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Schwimmen : Querkopf Lange für den neuen Blickwinkel

Hoffnungsträger am Beckenrand: Dirk Lange Bild: dpa

Dirk Lange soll die deutschen Schwimmer in die Weltspitze führen. Als Disziplintrainer auf Probe - aber der Aufstieg zum Cheftrainer im DSV ist nicht ausgeschlossen.

          Die Botschaft klingt seltsam vertraut. Wettkampfhärte. Leistungsprinzip. Offenheit für neue Trainingsmethoden. Orientierung an der internationalen Spitze. Das sind die Schlagworte, mit deren Hilfe die schwer angeschlagenen deutschen Schwimmer nach dem Debakel bei den Olympischen Spielen in Peking auf den rechten Weg zurückfinden sollen. Schlagworte, die so auch vom ehemaligen Cheftrainer des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), Örjan Madsen, hätten stammen können.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Tatsächlich kennzeichneten sie die Antrittsrede des künftigen, nein, nicht Cheftrainers, sondern vorerst nur Disziplintrainers Schwimmen im DSV, Dirk Lange. Ihm selbst war diese Nähe wohl bewusst - und keinesfalls unangenehm. „Madsen ist ein Super-Experte, ich halte die größten Stücke auf ihn“, sagt der 45 Jahre alte Lange. Doch fehlten dem Norweger noch die Kompetenzen, um sein Konzept auch durchzusetzen, hat sich die Situation für Lange nun entscheidend geändert - dank des ambitionierten Reformprojekts, das der DSV unter seinem neuen Direktor Leistungssport, Lutz Buschkow, in Angriff genommen hat.

          Leistungssportdirektor hofft auf „veränderten Blickwinkel“

          Der Grundgedanke: klare Hierarchien, stärker zentralisierte Strukturen, mehr Einflussnahme durch die Führungsspitze. Dafür werden mindestens sechs neue Bundesstützpunkte geschaffen, die von hauptamtlichen, vom DSV bezahlten Trainern geleitet werden. Die Auswahl läuft noch, über die Stützpunkte „sind wir uns schon relativ weit im Klaren“, so Buschkow.

          Die Trainer, die Verträge bis 2012 erhalten, werden in den nächsten Wochen bestimmt. Sie sollen über die Landesgrenzen hinaus tätig sein, Landes-, Vereins- und Olympiastützpunkt-Trainer anleiten, wodurch sich Buschkow einen „veränderten Blickwinkel“ auf das Große und Ganze erhofft. Daher verlangt Buschkow von seinen neuen Stützpunkttrainern auch „Manager- und Führungsqualitäten“. Kernpunkt aber ist die Hauptamtlichkeit, von der sich der Leistungssport-Direktor ein „stärkeres Durchgriffsrecht“ verspricht. „Wer bezahlt, bestimmt die Musik“, sagt er.

          Einst Trainer von Sandra Völker

          Das klingt schwer nach Dirigismus und Befehlsgewalt und dürfte damit in Verbindung mit dem neuen Bundestrainer Lange, der sich in seinen Jahren als DSV-Trainer zwischen 1996 und 2004 gelegentlich den Vorwurf der Rechthaberei und der Selbstdarstellung und den Ruf des schwer zu integrierenden, allzu impulsiven Eigenbrötlers eingetragen hat, so manchen im Verband Schlimmes befürchten lassen.

          Doch Lange, einst in Hamburg Trainer von Sandra Völker, gibt sich große Mühe, solche Vorbehalte gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Natürlich wird die eigentliche Leistung von den Heimtrainern in den Vereinen gebracht“, sagt er. „Unsere Aufgabe ist es, ihnen die richtigen Strategien anzubieten, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die richtigen Projekte anzuschieben.“

          Augenmerk auf Staffeln und mehr Internationalität

          Lange redet viel vom nötigen „Vertrauen“, das für eine produktive Zusammenarbeit aufgebaut werden müsse. Oberstes Kriterium soll dabei die Leistung sein - ohne Wenn und Aber. „Auch wenn ich selbst einmal trainingsmethodisch nicht überzeugt sein sollte, werde ich nichts ändern, wenn es für den Athleten funktioniert“, sagt Lange.

          Das Problem war zuletzt freilich, dass es bei den wenigsten funktionierte. Und so hat Lange auch neue Schwerpunkte im Sinn. Mehr Internationalität zum Beispiel, in der wissenschaftlichen Begleitung wie in der konkreten Trainingsarbeit, mehr Augenmerk auf die Staffeln, das „Herz der Nationalmannschaft“, oder das intensivere Nutzen der Kurzbahnsaison.

          Wird Lange direkt Cheftrainer?

          Bleibt aber noch eine delikate Frage: Wer wird denn nun Cheftrainer beim Deutschen Schwimm-Verband? Die Präsidentin Christa Thiel hat schon angedeutet, die Stelle könnte auch erst nach der Weltmeisterschaft in Rom im August 2009 besetzt werden. Lutz Buschkow sagt, das Rennen sei offen, jeder könne sich dafür empfehlen. Manches deutet jedoch auf einen Namen hin: Dirk Lange. Er war zuvor Cheftrainer in Südafrika gewesen, hatte dort Weltrekordhalter trainiert, die Olympia-Mannschaft von acht Athleten 2004 auf 24 in Peking ausgebaut und zuletzt den 20 Jahre alten Cameron van der Burgh in die Weltspitze geführt.

          „Ich komme von einer erfolgreichen Geschichte“, macht Lange keinen Hehl aus seinem Anspruch. Schwer vorzustellen, dass sich der viel dekorierte, in Fachkreisen anerkannte Querkopf einem anderen Cheftrainer bereitwillig unterordnet. So liegt die Vermutung nahe, dass die Phase bis zur Weltmeisterschaft eine Art Probezeit für Lange werden könnte.

          Die ersten Reaktionen von Trainern und Athleten auf seine Ernennung fielen am Wochenende abwartend bis verhalten positiv aus. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die schwierige Situation, in der der DSV gegenwärtig steckt, nicht unbedingt der ideale Zeitpunkt ist, um persönliche Differenzen zu kultivieren. Wie beschrieb Dirk Lange seine neue Aufgabe bei den deutschen Schwimmern: „Wir können eigentlich nur noch gewinnen.“

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