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Schwimmen : Weckruf für das Führungspersonal

Britta Steffen: Training auf die WM ausgelegt Bild:

Neue Namen tauchen auf. Doch der Deutsche Schwimm-Verband muss für die WM auf die Etablierten setzen. Britta Steffen und Paul Biedermann erfüllen die Norm aber erst im zweiten Anlauf.

          Der Hinweis des Bundestrainers war deutlich. Es ging um die Qualifikations-Normen für die Weltmeisterschaften der Schwimmer in Schanghai Mitte Juli, ein heikles Thema, denn viele hatten die Normzeiten des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) als zu hart erachtet, zu weit weg von den Realitäten im deutschen Schwimmsport. In den vergangenen Tagen bei den nationalen Titelkämpfen in Berlin habe sich nun gezeigt, so Dirk Lange, dass die Zeiten sehr wohl zu erreichen gewesen seien.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auch von neuen Gesichtern wie dem Essener Jan-David Schepers über 200 Meter Lagen oder dem Jugend-Europameister Christian vom Lehn aus Wuppertal über 200 Meter Brust sowie wieder erstarkten, bekannten Größen wie Freistilsprinter Marco di Carli oder Rückenspezialist Helge Meeuw. Nur: „Wer sich vielleicht zu sicher gefühlt hat, hat die Normen oft nicht geschafft“, sagte Lange – und meinte damit vor allem „die Etablierten“ im Team.

          Sechstschnellste Zeit des Jahres reicht nicht

          Am Freitagabend hatte Doppel-Weltmeister Paul Biedermann über 400 Meter Freistil die WM-Norm verpasst, am Samstag scheiterte seine Freundin Britta Steffen als Siegerin in 54,14 Sekunden über 100 Meter Freistil an der geforderten Marke – wenngleich denkbar knapp, um gerade mal sechs Hundertstelsekunden. „Wenn man die eigenen Erwartungen nicht erfüllt, ist man natürlich erst mal geschockt“, sagte die Berlinerin. Andererseits war ihre Zeit die sechstschnellste in diesem Jahr weltweit, nur vier Zehntelsekunden hinter den 53,70 der Niederländerin Femke Heemskerk, die die Rangliste derzeit anführt. „Wenn man hier an die Normen rankommt, ist man schon Weltklasse“, sagte Britta Steffen.

          Tatendurstig: Paul Biedermann

          Am Sonntag kam sie dann über 50 Meter Freistil sogar unter die WM-Norm, als Siegerin in 24,67 Sekunden vor Dorothea Brandt (24,78 Sekunden). Damit war sie nicht ganz zufrieden, aber: „Ich bin erleichtert, dass ich jetzt keine Extrawurst brauche.“ Sie gab allerdings auch zu: „Ich habe mich ein bisschen überschätzt, ich dachte, ich kann hier schon in die Weltspitze Einzug halten.“ Dass ihr das nicht wirklich gelang, will sie nun als Motivation nutzen, sich bis zur WM in Schanghai auch international wieder ganz nach vorne zu kämpfen.

          Wie beim Boxkampf

          Es waren die ersten Titelkämpfe für Britta Steffen seit der so erfolgreich verlaufenen Weltmeisterschaft vor knapp zwei Jahren in Rom. Allein schon deshalb waren die Tage von Berlin keine leichten für sie. Schon vor den Finalläufen sprach die deutsche Vorschwimmerin von der besonderen Aufregung, die sie wieder spüre – trotz aller Erfahrungen, trotz der langen Karriere, trotz der Olympiasiege, Welt- und Europameistertitel oder Weltrekorde, die sie schon hinter sich hat. „Die Aufregung ist immer wieder da“, sagte Britta Steffen, „und wenn das nicht so wäre, ist es vielleicht auch nicht mehr das Richtige“.

          Am Samstag vor dem 100-Meter-Finale wurde es ihr dann aber zu viel der Aufregung. Ein in der Fernsehübertragung des ZDF eingespielter Beitrag über das Paar Biedermann/Steffen, der auch in die Halle übertragen wurde, brachte sie aus der Konzentration für das Rennen und verärgerte sie nachhaltig. Das sei ja „wie beim Boxkampf“, sagte die 27 Jahre alte Britta Steffen, und auch ihr Trainer Norbert Warnatzsch kritisierte den Beitrag als deplaziert.

          Warnatzsch stellte freilich auch klar, dass die Vorbereitung Britta Steffens ganz auf die WM ausgelegt sei. „Wir haben gepokert“, sagte er, „die DM ist ein Qualifikationswettbewerb. Britta soll ihre Top-Leistung zum Höhepunkt bringen, und das ist in diesem Jahr die WM.“ Deshalb habe sie ihre Stärken, vor allem die schnelle zweite Bahn über 100 Meter, in Berlin nicht so ausspielen können wie sonst.

          Elf Athleten direkt qualifiziert

          Ähnliches gilt auch für Paul Biedermann, der am Sonntag in 1:45,72 Minuten über seine Spezialstrecke 200 Meter Freistil die WM-Norm deutlich unterbot. „Man sollte die Ergebnisse hier nicht überbewerten“, sagte sein Trainer Frank Embacher, „wenn Paul schon hier 100 Prozent geben würde, wäre keine Steigerung mehr für die WM drin“. Da soll Biedermann aber dann eine Schippe drauf legen. „Wir sind erst eine Stufe vor der WM“, sagte Embacher.

          So überließ das Glamour-Paar des deutschen Schwimmsports die Bühne in Berlin zumindest in sportlicher Hinsicht noch anderen. Dem Hamburger Markus Deibler etwa, der in 1:58,67 Minuten deutschen Rekord über 200 Meter Lagen schwamm, der Berliner Sprinterin Dorothea Brandt, die mit der starken Zeit von 30,83 Sekunden über 50 Meter Brust und auch als Zweite über 50 Meter Freistil den Sprung nach Schanghai schaffte, oder dem Darmstädter Yannick Lebherz, der in 4:14,02 Minuten den deutschen Rekord über 400 Meter Lagen verbesserte.

          Insgesamt gelang elf DSV-Athleten über die Einzelstrecken die direkte Qualifikation für die WM, dazu kommen nun noch die Staffelschwimmer. Hält man sich die angepeilte Medaillenausbeute der Beckenschwimmer bei der WM von zweimal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze vor Augen, die Leistungssportdirektor Lutz Buschkow dieser Tage verkündete, ist es freilich kein großes Geheimnis, auf wen der DSV dabei vor allem baut, bauen muss – auf seine Etablierten. Wohl auch deshalb wollte Bundestrainer Dirk Lange die Titelkämpfe von Berlin als Weckruf für sein Führungspersonal verstanden wissen.

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