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Weltmeister Paltrinieri : Riesenherz auf Bahn 1

Beinahe ein Fotofinish: Florian Wellbrock (l.) gegen Gregorio Paltrinieri Bild: AFP

Alles gewagt, alles gewonnen: Wie der Italiener Gregorio Paltrinieri dem Deutschen Florian Wellbrock den WM-Titel abnimmt. Der Magdeburger zeigt sich dennoch zufrieden mit Platz drei.

          3 Min.

          Bernd Berkhahn hat Recht behalten. Gerade so. Er rechne in Budapest nicht mit einem Weltrekord, hatte der Bundestrainer vor der Abreise der Schwimmer zu den Weltmeisterschaften in der ungarischen Hauptstadt gesagt und das vor allem auf das Rennen über 1500 Meter Freistil der Männer bezogen. Bei den Europameisterschaften im August in Rom, unter freiem Himmel, sei durchaus möglich, dass der Weltrekord des Chinesen Sun Yang, den der vor zehn Jahren im Londoner Olympia-Becken aufgestellt hatte, fallen könnte.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Es gibt ja ein paar Kandidaten. Florian Wellbrock, der bei Berkhahn in Magdeburg trainiert, zum Beispiel. Wellbrock hatte vor der Weltmeisterschaft gesagt, er sei der Meinung, an Suns Bestzeit von 14:31,02 Minuten könne „langsam mal dran gerüttelt“ werden. Und es gibt den Italiener Gregorio Paltrinieri, der älter, aber nicht langsamer wird, und der in Rom schon oft sehr schnell unterwegs war. Aber ein Weltrekord in Budapest? Eher nicht.

          Am Samstagabend, als der Uhrzeiger gerade halb sieben gezeigt hatte, wendete Paltrinieri zum achtundzwanzigsten Mal. 1400 von 1500 Metern war der inzwischen 28 Jahre alte Italiener gekrault. 2015 und 2017 war Paltrinieri Weltmeister auf dieser Strecke, 2016 Olympiasieger. Aber so gut war er noch nie. Nach 1400 Metern wies die Zeitmessung für Bahn 1 aus: - 2,81 Sekunden. Beinahe drei Sekunden Vorsprung. Auf den Weltrekord.

          Dies war Paltrinieris Rennen

          Die Konkurrenz – Wellbrock, der Weltmeister von 2019, der amerikanische Olympiasieger von Tokio, Bobby Finke, der zweite Magdeburger Lukas Märtens und der vor dem Krieg zu Berkhahn geflüchtete Mychajlo Romantschuk – schwamm ohne Frage sehr schnell. Doch das Rennen war längst entschieden.

          Dies war Paltrinieris Rennen, vom Start bis ins Ziel. Niemand konnte das Tempo mitgehen, das er anschlug. Hinterher erzählte Paltrinieri, er habe die Zuschauer aus dem Becken ganz nah gesehen, die italienische Mannschaft, die schier aus dem Häuschen war, bei der Show, die ihr Kollege bot. „Sie haben mich so angefeuert, ich konnte ja gar nicht langsamer schwimmen“, sagte Paltrinieri anschließend. Schon nach 200 Metern hatte er mehr als eine Sekunde Vorsprung, zur Hälfte des Rennen waren es beinahe vier, nach 900 Metern fast fünf Sekunden. Alles gewagt. Alles gewonnen. Nur den Weltrekord nicht, Gregorio Paltrinieri kam nach 14:32,80 Minuten ins Ziel. Schneller war ein Europäer nie.

          Es war Paltrinieris Rennen: „Sie haben mich so angefeuert, ich konnte ja gar nicht langsamer schwimmen“
          Es war Paltrinieris Rennen: „Sie haben mich so angefeuert, ich konnte ja gar nicht langsamer schwimmen“ : Bild: AFP

          Sun Yang, der Chinese, war in London 2012 phänomenal schnell auf den letzten hundert Metern. Zum vollständigen Bild gehört, dass Sun derzeit seine Sperre von vier Jahren und drei Monaten absitzt, nachdem er 2018 eine Doping-Probe verweigert hatte.

