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Schwimmen : Kleine Wellen auf Bahn zwei

  • -Aktualisiert am

Sorgt für Wellen - Hannah Stockbauer Bild: AP

Noch heißt das Röthelheim-Bad in Erlangen Röthelheim-Bad. Und auch sonst tut man sich schwer damit, irgendwelche Hinweise zu finden, daß es mit dieser Schwimmhalle etwas Besonderes auf sich hat. Wird aus der Weltschwimmerin des Jahres, Hannah Stockbauer, die hier trainiert, noch ein Star?

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          Noch heißt das Röthelheim-Bad in Erlangen Röthelheim-Bad. Und auch sonst tut man sich schwer damit, irgendwelche Hinweise zu finden, daß es mit dieser luftigen Schwimmhalle, nur ein paar Meter von der Siemens-Zentrale entfernt, etwas Besonderes auf sich hat. In einem schmucklosen Schaukasten am Eingang hängen Berichte und Fotos von den regionalen Nachwuchsmeisterschaften. Auch im Inneren der Halle muß man schon genau hinschauen, um Hannah Stockbauer zu finden. Links von der "Weltschwimmerin des Jahres 2003" ziehen Rentner ihre Bahnen, rechts wuselt sich eine Schulklasse durch das Becken. Das sieht so komisch aus, als drehte ein Formel-1-Bolide neben einem VW Polo seine Kreise. Aber Schwimmen ist nicht Formel 1, und Roland Böller, der Trainer, ist schon froh, daß er wenigstens die Bahn zwei für seine Schwimmerinnen hat. Es ist noch gar nicht so lange her, da mußte er sich an manchen Tagen mit Lehrern selbst um die eine Bahn streiten. "Das ist doch jetzt schon Luxus", sagt er.

          Eine halbe Stunde später hält vor einem Cafe in der Nähe ein dunkles BWM- Cabrio, es ist das Auto von Hannah Stockbauer. Als sie Ende Juli von den Weltmeisterschaften in Barcelona nach Nürnberg zurückkam, stand der Wagen vor der Haustür. Ein Nürnberger Autohaus hat ihn da hingestellt, eine Überraschung für die dreimalige Weltmeisterin von Barcelona. "Macht schon Spaß, das Auto", sagt Hannah Stockbauer, die einen schwarz-grauen Pullover trägt und sich ganz in die Ecke des kleinen Cafes gesetzt hat. Sie sagt aber auch, daß der Opel Corsa, den sie vorher fuhr, "auch o.k." gewesen sei. Vielleicht liegt es an solchen Sätzen, daß man sich die Zweiundzwanzigjährige in einem unauffälligen Kleinwagen tatsächlich besser vorstellen kann als in einem schnittigen Cabrio.

          Genauso unspektakulär fällt ihre Antwort auf die Frage aus, was sich seit ihrem triumphalen Auftritt von Barcelona geändert hat. "Was soll sich schon geändert haben", sagt sie, "außer, daß ich ein bißchen mehr in der Öffentlichkeit bin." Nach der Rückkehr von der WM gab es ein paar Fernsehauftritte, doch dann ist es wieder still geworden um den Star des Erlanger Schwimm-Biotops. Inzwischen unterbrechen nur noch lokale Auftritte ihren, wie sie sagt, "nicht gerade spannenden Alltag", und eigentlich ist ihr und ihrem Trainer das auch ganz recht. Zusammen mit ihrem Freund, dem Duisburger Wasserball-Nationalspieler Tobias Kreuzmann, gönnte sie sich nach Barcelona nur eine Woche Urlaub in Holland, seitdem bereitet sie sich auf die Olympischen Spiele in Athen vor. Nach der WM 2001 in Fukuoka, wo sie ihre ersten beiden Titel gewann, hatte sie sich ein bißchen zu lange und ein bißchen zu intensiv dem Leben auf der öffentlichen Bühne zugewandt. Dann fiel sie in ein Motivationsloch. "Sie hat gelernt, daß das alles auch sehr belastend sein kann", sagt Böller. Auf dem Weg nach Athen dosieren er und seine erfolgreichste Athletin die öffentlichen Auftritte deshalb sehr sparsam - auch jetzt, da vor den Kurzbahn-Europameisterschaften in Dublin die Anfragen und Einladungen wieder häufiger geworden sind.

          In Athen wird sich entscheiden, ob und wie es weitergeht mit ihrer Karriere. Eigentlich geht es um die Frage, ob aus der Schwimm-Größe endgültig ein Star wird, der sich gut vermarkten läßt. In dieser Sparte ist die Nürnbergerin im Vergleich zu Franziska van Almsick immer noch eine kleine Nummer. Daß sich selbst nach Barcelona daran nichts geändert hat, ist eine ernüchternde Erfahrung für sie. "Es ist kein einziger größerer Sponsor dazugekommen", sagt sie, "das ist schon enttäuschend." Als Konsequenz daraus hat sie abermals die Vermarktungsagentur gewechselt. Allerdings ist es kein Geheimnis, daß sie bislang kein glückliches Händchen bei der Auswahl eines Vermarkters hatte. Den einzigen wirklich lukrativen Vertrag mit einem Sponsor, einer Sprudelfirma aus dem Fränkischen, soll ihre Mutter eingefädelt haben.

          Immerhin, bald wird Hannah Stockbauer neben der Erfurter Eisschnelläuferin Gunda Niemann die einzige deutsche Sportlerin sein, die in einer nach ihr benannten Halle trainiert. Vom Frühjahr an soll das Erlanger Hallenbad ihren Namen tragen. "Das ist doch stark", sagt sie. Daß der Umbenennung eine Posse mit realsatirischen Zügen vorausging, darüber spricht sie indessen nicht so gerne. Die Erlanger Kommunalpolitiker hatten im Herbst offenbar nichts Besseres zu tun, als wochenlang über das Für und Wider einer Hannah-Stockbauer-Schwimmhalle zu diskutieren - und sich nebenbei mit dem klingenden Namen der prominenten Sportlerin zu profilieren. Allerdings hatte ihnen Hannah Stockbauer auch eine Art Vorlage gegeben, indem sie sich vor der Landtagswahl in Bayern mittels einer Anzeige für den Wahlkampf des Landesvaters Edmund Stoiber einspannen ließ. Erstaunlicherweise war Rot-Grün im Stadtrat später gegen eine Umbenennung des Hallenbads, die Schwarzen waren dafür und setzten sich mit ihrer Mehrheit durch.

          Irgendwie ist das Provinztheater typisch für die unspektakuläre Heldin der SSG Erlangen. Schlagzeilen macht die "Weltschwimmerin" außerhalb der Wettkämpfe nur im Lokalen, es sind Wellen im Kleinformat. Die Stürme, die im nächsten Jahr beim olympischen Medienspektakel auf sie zukommen, bereiten ihr schon jetzt Unbehagen. "Das wird alles so hochgedingst", sagt sie und nimmt einen Schluck aus ihrer Kakaotasse, "einfach schrecklich".

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