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Schwimmen : Nicht nur Rupprath - das Establishment geht baden

  • -Aktualisiert am

An der EM-Qualifikation gescheitert: Anne Poleska Bild: dpa

Das deutsche Schwimm-Establishment ging in Berlin beinahe geschlossen baden. Wie Thomas Rupprath scheiterte auch die WM-Zweite Anne Poleska an der EM-Qualifikation. Auch Antje Buschschulte konnte keinen Glanz verbreiten.

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          Erfolgreichen Schwimmern wie Thomas Rupprath sagt man nach, sie hätten einen Tunnelblick. Aber manchmal schauen sie eben doch nach rechts oder links. Erst recht, wenn Neugier und Eitelkeit im Spiel sind. So begab es sich am Samstag bei den deutschen Meisterschaften in Berlin, daß Rupprath in der Berliner Schwimmarena auf dem Weg zwischen Eingang und Wettkampfbecken an einer Glaswand zur Linken haltmachte. Dort waren alle Zeitungsartikel aufgehängt, die bis dahin bei den Titelkämpfen erschienen waren. Das hätte er nicht tun sollen.

          Dummerweise fiel sein Blick auf zwei Artikel aus Berliner Boulevardblättern, und was er da las, verdarb ihm seine ohnehin schon schlechte Laune vollends: Von "abgebadet" war da die Rede und davon, daß er "hinterhergeplanscht" sei. "Da schwimmt man einmal nicht so, wie die Leute das wollen, und dann wird man sofort niedergeschrieben", schimpfte er ein paar Stunden später.

          Rupprath ging leer aus

          Das war am Freitag nachmittag. Aus der Betriebsstörung, als die man seine ersten Auftritte in Berlin noch werten konnte, war da endgültig ein Totalschaden geworden. Nach zwei enttäuschenden dritten Plätzen über 50 und 100 Meter Rücken hatte man am Samstag über 100 Meter Schmetterling einen Befreiungsschlag erwartet. Doch wieder schwamm er hinterher, wieder wurde er nur Dritter, und wieder hieß der Sieger Helge Meeuw, der acht Jahre jüngere Wiesbadener. Rupprath war nach dem Rennen so entnervt, daß er sich ins Auto setzte und nach Hause fuhr, zu seiner Frau Urte nach Rostock. Das wirkte wie eine Flucht.

          Einen Sponsorentermin am Abend ließ er sausen. Am Samstag vormittag sagte er seinen letzten geplanten Start über 50 Meter Schmetterling ab. Damit war es besiegelt: Der Mann, der bislang 62 Meistertitel eingesammelt hatte, soviel wie kein anderer deutscher Schwimmer, ging erstmals seit 1998 leer aus. Und, noch schlimmer, er verpaßte damit die Qualifikation für die Europameisterschaften Anfang August in Budapest.

          Schwierigkeiten „zwischen den Ohren“

          Thomas Rupprath nicht bei einer EM, an diesen Gedanken muß man sich erst gewöhnen. Beinahe ein Jahrzehnt lang war der gebürtige Neusser das Rennpferd des deutschen Schwimmens. Wie eine Maschine zog er seine Bahnen, schwamm acht Weltrekorde und gewann viele Welt- und Europameistertitel, nur eine Einzelmedaille bei Olympia blieb ihm versagt. Doch im vergangenen Jahr geriet die Maschine ins Stocken. Bei den Weltmeisterschaften in Montreal blieb er weit hinter den Erwartungen zurück. Die Schwäche wurde in der Szene auch mit privaten Turbulenzen erklärt. Er wechselte von Wuppertal nach Hannover, und später räumte er ein, er habe im Training geschludert. Inzwischen ist Rupprath ganz nach Rostock, dem Wohnort seiner Familie, gewechselt. Er wird dort von der früheren DDR-Olympiasiegerin Caren Mahn trainiert, die als fordernd gilt. "Vielleicht dauert die Umstellung doch länger, als ich gedacht habe", sagte er ratlos. Örjan Madsen, der Sportdirektor des Schwimm-Verbands, ortete die Schwierigkeiten woanders: "zwischen den Ohren".

          Immerhin war Rupprath bei den Titelkämpfen in illustrer Gesellschaft. Das deutsche Schwimm-Establishment ging in Berlin beinahe geschlossen baden. Wie Rupprath scheiterte auch die WM-Zweite Anne Poleska an der EM-Qualifikation. Die 26 Jahre alte Brustschwimmerin aus Krefeld wurde in ihrer Spezialdisziplin 200 Meter nur Vierte und sagte hinterher: "Das war die Faust mitten ins Gesicht." Sie führte den Mißerfolg auf technische Defizite zurück und warf ihrem Essener Trainer Horst Melzer Versäumnisse bei der Trainingssteuerung vor. Nun will die Krefelderin nach Florida zu ihrem langjährigen Trainer Michael Lohberg zurückkehren und sich dort in den nächsten beiden Jahren als Vollprofi auf Olympia 2008 in Peking vorbereiten.

          Die auffälligste Figur: Helge Meeuw

          Auch Antje Buschschulte konnte in Berlin keinen Glanz verbreiten. Sie blieb ohne Titel. Aber sie hat das Privileg, durch ihre guten Leistungen bei der WM im vergangenen Jahr für die Europameisterschaft qualifiziert zu sein. Weltmeister Mark Warnecke, mit 36 Jahren der Methusalem der internationalen Schwimmszene, verzichtet dagegen auf einen EM-Start. Er kümmert sich momentan eher um die Geschäfte mit seinem Diätpulver. Doch auch ohne viel Training sprang er bei der "Kinderveranstaltung" (Warnecke) ins Wasser und schlug nach 50 Meter Brust wie gehabt als Erster an - wenn auch mit einer bescheidenen Zeit. Bei der WM im nächsten Frühjahr in Melbourne will er aber wieder angreifen.

          Aufsehen machten in Berlin andere - wie Helge Meeuw oder Annika Liebs. Die 26 Jahre alte Lehramtsstudentin aus Würzburg, als Kraulschwimmerin spät gereift, verbesserte über 200 Meter Freistil ihre persönliche Bestmarke um fast eine Sekunde. Mit der Weltklassezeit von 1:57,56 kam sie dem Weltrekord (1:56,64) erstaunlich nahe, den Franziska van Almsick vor vier Jahren an gleicher Stätte bei ihrem legendären Comeback aufgestellt hat. Bei den Männern war Helge Meeuw die auffälligste Figur. Der 21 Jahre alte Wiesbadener gewann gleich fünf Titel (50, 100 und 200 Meter Rücken, 50 und 100 Meter Schmetterling). Nachdem er schon am Samstag über 200 Meter Rücken Europarekord (1:56,34 Minuten) geschwommen war, gelang ihm das auch tags darauf als Startschwimmer der Lagenstaffel über die halbe Distanz (53,46 Sekunden). "Er kann ein Großer werden", sagte Thomas Rupprath. Er selbst kündigte an, sein Weg sei noch nicht zu Ende. Doch Zweifel bleiben. "Er war mein Vorbild", sagte Meeuw, und dabei sah er aus, als habe er ganz bewußt die Vergangenheitsform gewählt.

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