          Paltrinieris beeindruckende Flucht nach vorn reichte für 3,90 Sekunden Vorsprung nach 30 Bahnen auf Finke, der Zweiter wurde, 4,14 auf Wellbrock, als Dritter im Ziel, Märtens wurde Vierter, Romantschuk Fünfter. Wellbrock, der vor dem Rennen den Anspruch Gold formuliert hatte und als Vorlaufschnellster auf Bahn vier schwamm, wollte mit dem dritten Platz nicht unzufrieden sein. „Bei einer Weltmeisterschaft, gerade bei diesem Feld, ist es nie eine Selbstverständlichkeit, aufs Podium zu kommen.“ Paltrinieri sei nicht zu schlagen gewesen, sagte Wellbrock und Finke zeigte dem Deutschen wie in Tokio und wie beim 800-Meter-Rennen in Budapest, dass er den besseren Schlussspurt hat.

          Trainer Berkhahn war nicht ganz zufrieden. Wellbrock sei „wieder etwas zu schüchtern losgeschwommen“, sagte er dem Sportinformationsdienst. „Er kam raus aus dem Wasser und hat gesagt: Ich habe mich nicht ganz ausgelastet und könnte jetzt weiterschwimmen. Gregorio schwimmt mit einem Riesenherzen, da sind die Jungen immer noch ein bisschen zu verhalten.“

          Viermal waren deutsche Schwimmer Teilnehmer an Siegerehrungen der Beckenwettbewerbe in Budapest, das ist eine bessere Bilanz als bei den letzten Weltmeisterschaften vor drei Jahren, als es drei Medaillen für den Deutschen Schwimm-Verband gab. Den Bundestrainer stellt das „sehr zufrieden“, Berkhahn sagte über seine zehn WM-Schwimmer, das Team sei „einfach großartig“ gewesen, „alles“ habe gepasst. Am letzten Tag der Beckenwettbewerbe waren Anna Elendt (Fünfte über 50 Meter Brust) und Ole Braunschweig (Siebter über 50 Meter Rücken) in Einzelfinals gestartet, die Lagenstaffel der Männer schwamm auf Platz sechs.

          Deutsche Schwimmer nur erweitere Weltspitze

          Alles gute Gründe für Berkhahns zufriedene Bilanz, doch der Bundestrainer weiß, dass die besten deutschen Schwimmer in der Mehrzahl zur erweiterten, aber nicht zur absoluten Weltspitze gehören. Auch in den kommenden Jahren werden deutsche Medaillen rar bleiben. Neben Wellbrock sind Märtens, der Zweiter über 400 Meter Freistil wurde, und Elendt, Zweite über 100 Meter Brust, auf dem richtigen Weg; als Nachwuchsstars dieser Weltmeisterschaften aber haben sich andere einen Namen gemacht, die 15 Jahre alte Kanadierin Summer McIntosh mit ihren zwei Siegen, der Rumäne David Popovici, 17, auch zwei Mal Weltmeister und die Italienerin Benedetta Pilato, die Elendt über 100 Meter Brust knapp geschlagen hatte.

          Sarah Wellbrock wird nach abgelegtem Jura-Staatsexamen den Anspruch haben, in die Weltspitze zurückzukehren – mit der Einschränkung, dass Katie Ledecky auch in Budapest gezeigt hat, dass sie die Weltspitze auf den langen Freistilstrecken als sehr eigene Kategorie definiert. Mit 25 Jahren ist Ledecky inzwischen zu 14 WM-Titeln auf Einzelstrecken geschwommen. Über 800 (mehr als zehn Sekunden) und 1500 Meter Freistil (mehr als 14 Sekunden) gewann sie mit so viel Vorsprung, dass sie Paltrinieris Sieg vom Samstag wie ein Fotofinish wirken lassen.

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