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Schwimmen : Ende eines Jubeljahrs

Brust raus: Helge Meeuw wird nach dieser Kurzbahn-EM wieder mit freiem Oberkörper und Badehose starten Bild: dpa

Eine kurze, aber heftige Ära mit vielen Rekorden geht zu Ende: Bei der Kurzbahn-EM in Istanbul sind zum letzten Mal die Hightech-Anzüge erlaubt. Ab dem 1. Januar heißt es für die Schwimmer Meeuw und Co. wieder: Pack die Badehose ein!

          Die letzte Zuflucht war die Badehose. Mit der traten die Schwimmer Helge Meeuw und Thomas Rupprath vor einem Jahr bei der Kurzbahn-EM in Rijeka zum Finale über 50 Meter Rücken an, gegen die vollverkleidete Konkurrenz. Frust, Ärger, Verzweiflung, all das steckte in der Aktion, mit der sie gegen die Evolution der Schwimmanzüge protestierten und auch dagegen, dass die Deutschen mit ihrem Ausrüster Adidas von dieser Evolution abgehängt schienen.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Folge: Der Ausrüster kündigte seinen Millionenvertrag. Erst das Olympia-Desaster in Peking, dann das mit sechs Medaillen in Rijeka schlechteste Resultat bei einer Kurzbahn-EM und nun die finanzielle Klemme: Vor einem Jahr noch konnte man den Eindruck gewinnen, der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) stehe kurz vor dem Untergang.

          Volle Breitseite für den DSV

          An diesem Donnerstag beginnt die Kurzbahn-EM 2009 in Istanbul, und die Töne im DSV haben sich gewaltig verändert. „Wir wollen im nächsten Jahr die erfolgreichste europäische Nation im Schwimmsport werden", sagt Sportdirektor Lutz Buschkow. „Da ist die Kurzbahn-EM für uns ein wichtiger Meilenstein." Tatsächlich geriet der finanzielle Tiefschlag zum sportlichen Befreiungsschlag: Auch dank der freien Anzugwahl sammelten Biedermann und Britta Steffen 2009 Siege und Rekorde reihenweise, Athleten wie Daniela Samulski, Helge Meeuw oder zuletzt Steffen Deibler schafften den Sprung in die Weltspitze.

          Auch mit Hightech-Anzug: Anstrengend war Schwimmen trotzdem. Thomas Rupprath bei den deutschen Meisterschaften in Essen

          Der DSV erlebte ein Jubeljahr sondergleichen. Folgerichtig wollten sie nun zum Abschluss in Istanbul die Ausbeute von Rijeka verdoppeln - bevor das DSV-Team dann von „einer vollen Breitseite erwischt" wurde, so Bundestrainer Dirk Lange. Steffen Deibler und sein Bruder Markus grippekrank, Brusthoffnung Marco Koch mit Erkältung und Knieschmerzen unpässlich: Schon ist die Ausgangslage für Istanbul laut Lange nur noch „mittelprächtig" - zumal Britta Steffen aus trainingstechnischen Gründen ganz auf die Kurzbahnsaison verzichtet. So ruhen die größten Hoffnungen wieder auf Doppelweltmeister Biedermann, der über 400 und 200 Meter Freistil als Favorit antritt.

          Noch immer kein Ausrüster

          Obwohl der DSV nun eine Sportlerin des Jahres 2008 (Britta Steffen) und womöglich bald einen Sportler des Jahres 2009 (Paul Biedermann) in seinen Reihen hat, fehlt ihm eines noch immer: ein neuer Ausrüster. Und damit finanzieller Spielraum. Die Verhandlungen laufen, sagt Buschkow. Klar ist nur, dass das Erfolgsrezept freie Anzugwahl bleiben soll - „allein schon", sagt Buschkow, „weil ich den Athleten diese Argumentationsschiene nehmen will". Durch das Verbot der Plastik-Ganzkörperanzüge vom 1. Januar an wird der Einfluss des Materials ohnehin schrumpfen, auch wenn die Hersteller an die auslaufende Hightech-Ära anknüpfen wollen.

          Speedo etwa betonte bei der Präsentation seines Modells für 2010, viele Merkmale des revolutionären LZR Racers von 2008 weiterentwickelt zu haben. Die Stoffteile sind wegen des geringeren Wasserwiderstands mit Ultraschall verschweißt, eine Technik, die auch Konkurrent Blueseventy für seinen NeroTX ankündigte.

          Die letzten Rennen vor dem Revival der Badehose

          Dennoch: So gravierend wie zuletzt werden die Unterschiede durch die Beschränkungen bei Schnitt und Material nicht mehr ausfallen. Das wird nicht zuletzt der Chancengleichheit zugutekommen - und die hatten Meeuw und Rupprath mit ihrer Aktion in Rijeka 2008 ja vorrangig im Sinn. Nun treten die beiden in Istanbul zum letzten Mal in ihren Anzügen an, Rupprath als Europarekordhalter über 50 Meter Rücken, Meeuw mit der Empfehlung, am Sonntag in 49,94 Sekunden über 100 Meter Rücken erstmals offiziell die 50-Sekunden-Marke unterboten zu haben - deutscher Rekord.

          Vorausgegangen war der Bestmarke eine Geschichte, wie sie wohl nur die Anzug-Ära liefert: Beim Weltcup in Berlin Mitte November verpasste Meeuw in 51,71 Sekunden das Finale über 100 Meter Rücken - sein Anzug war gerissen. Meeuw bat darum, nach Ende der Vorläufe noch mal schwimmen zu dürfen, außer Konkurrenz. Mit intaktem Anzug. Seine Zeit: 49,94 Sekunden.

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