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Schwimmer Marco di Carli : Der Mann, der überall Wellen schlägt

Extremsportler: Di Carlis Karriere ähnelt einer Achterbahnfahrt Bild: dapd

Marco di Carli ist mehr als ein Sprücheklopfer. Bei der Schwimm-WM startet er als bester Sprinter der Welt. Die Karriere des 26 Jahre alten Profi-Schwimmers ist eine Geschichte der Extreme.

          Sprinter sind oft schräge Typen. Das gilt für die Leichtathletik, für den Radsport, und es gilt auch für das Schwimmen. Marco di Carli ist Sprinter, Freistilsprinter, und er ist es aus voller Überzeugung. „Die 100 Meter Freistil geben mir den Kick“, sagt er, Langstrecke, 800 Meter oder gar 1500, das wäre für ihn undenkbar. „Da bin ich viel zu sehr Junkie dafür.“ Die Karriere des 26 Jahre alten Marco di Carli ist eine Geschichte der Extreme, und insofern ist es wohl auch eine typische Sprinter-Geschichte. Im Moment hat di Carli auf seiner Achterbahnfahrt einen echten Höhepunkt erreicht: Er geht mit der schnellsten in diesem Jahr geschwommenen Zeit über 100 Meter Freistil (48,24 Sekunden) in die Weltmeisterschaften in Schanghai, wo er an diesem Sonntag in der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel erstmals antreten wird. Diese Ausgangssituation ist dann selbst für Marco di Carli etwas extrem: „Ich hätte jeden ausgelacht, der vor einem halben Jahr gesagt hätte, du fährst als Weltranglistenerster zur WM“, sagt er.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Vor einem halben Jahr, da war di Carli nach einem Handbruch gerade erst wieder richtig eingestiegen ins Schwimmtraining. Hinter ihm lagen sportlich unbefriedigende Jahre. Er, für den sonst oft die Maxime hopp oder top galt, war dort gelandet, wo er sonst eigentlich ganz und gar nicht gerne zuhause ist – im sportlichen Mittelmaß. „Die letzten vier Jahre bin ich ohne Kopf, Herz und Verstand geschwommen“, sagt er. 2004 war er noch als das neue Gesicht im deutschen Schwimmsport gefeiert worden, als vielversprechende Hoffnung für kommende Titelkämpfe. Da war er gerade überraschend deutscher Meister geworden, über 100 Meter Rücken, danach schwamm er bei den Olympischen Spielen in Athen ins Finale, in dem er Achter wurde.

          Eine Berg- und Talfahrt

          Damals gehörte di Carli der Hamburger Trainingsgruppe von Dirk Lange an. Die beiden, so schien es, hatten sich gesucht und gefunden. Lange sei auf derselben Wellenlänge wie er, sagte di Carli, wolle auch immer ganz nach vorne; der Trainer wiederum hielt große Stücke auf den entschlossenen, ehrgeizigen, talentierten Wettkampftypen di Carli. Er sei „ein Killer im Wasser, einer der im Rennen über sich hinaus wächst“, sagte Lange. Die Verbindung der beiden war so eng, dass di Carli seinem Trainer um die halbe Welt folgte: Lange war im April 2005 Cheftrainer in Südafrika geworden, kurz darauf zog auch di Carli nach Pretoria. Doch dort häuften sich bald die Probleme, organisatorische, sportliche und wohl auch atmosphärische. Irgendwann, sagte di Carli, hätten so viele Faktoren nicht mehr gepasst, dass ihm nur noch die Notbremse geblieben sei. Er ging zurück nach Deutschland und landete Anfang 2006 in Frankfurt.

          Dort ging die Berg- und Talfahrt zunächst weiter. Er scheiterte an der Qualifikation für die WM 2007 in Melbourne und war danach, nur ein halbes Jahr später, fast zwei Sekunden schneller, schwamm deutschen Rekord in 48,88 Sekunden. Nun, vor der WM in Schanghai, gelang ihm ein ähnlicher Coup – diesmal steigerte er sich auf 48,24. Im vergangenen Herbst, nach dem Handbruch, habe er gewusst, „jetzt oder nie“, sagt di Carli. Er ging in sein „letztes Gefecht“, nahm den letzten Anlauf, noch einmal Olympische Spiele zu erleben, noch einmal sein Talent voll auszureizen. Dafür schuftete er mit dem Frankfurter Trainer Michael Ulmer, und dafür ordnete er dem Schwimmen alles unter, anders als zu manch anderer Phase seiner Karriere. „Mein Blickwinkel ist weiter geworden“, sagt di Carli, er erkannte, dass es praktisch nichts gibt, was nicht auf irgendeine Weise mit seinem Sport zusammenhängt. „Ich habe begonnen, unter diese Glocke Sport weit mehr Aspekte des Lebens zu stülpen als früher.“

          Für Weltranglistenplatz eins kann er sich nichts kaufen

          Und er tat es mit aller Konsequenz. „Eins seiner Geheimnisse ist“, sagt Ulmer, „dass er sehr diszipliniert arbeitet. In der Athletik, im Krafttraining, in jedem Bereich. Er hat einen Riesen-Input.“ Und was ist mit dem Sprücheklopfer, dem Lebemann, dem Geschichtenerzähler di Carli? Der hat im Becken Sendepause. „Sobald ich mich von der Wand abstoße, bin ich 110 Prozent dabei“, sagt di Carli, „das sind zwei Welten, im Wasser bin ich komplett anders als draußen.“

          Die Rückkehr an die nationale Spitze brachte für di Carli auch ein Wiedersehen mit Dirk Lange mit sich, heute Bundestrainer der deutschen Schwimmer. Kein Problem, sagt di Carli, schließlich „ist er einer, der sehr auf Leistung schaut, der Respekt vor der Leistung hat“. Nach der Trennung sei das Verhältnis schon angespannt gewesen, aber „der Stress ist fünf Jahre her, da würde jede Frau einen Streit vergessen haben“. Lange wiederum schätzt ihn als „extrem nervenstarken“ Schwimmer, „auf den letzten 20 Metern ist kaum einer in der Welt schneller als er“. Fragt sich nur, wie es auf den ersten 80 Metern aussehen wird. Für Weltranglistenplatz eins kann er sich nichts kaufen, weiß di Carli. Sein Ziel ist es, in Schanghai die 48,24 Sekunden zu bestätigen, vielleicht Bestzeit zu schwimmen. Wie weit ihn das bringt, wird sich dann spätestens am Donnerstag zeigen – da steht bei der WM der Showdown der Sprinter im Finale über 100 Meter Freistil an.

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