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Schwimmen : Liebe in Zeiten der Strukturreform

Neue Blickrichtung: Britta Steffen verlässt Berlin und geht nach Halle – zu ihrem Paul Bild: dpa

Alleingänge, Muskelspiele, Drohkulissen: Trainer und Führung des Deutschen Schwimm-Verbands tun sich immer noch schwer, einen Weg aus der Olympia-Misere von London zu finden.

          3 Min.

          Britta Steffen war gerade aus dem Wasser geklettert, das Rennen über 50 Meter Freistil hatte sie in 24,16 Sekunden gewonnen. Nun stand sie vor einer Fernsehkamera, das Wasser perlte noch von ihrer Haut, und Britta Steffen hatte es noch immer eilig. Nach der fünften Frage, die sie allesamt im Stakkato beantwortet hatte, wies sie die Reporterin darauf hin, dass nur zwei Fragen ausgemacht gewesen seien. Dann brachte sie auch die letzten Antworten schnell hinter sich. Insgesamt hat Britta Steffen dafür kaum länger als ein, zwei Minuten gebraucht.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Mitteilungen im Schnelldurchgang, wie sie die Sportlerin des Jahres 2008 vor dem Mikrofon nach ihrem Sieg pflegte, waren beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin in den Reihen des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) an diesem Wochenende allerdings eine Seltenheit. Aus der ersten größeren Zusammenkunft nach den enttäuschenden Auftritten bei den Olympischen Spielen von London wurde eine ziemlich wortreiche Angelegenheit - und jedes Wort wollte angesichts der geplanten Neuausrichtung im DSV von Funktionären, Trainern und Sportler wohlbedacht sein.

          Es war nicht zuletzt Britta Steffen, die für Gesprächsstoff gesorgt hatte. In der Woche vor dem Weltcup in ihrer Heimatstadt hatte die bald 29 Jahre alte, erfolgreichste deutsche Schwimmerin der vergangenen Jahre angekündigt, sich von ihrem Trainer Norbert Warnatzsch zu trennen - und zu ihrem Lebensgefährten Paul Biedermann nach Halle zu ziehen und sich dort gemeinsam von Frank Embacher trainieren zu lassen. „Es gab viele Faktoren“, sagte Britta Steffen am Samstag über ihren Wechsel, „aber ich wollte mit Paul zusammen sein. Da führt kein Weg dran vorbei.“

          Schwimmpaar Biedermann/Steffen: Beruf und Privatleben an einem Ort vereinen
          Schwimmpaar Biedermann/Steffen: Beruf und Privatleben an einem Ort vereinen : Bild: dpa

          Es war keine schöne Nachricht, die der 65 Jahre alte Warnatzsch damit zu hören bekam. Der Trainer hatte nach den Olympischen Spielen eigentlich seinen Rücktritt nach den enttäuschenden Ergebnissen von London erklärt, entschied sich dann aber doch im September, seine Arbeit am Olympiastützpunkt Berlin weiterzuführen. Nun nötigt ihm die Entscheidung von Britta Steffen eine weitere Wende ab. Zum Weltcup in Berlin kam er nicht, und dies wurde als Zeichen der Enttäuschung gedeutet. Allerdings, so heißt es, werde Warnatzsch die Trainingspläne von Britta Steffen weiterschreiben. „Wir werden ewig Freunde bleiben“, sagte sie in Berlin, „ich liebe ihn von Herzen.“ Der Liebe, so scheint es, kommt in Zeiten der Strukturreform im DSV offenbar eine besondere Bedeutung zu.

          „Erst kommt die Struktur, dann das Personal“

          Der neue Trainer des deutschen Schwimm-Vorzeigepaares, Frank Embacher, machte in Berlin unterdessen gleich mal auf sich und seine gewachsene Bedeutung aufmerksam. Am Samstagvormittag brachte er seinen Unmut über seine Vertragssituation ziemlich deutlich zum Ausdruck. Er kokettierte mit ein paar Angeboten aus dem Ausland, die lukrativer seien. „Man arbeitet da mit Profis zusammen, die nichts anderes als Schwimmen machen“, sagte Stützpunkttrainer Embacher.

          Der DSV hatte von weiteren Gesprächen mit den Stützpunkttrainern, deren Verträge zum Jahresende auslaufen, erst einmal nichts wissen wollen. „Erst kommt die Struktur, dann das Personal“, sagte DSV-Präsidentin Christa Thiel wenige Stunden später nach einem gemeinsamen Treffen. Über Details wollte sie sich vor einem endgültigen Ergebnis allerdings nicht äußern. Aber immerhin: Der Dialog sei konstruktiv gewesen.

          Der verlassene Trainer: Dieter Warnatzsch
          Der verlassene Trainer: Dieter Warnatzsch : Bild: dpa

          Von den derzeit sechs Bundesstützpunkten könnten ein oder zwei gestrichen werden. Aber entschieden ist noch nichts. Dafür bedarf es noch weiterer Tagungen einer Expertenkommission sowie des DSV-Verbandstags, allesamt für November terminiert. Zudem wird weiter ein neuer Bundestrainer gesucht. Die Präsidentin äußerte Verständnis für die Wünsche der Trainer - und versuchte gleichzeitig, die terminlich schwierige Lage des Verbandes in dieser Sache klarzumachen.

          Auf die Frage, ob Britta Steffen und Biedermann künftig im Ausland trainierten, hatte Embacher zuvor gesagt „Das könnte bei mehreren Sportlern so sein“. Biedermann hatte entschlossen hinzugefügt: „Da, wo mein Trainer ist, da bin auch ich. Wir gehen durch dick und dünn.“ Da stellte man sich das deutsche Sportpaar schon im gleißenden Licht des Südens vor - aber nun liegt die Zukunft wohl doch in Halle an der Saale. Denn die Abwanderungsgedanken dürften nach den Gesprächen in Berlin jedenfalls vom Tisch sein. „Ich glaube, das steht nicht mehr zur Debatte“, sagte Britta Steffen.

          Im Kern geht es den Trainern nach den Erfahrungen von London bei der Strukturveränderung um zwei Dinge: Zum einen um eine Professionalisierung, wie sie andernorts im Ausland bereits existiert. Zum anderen um eine verbesserte Rhythmisierung, bei der sich die Qualifikationszeitpunkte stärker nach den Großereignissen richten, damit die Athleten zum Saisonhöhepunkt auch die Saisonhöchstleistung zeigen können.

          Am Wochenende zeigte auch Biedermann, was er auf der Kurzbahn kann. Er siegte am Samstag über 400 Meter Freistil in 3:42,21 Minuten, immerhin die weltweit drittschnellste Zeit in dieser noch jungen Kurzbahnsaison. Und am Sonntag musste er sich im Finale über 200 Meter Freistil in 1:42,71 Minuten nur dem französischen Olympiasieger Yannick Agnel geschlagen geben, der in 1:42,10, der schnellsten Zeit in diesem Jahr, gewann. Britta Steffen siegte am Sonntag auch noch über die 100 Meter Freistil, in 52,88 Sekunden. Zumindest sportlich also gibt es für die beiden im Moment keinen Grund zur Beunruhigung.

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