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Schwimmer di Carli : Große Sprüche, viel dahinter

Auf dem Weg zur WM nach Schanghai: Marco di Carli Bild: dpa

Marco di Carli verblüfft bei den deutschen Meisterschaften Freund und Feind mit einer Fabelzeit über 100 Meter Freistil. Früher schwamm der Frankfurter „ohne Kopf, Herz und Verstand“ - jetzt tritt er wie ein „Killer im Wasser“ auf.

          WM-Qualifikation, deutscher Rekord, Platz eins der Weltrangliste über 100 Meter Freistil: „Es war“, sagte Michael Ulmer, Sportdirektor der SG Frankfurt, „wie im Wunschkonzert“. Die Rede ist von seinem Schwimmer Marco di Carli, der am Samstag bei den deutschen Meisterschaften in Berlin Freund und Feind verblüffte. Der 26 Jahre alte Frankfurter siegte im Finale über 100 Meter Freistil in 48,24 Sekunden - und war damit in der Königsdisziplin des Schwimmens so schnell wie kein anderer auf der Welt in diesem Jahr.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Marco di Carli ist alles andere als ein Unbekannter im deutschen Schwimmsport. Vor sieben Jahren wurde er zum ersten Mal deutscher Meister, über 100 Meter Rücken. Lohn war die Olympia-Teilnahme in Athen 2004, wo er gleich das Finale erreichte und Achter wurde. Di Carli galt als Ausnahmetalent, er nahm die deutsche Schwimm-Welt im Sturm, in jeder Hinsicht. Als ähnlich groß wie sein Potential erwies sich seine Klappe, di Carli machte sich auch mit seiner unverblümten Art und der direkten Ansprache schnell einen Namen. Er polarisierte, und entsprechend fielen die Kommentare über ihn aus. „Wie Oliver Kahn im Wasser“, sagte Ulmer einmal; sein einstiger Trainer Dirk Lange, der ihm nun als Bundestrainer wieder begegnet, sagte zu seiner Wettkampfstärke: „Er ist ein Killer im Wasser.“

          „Ohne Kopf, Herz und Verstand geschwommen“

          Vor den Titelkämpfen 2007 kündigte di Carli forsch einen deutschen Rekord über 100 Meter Freistil an - und er hielt Wort, in 48,88 Sekunden. Doch über die Jahre schwankte er zu oft zwischen Top und Flop, große internationale Erfolge auf der Langbahn blieben aus. Olympia 2008 in Peking verpasste er, wie zuletzt auch die Europameisterschaften 2010 in Budapest. Die große Zeit des Ausnahmetalents Marco di Carli schien vorbei, ohne dass sie richtig begonnen hätte. „Die letzten vier Jahre bin ich ohne Kopf, Herz und Verstand geschwommen“, sagt er.

          „Ein Killer im Wasser”: Marco di Carli

          Nach einem Handbruch im vergangenen Sommer musste das Mitglied der Sportfördergruppe der hessischen Polizei vier Monate pausieren. Danach fühlte er sich körperlich in erbärmlichem Zustand. Er schaute in den Spiegel und sagte sich: Es muss was passieren. Er stellte seine Ernährung um, baute sich sein eigenes Krafttraining zusammen und ordnete alles dem Schwimmen unter, einem letzten Anlauf Richtung Olympia 2012. „Ich habe gewusst: Jetzt oder nie, einen Versuch hast du noch.“ Er vertraute auf Ulmers Hilfe, der ihn schon im Rekordjahr 2007 betreut hatte, Ziel war ein Platz in der 4x100-Meter-Freistilstaffel bei der WM. Nun gewann er erst die 50 Meter Freistil und dann auch noch die 100 Meter. „Dass so ein Brett rauskommt, war mir auch nicht klar“, sagte er.

          Markiger Titel aus früheren Zeiten: „Wettkampfsau“

          „Er ist eigentlich ein Filou“, sagt Ulmer, „aber in der Arbeit ist er unheimlich diszipliniert, setzt alles zu 100 Prozent um.“ Bei di Carli klingt das so: „In den letzten Wochen hat keiner in Deutschland so verbissen trainiert wie ich.“ Dazu kommt seine mentale Stärke, er ist „eine Wettkampfsau“, auch das so ein markiger Titel aus früheren Zeiten. Und doch reiben sich manche angesichts der Fabelzeit in Berlin, sechs Zehntelsekunden unter der alten Bestzeit von 2007, verwundert die Augen. Marco di Carli nimmt es gelassen. „Ich habe erst vor zwei Tagen eine Doping-Probe abgegeben“, sagt er, „ich nehme nur das, was legal ist“. So kann der einstige Sprücheklopfer nun auch bei der Weltmeisterschaft in Schanghai zeigen, was tatsächlich in ihm steckt.

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