Menge an prägenden biographischen Elementen weglässt: die gescheiterte erste Ehe, die ihn gigantische 168 Millionen Dollar kostete, zum Beispiel. Und die sportliche Pleite bei den Washington Wizards. Sowie die konstant schwachen Leistungen der Charlotte Hornets, dem NBA-Klub in seinem Heimatstaat North Carolina, an dem er die Mehrheit der Anteile hält.

          Die Air Jordan 1s wechselten für 560.000 Dollar den Besitzer.

          Wer aus dieser Serie den hochintelligenten Michael Jordan als Mensch mit Ecken und Kanten herausdeuten wollte, war deshalb sicher enttäuscht. Man sah nur, was er uns sehen lassen wollte: einen inzwischen 57 Jahre alten Mann, der sich nur in den Spiegeln einer einzigen Glasvitrine zu reflektieren vermag. Dort, wo die Erinnerungen an die schwer erkämpften und gleichzeitig überragenden Basketball-Triumphe abgelegt sind. Stoff genug, gewiss. Minimum, um das nachzuvollziehen, was Dream-Team-Trainer Chuck Daly vor den Olympischen Spielen 1992 geweissagt hatte: „Einen wie ihn sieht man nur einmal in seinem Leben.“ So einen schaut man sich dann eben auch gerne noch ein zweites Mal an.

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