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Schwimmtrainer Dirk Lange : „Ich will nochmal ein richtig großes Ding machen“

  • -Aktualisiert am

Dirk Lange in seinem Element: „Die Deutschen trainieren viel und hart, aber vielleicht nicht effektiv.“ Bild: Imago

Als neuer Headcoach der SG Frankfurt will Dirk Lange den Schwimmklub zu einem Leuchtturm im Land formen. Er setzt auf Individualität und Internationalität. Von Rahmentrainingsplänen hält er wenig.

          3 Min.

          In diesen ersten Tagen im neuen Umfeld läuft Dirk Lange am Olympiastützpunkt Hessen noch manches Mal in die Irre. Doch im Schwimmbecken will der 58 Jahre alte Trainer nicht viel Zeit verlieren, um die Sportlerinnen und Sportler der SG Frankfurt (SGF) in die richtigen Bahnen zu lenken. Am Wochenende hat der neue Headcoach bei den Hessen die Regie übernommen. Sein Engagement ist mit sehr hohen Erwartungen verbunden.

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          Sechs Athleten führte der gebürtige Hamburger während seiner bisherigen Karriere zu Weltmeistertiteln, vier gewannen unter ihm Olympiamedaillen. Den Traum eines jeden Trainers erfüllte Lange 2012 der Südafrikaner Cameron van der Burgh, der bei den Spielen in London über 100 Meter Brust mit neuem Weltrekord Gold holte.

          Nun also nach vielen Jahren im Ausland die Rückkehr nach Deutschland, wo Lange von 2008 bis 2011 als Bundestrainer nicht unumstritten war. „Ich habe schon vor einem Jahr entschieden, meine Erfahrung wieder in den deutschen Schwimmsport zu geben“, sagt er. Damals nicht ahnend, dass seinem Seminar-Angebot so schnell der Wechsel zurück in die Heimat folgen würde. Zuletzt war der erfahrene Fachmann als Cheftrainer des steirischen Leistungszentrums im österreichischen Graz tätig. Der Vertrag wurde ihm Anfang des Jahres gekündigt, weil er es als Verantwortlicher für den Spitzensport für wenig sinnvoll erachtete, selbst mehrmals in der Woche durchs Land zu fahren, um Talente zu sichten.

          Ein Topklub, der die Szene dominiert

          Am Main wird ihm im gut funktionierenden System der SGF nicht nur die Nachwuchsarbeit abgenommen; Lange kann sich, unterstützt von Volker Kemmerer, der als Lehrertrainer an der Carl-von Weinberg-Schule arbeitet, Tag und Nacht auf das Training der etwa 20 Topathleten fokussieren. Dass seine Familie, seine Frau und seine beiden Söhne bis zur Matura des jüngeren William in eineinhalb Jahren in der Steiermark bleiben und er selbst bis dahin ein Zimmer im „Haus der Athleten“ in direkter Nachbarschaft zur Schwimmhalle bewohnt, vereinfache ihm die Aufgabe, wie er sagt.

          „Ich will noch mal ein richtig großes Ding machen“, sagt Lange. Frankfurt, so die Vision, die er mit SGF-Sportdirektor Michael Ulmer teilt, soll ein Leuchtturm im Land werden, ein Topklub, der die Szene dominiert, Trends setzt und eine Sogwirkung entfaltet. „Ich will hier das aufbauen, was wir einst mit der SG Hamburg hatten.“ In der Hansestadt hatte der ehemalige Bundeskaderschwimmer 1992 seine Trainerlaufbahn begonnen und später mit den Olympiazweiten Sandra Völker und Therese Alshammar sowie Weltrekordler Mark Foster herausragende Erfolge erzielt.

          Lange setzt auf Individualität und Internationalität. Von Rahmentrainingsplänen hält er wenig. „Ein Trainer muss spüren, wie sein Athlet drauf ist, wenn er reinkommt.“ Ob er an diesem Tag motiviert, geschont oder gefordert werden muss. Jeder Sportler sei nach seinen eigenen Bedürfnissen weiterzuentwickeln. Unterschiedliche Nationalitäten und Backgrounds sollen zusätzliche Impulse in die Trainingsgruppe hineintragen und für „Drive“ sorgen. Die ersten Neuzugänge bringt Lange selbst mit: Die Österreicherin Caroline Pilhatsch, der Algerier Oussama Sahnoune und die Ungarin Liliána Szilágyi verstärken die Frankfurter Auswahl und sollen ihren neuen Teamkollegen zeigen, was es heißt, Profi zu sein.

          Freistilsprinter Sahnoune sei allein mit seinem Körperbau beispielgebend. „In Deutschland wird vieles, was internationaler Standard ist, nicht optimal abgearbeitet“, findet Lange. Im Vergleich mit den führenden Nationen auf den staffelrelevanten Strecken sehe man in physischer Hinsicht klare Unterschiede. Eine starke gymnastische Ausbildung und intensives Krafttraining gehören für den ehemaligen Trainer und Berater der Nationalmannschaften Südafrikas, Mexikos, Chinas oder Kroatiens zum Pflichtprogramm. „Ich glaube an die persönliche Fitness“, sagt Lange.

          „Viel und hart, aber nicht effektiv“

          Zudem gebe es hierzulande Defizite, was die Schnelligkeit angeht. Selbst Langstreckler sollten seiner Meinung nach „eine gewisse Geschwindigkeitsflexibilität“ mitbringen, die es ihnen erlaubt, nicht nur den eigenen Rennplan umzusetzen, sondern auch den der anderen mitzugehen. Im Training müsse man die Schwimmer immer wieder in die „roten, unangenehmen Bereiche“ führen.

          „Die Deutschen trainieren viel und hart, aber vielleicht nicht effektiv“, sagt Lange. Es werde eine Menge an Daten gesammelt und die Trainingsleistung als Kilometerzahl angegeben. Aber abseits der Langstrecken sei das nicht relevant, „da hat noch keiner eine Medaille gewonnen, weil er ein paar Meter mehr geschwommen ist“. Seine Äußerungen wolle er nicht als Kritik an den Kollegen verstanden wissen. „Ich will hier in Frankfurt nur meine eigenen Ideen umsetzen.“

          Man habe jetzt drei Monate Zeit, um einander kennen zu lernen und die Zusammenarbeit zu konsolidieren. „Dann bleiben noch zweieinhalb Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen.“ Am Ende werde man ihn und seine Sportler am Erfolg messen. Danach wird man wissen, ob sie auf dem richtigen Weg waren.

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