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Schwimmen : Kein Anzug, neue Sorgen

Privat durfte Thomas Rupprath auch bislang im Anzug seiner Wahl schwimmen - nur nicht bei Olympia Bild: dpa

Der Deutsche Schwimmverband (DSV) muss sich einen neuen Ausrüster suchen: Nach Streitereien um die Qualität der zu Sportgeräten weiter entwickelten Anzüge hat der bisherige Ausrüster Adidas den Vertrag gekündigt. Die Sportler dürfte es freuen.

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          Auch das noch. Es ist ja nicht so, dass der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) keine anderen Sorgen hätte. Am vergangenen Wochenende erst war die leise Hoffnung auf einen Neuanfang nach dem Olympia-Desaster der Beckenschwimmer bei der Kurzbahn-EM in Rijeka erstickt worden: sechs Medaillen statt neunzehn im Vorjahr, das schlechteste Abschneiden seit Bestehen der Titelkämpfe. Am Montagabend nun kam der nächste Rückschlag: Großsponsor Adidas kündigte den ursprünglich bis Ende 2009 datierten Ausrüstervertrag fristlos - ein Kontrakt im Wert von rund einer Million Euro jährlich. Es war ein unerwarteter Schlag für den Verband.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Ich sehe kein Fehlverhalten der Athleten und schon gar nicht des DSV“, ließ DSV-Präsidentin Christa Thiel noch am selben Abend wissen. „Wir werden auf jeden Fall finanzielle Einschnitte verkraften müssen, die von allen Fachsparten mitgetragen werden. Es wird spürbare Veränderungen geben“, kündigte DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow am Dienstag an. Wie die genau aussehen werden, steht noch nicht fest.

          Finanzloch kommt denkbar ungelegen

          Doch das Finanzloch kommt denkbar ungelegen, hat der DSV doch gerade erst sein ehrgeiziges neues Strukturmodell für die Schwimmer in Angriff genommen, das unter anderem hauptamtliche, vom DSV bezahlte Bundesstützpunkttrainer vorsieht. Der neue Bundestrainer Dirk Lange sieht die gesamte Leistungssportkonzeption des DSV in Gefahr, sollte die Unterstützung weiter ausbleiben. Doch der künftige Sparkurs trifft nicht nur die Schwimmer. „Darunter werden etwa auch die Wasserspringer zu leiden haben“, sagt Buschkow - obwohl die, so der einstige Cheftrainer der Springer, „sehr zufrieden waren mit dem Ausrüster“.

          Helge Meeuw wollte schon bei der Kurzbahn-EM in Rijeka nicht mehr in der Teamkleidung schwimmen

          Über die genauen Gründe für die vorzeitige Trennung schweigt sich Adidas aus. Die einzige Verlautbarung dazu: „Die Basis für eine weitere Zusammenarbeit ist auf Grund der jüngsten Ereignisse nicht mehr gegeben.“ Die „jüngsten Ereignisse“ - damit sind wohl vor allem die Vorkommnisse bei der Kurzbahn-EM in Rijeka gemeint. Da hatte Europameister Paul Biedermann angekündigt, bei der WM 2009 in Rom definitiv nicht - wie im Moment vertraglich vorgeschrieben - in einem Adidas-Anzug schwimmen zu wollen.

          Protest von Rupprath und Meeuw

          Zudem sorgten Thomas Rupprath und Helge Meeuw für Aufsehen, als sie aus Protest gegen die Evolution der Wettkampfanzüge und die resultierende Rekordflut zum Finale über 50 Meter Rücken in Badehosen antraten. Pikanterweise verfügt Meeuw über einen individuellen Vertrag mit Adidas, der jedoch, wie auch der persönliche Kontrakt von Adidas mit Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen, bestehenbleiben wird. „Der Protest richtete sich gegen den Weltverband Fina, nicht gegen das Haus Adidas“, begründet das Adidas-Sprecher Oliver Brüggen. (siehe: Kurzbahn-EM: Meeuw und Rupprath protestieren in Badehosen)

          So wollten das Meeuw und Rupprath auch verstanden wissen. Wobei Rupprath keinen Hehl daraus macht, dass er den Ausstieg von Adidas zumindest zwiespältig sieht. „Es ist natürlich schade, wenn so eine Weltfirma als Sponsor ausscheidet“, sagt er. „Dem Verband geht damit viel Geld verloren.“ Andererseits hätten die Sportler nun die Chance, die lange geforderte freie Anzugwahl zu bekommen. „Adidas war vielleicht der beste Ausrüster, den der DSV je hatte, mit absolut hochwertigen Produkten. Nur das Wettkampfmaterial war eben nicht konkurrenzfähig“, sagt Rupprath, der beim Adidas-Konkurrenten Speedo unter Vertrag steht. „Und es geht halt nicht darum, wer die schönsten Klamotten trägt, sondern wer den schnellsten Anzug hat.“ (siehe: Sport-Kommentar: Kleider machen Sieger)

          Kopfproblem Anzug

          Das Gefühl, dass dies zuletzt nicht unbedingt die Deutschen waren, hat auch Weltrekordmann und Arena-Athlet Paul Biedermann. Man könne sicher nicht alles auf den Anzug schieben, sagt er. Aber: „Man möchte mit der Nationalmannschaft das beste Ergebnis erzielen. Wenn man dann nicht im besten Anzug schwimmen kann, ist das allein vom Kopf her ein Problem.“ Die Kurzbahn-EM sei ein gutes Sprungbrett für die Sponsorensuche, sagt Biedermann.

          Da schmerzt es auch finanziell, wenn sie so danebengeht wie in Rijeka. Das gilt auch für den Nachwuchs. „Die sind bei den deutschen Meisterschaften vor zwei Wochen noch wahnsinnige Zeiten geschwommen“, sagt Biedermann - damals in den eigenen, selbst gewählten Anzügen. Die stammten bei fast keinem der Finalteilnehmer bei den nationalen Titelkämpfen von Adidas - ein Vertrauensbeweis ganz eigener Art. Unter der Hand ist längst auch bei den Nachwuchsschwimmern heftige Kritik am vorgeschriebenen Adidas-Anzug zu hören.

          Verwunderung über Adidas-Absenz

          Ob Kopf- oder Materialsache, eines steht fest: Das Vertrauen zwischen Athleten und Ausrüster ist seit langem zerrüttet. Da passte es manchen ins Bild, dass in Rijeka kein einziger Adidas-Verteter dabei war. „Alle noch so kleinen Ausrüster waren da, nur Adidas nicht“, sagt Rupprath. „Da fragt man sich: Ist da kein Interesse da? Wollen die kein Feedback?“ Biedermann sagt: „Eine EM ist für einen Ausrüster die beste Möglichkeit, sich mit Athleten auszutauschen, sich was abzuschauen, mit offenen Augen rumzulaufen.“ Dass Adidas in Rijeka fehlte, war für ihn unverständlich. Unternehmenssprecher Brüggen sagt, die Absenz habe „interne Gründe“ gehabt.

          Für den DSV werden nach dem Aus von Adidas finanziell schwere Zeiten anbrechen. In der gegenwärtigen Krisenzeit einen lukrativen Vertragspartner zu finden, wird nicht einfach werden. Zumal die Zeit drängt und die Verhandlungsposition nach der jüngsten sportlichen Misere nicht die beste ist. So oder so: Mit der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit ist es beim DSV seit Montagabend vorbei.

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