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Schwimmen : Natalie du Toits zwei Erfahrungen

Integrationsfigur: Natalie du Toit war in Peking Flaggenträgerin - bei Olympia und Paralympics Bild: AFP

Die Schwimmerin Natalie du Toit verlor mit 17 Jahren ein Bein. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen: „Der Beinschlag ist nicht so wichtig im Meer“. Sie war in Peking Flaggenträgerin der südafrikanischen Olympiamannschaft und des Paralympic-Teams.

          Jetzt auch noch das rechte Bein! Natalie du Toit, die Schwimmerin, die bei einem Verkehrsunfall vor acht Jahren ihr linkes Bein verlor und sich dennoch den Start sowohl bei den Olympischen Spielen als auch bei den Paralympics von Peking erkämpfte, musste im Herbst wegen einer schweren Vergiftung pausieren. Als sie zu Hause auf dem Rasen saß, müsse wohl eine Spinne sie gebissen haben, erzählt sie. Jedenfalls schwoll das Bein an, Natalie du Toit musste sich im Krankenhaus mit Antibiotika behandeln lassen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schreck und Schmerz sind vergangen. Geblieben sind eine Narbe von der Größe eines Stecknadelkopfes und fünf Wochen Trainingsrückstand. Um ihn aufzuholen, war die 25 Jahre alte Athletin gerade im Langstrecken-Trainingslager des Deutschen Schwimmverbandes in Potsdam. „Ich wollte sehen, was der Rest der Welt macht“, sagt sie zufrieden nach vierzehn Tagen mit täglich drei Trainingseinheiten im Wasser und einer im Kraftraum. Dirk Lange, der deutsche Chefbundestrainer, klopft ihr anerkennend auf die Schultern. Achtzig Prozent seiner deutschen Athleten seien unter der Belastung eingebrochen, sagt er. Natalie nicht.

          Schwerbehinderte Athleten spornen sie an

          Die Südafrikanerin lässt sich nicht unterkriegen. Von klein auf hat sie für Olympia trainiert. Mit vierzehn gehört sie zur südafrikanischen Mannschaft bei den Commonwealth Games in Kuala Lumpur. Als sie mit siebzehn von ihren Eltern einen Motorroller bekommen hatte, raste ihr eine Autofahrerin in die Seite. Der Aufprall zerschmetterte das linke Bein.

          Natalie du Toit hat von klein auf für Olympia trainiert

          Ein halbes Jahr nach der Amputation trainierte Natalie du Toit wieder. Beim Gehen schwankt sie zwar auf ihrer Prothese. Doch die Unterscheidung von behindert und nichtbehindert bezieht sie nur auf das Reglement. „Ich benutze die Wörter, weil ich Wettkämpfe in drei verschiedenen Verbänden bestreite“, sagt sie. „Ich bin behindert. Aber ich bin nichts im Vergleich mit schwerbehinderten Athleten, wie ich sie bei den Paralympics sehe. Sie spornen mich an: Wenn sie es können, kann ich es erst recht.“

          „Der Beinschlag ist nicht so wichtig im Meer“

          Für ihren Sportsgeist und Kampfesmut wurde Natalie du Toit in Peking zur Flaggenträgerin sowohl der südafrikanischen Olympiamannschaft wie des Paralympic-Teams berufen. Bei den Commonwealth Games von Manchester 2002 hatte sie sich als erste behinderte Schwimmerin für ein Finale nichtbehinderter Schwimmerinnen qualifiziert. Die beiden Goldmedaillen, die sie in den Behinderten-Wettbewerben gewann, erregten weniger Aufsehen. So war es auch bei den Afrika-Spielen, wo sie Silber über 800 Meter Freistil gewann.

          Als Freiwasserschwimmen, der Marathon von mehr als zwei Stunden über zehn Kilometer, olympische Disziplin wurde, rückte Olympia wieder in Reichweite. „Der Beinschlag ist nicht so wichtig im Meer“, sagt sie, „und Wenden haben wir auch nicht.“ Bei der Weltmeisterschaft des Olympiajahres kam sie nur fünf Sekunden nach der Siegerin ins Ziel und qualifizierte sich als Vierte für Peking. Doch damit war der Weg längst nicht frei. „Einige Leute haben versucht zu verhindern, dass ich zu den Olympischen Spielen gehe“, sagt sie vage. Im Gegensatz zu ihrem Landsmann Oskar Pistorius, der mit Prothesen statt Füßen rennt, geriet sie nie in den Verdacht, leistungssteigernde Hilfsmittel zu verwenden: Sie legt ihre Beinprothese vor dem Startsprung ab.

          Weißes Polohemd zu giftgrünen Plastikpantoffeln

          „Es waren zwei Erfahrungen“, sagt sie. „Die Olympischen Spiele waren so schrecklich, dass ich eigentlich gar nicht davon sprechen möchte. Die Paralympics waren toll.“ Das hat weniger damit zu tun, dass sie bei den Paralympics fünf Goldmedaillen gewann und beim Olympischen Rennen über zehn Kilometer im lauwarmen Wasser der Kanu- und Ruderstrecke mit Platz sechzehn weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurückblieb. „Es war eine große Ehre, dass ich die Fahne tragen durfte“, erinnert sie sich. „Aber in dem Moment war das eine Herausforderung. Die Fahne war schwer, es war windig, der Boden war uneben. Noch dazu hatten wir schreckliche Klamotten an.“

          Zu einem weißen Polohemd und einem unförmigen, bodenlangen Rock musste Natalie du Toit giftgrüne Plastikpantoffeln tragen. Als die Zeitungen Südafrikas ihre Mannschaft als die am schlechtesten gekleidete der Spiele verhöhnten, entschlossen sich die behinderten Sportler, für die Eröffnung der Paralympics dunkelblaue Anzüge und vorzeigbare Schuhe zu kaufen.

          Aus dem Rückstand soll ein Vorsprung werden

          Ihre Mannschaftskameraden aus der Olympiamannschaft erlebte die einbeinige Schwimmerin als arrogant und egoistisch. „Ich bin stolz, dass ich zum Team gehörte. Aber im Rückblick habe ich gemischte Gefühle“, erzählt sie. „Bei den Olympischen Spielen soll es um Menschlichkeit und Miteinander gehen. Bei den Paralympics herrscht mehr olympischer Geist.“ Während der Spiele der Behinderten erlebte die Schwimmerin in und um Peking Hilfsbereitschaft und Kompetenz im Umgang mit Behinderten. „Die Spiele haben die Aufmerksamkeit in China erhöht und etwas verändert“, sagt sie. „Es war richtig, sie nach Peking zu geben.“

          Die Fußball-Weltmeisterschaft, sagt sie, sei ebenfalls am richtigen Platz. Der Bau der Stadien, der Aufbau von öffentlichen Transportsystemen und die Schaffung von Arbeitsplätzen seien wichtig zur Entwicklung Südafrikas. Spiele wird sie, wenn überhaupt, wohl lediglich am Bildschirm verfolgen. „Ich verstehe nichts von Fußball“, sagt Natalie du Toit ohne Bedauern. Sie hat keine Zeit. Bei den Paralympics in London 2012 will sie in allen sieben Disziplinen starten. Und bis zu den Olympischen Spielen soll aus dem Trainingsrückstand ein Vorsprung geworden sein.

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