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Ärger bei Schwimm-WM : „Das ist eine Frechheit, ein Schlag ins Gesicht“

  • -Aktualisiert am

Sun Yang steht bei der Schwimm-WM im Mittelpunkt. Bild: Reuters

Der Chinese Sun Yang steht unter Doping-Verdacht. Eine Probe soll mit einem Hammer zerstört worden sein. Bei der WM darf er dennoch Gold gewinnen. Nun redet sich ein Deutscher seinen ganzen Frust von der Seele.

          Adam Peaty lächelt in die Kamera, rechts neben ihm sein britischer Teamkollege James Wilby, an seiner linken Seite Zibei Yan aus China. Der inszenierte Höhepunkt einer Siegerehrung, wie man es schon so oft gesehen hat bei einer Schwimm-Weltmeisterschaft. Einmal in die Medaillen beißen, bitte! Und doch ist bei dieser WM 2019 im koreanischen Gwangju nichts mehr, wie es einmal war bei diesem Sportevent, das stets Geschichten von spannenden Duellen, emotionalen Siegen und dramatischen Niederlagen geliefert hat, alles schön bunt verpackt und frei von Kontroversen. Denn da hatte es ja dieses andere Foto gegeben.

          Es war Tag eins nach dem stillen Protest von Mack Horton. Der Australier hatte bei der ersten Siegerehrung dieser WM am Sonntag den Schritt aufs Podest und ein gemeinsames Foto mit dem 400-Meter-Freistil-Weltmeister Sun Yang verweigert. Der Weltverband Fina hatte den vorbelasteten Chinesen im Fall um eine offenbar durch einen Sicherheitsmann mit einem Hammer zerstörte Doping-Probe freigesprochen. Dagegen hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada vor dem Sportgerichtshof Cas Einspruch eingelegt. Allerdings hatten weder Fina noch Wada noch der Schwimmer selbst einen Antrag auf ein beschleunigtes Verfahren gestellt, sodass der Fall erst im September verhandelt wird – und damit eben nach der WM.

          Athleten stehen hinter Horton

          Jacob Heidtmann hat sich tags darauf klar hinter Horton gestellt. „Ich bin froh, dass endlich mal jemand ein Zeichen gesetzt hat. Dass der hier schwimmt, ist eine Frechheit gegenüber allen anderen sauberen Athleten. Für jeden, der für sauberen Sport einsteht, ist es ein Schlag ins Gesicht“, sagte der Athletensprecher der deutschen Schwimmer. „Ich hoffe, dass jetzt das Zeichen ausreicht, damit die Fina einsieht, dass der nie wieder auf dieser Bühne stehen darf.“ Der 24-Jährige erzählt zudem von „mega Applaus“, als der Australier am Abend nach seiner Sieger-Nichtehrung die Sportlermensa betrat. „Es war wirklich gut zu sehen, dass die Athleten gemeinsam hinter ihm stehen und ihn unterstützen“, sagte die Amerikanerin Lilly King zu dieser Aktion. Sie selbst hatte bereits zuvor die Fina für ihre starfreundliche Anti-Doping-Politik angezählt. Nun wiederholte die Olympiasiegerin über 100 Meter Brust ihre Kritik: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand von der Fina sich für die Athleten starkmachen wird. Also müssen die Athleten für sich selbst einstehen.“

          Doch es gibt auch andere Stimmen. Richard Ings, ehemaliger Chef der Australischen Anti-Doing-Agentur Asada etwa sprach sich auf Twitter für eine „saftige Geldstrafe“ gegen Horton aus: „Ich bin kein Fan von Sun Yang, aber er hat seine Sperre abgesessen, wurde nun von der Fina freigesprochen. Unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Das ist kein besonders kompliziertes Konzept.“ Ein wieder anderes Licht warf Gabrielle Detti auf die Situation. Der Bronzemedaillengewinner in eben jenem Rennen erzählte, dass Horton ihm von seinem Plan erzählt und ihn gefragt habe, ob er mitmachen werde. „Ich habe ihm gesagt, ich unterstütze ihn und was er tut, aber ich habe zu hart für diesen Moment gearbeitet.“ Er sei ein bisschen enttäuscht gewesen, dass Hortons stiller Protest diesen Augenblick für ihn übertönt habe, immerhin gäbe es für ihn nur „ganz wenige Momente zu glänzen“.

          Peaty hält sich raus

          Wer sich komplett, raushält ist Peaty. Der stets Fina-kritische Athlet lässt in der Regel keine Gelegenheit aus, mehr Respekt für die Sportler und eine harte Strafverfolgung von Doping-Betrügern zu fordern. Noch vor der WM hatte der Superstar auf den kurzen Bruststrecken gefordert, es brauche mehr Athleten, um mehr Druck auf die Verantwortlichen ausüben zu können. Nun, da sich seine Forderung erfüllt hat, zieht er sich auf sich und seine Rennen zurück. Selbst, nachdem er in einem beeindruckenden Halbfinale erstmals die von ihm seit seinem Olympiasieg 2016 angestrebte 56-Sekunden-Marke über 100 Meter Brust geknackt und sich tags darauf zum dritten Mal zum Weltmeister über diese Distanz gekürt hatte, wiederholte der 24-Jährige abermals, was er schon vor Hortons Protest gesagt hatte: Er werde sich auf sich und seine Rennen konzentrieren. Offenbar ist dies auch eine Vorgabe des Britischen Schwimmverbands für Meisterschaften: Wenn ihr mit dem Team unterwegs seid, äußert ihr euch nur zu euren eigenen Leistungen.

          Woher diese Regelung kommen könnte, zeigt eine Erklärung, die die Fina 24 Stunden nach dem Vorfall veröffentlichte. Darin teilte der Verband mit, er werde eine Verwarnung an den Australischen Schwimmverband und Horton senden. Während man „das Prinzip der Redefreiheit respektiert“, müsse dies doch im richtigen Kontext ausgeübt werden. Der Verband verwies darauf, dass sich – „wie in allen großen Sportverbänden üblich“ – Athleten und Stab bewusst seien, dass die Fina-Regularien respektiert werden müssten und „dass Fina-Events nicht genutzt werden sollten, um persönliche Aussagen oder Gesten zu machen“. Die Verantwortlichen werden es nicht gerne gehört und gelesen haben, das Hortons Aktion so breite Unterstützung unter den Athleten gefunden hat.

          Für Lilly King war dies „definitiv ein Start“. Die Amerikanerin hat sich am Montagabend als zweitschnellste Schwimmerin für das Finale über 100 Meter Brust am Dienstag qualifiziert. Schneller war nur Julia Jefimowa, jene Russin, die ebenfalls bereits wegen Dopings gesperrt wurde und die King bei den Olympischen Spielen von Rio 2016 in einem viel beachteten Showdown geschlagen hatte. Ihren Erfolg feierte die damals 19-Jährige als „Sieg für den sauberen Sport“. Und eine ganze Mensa voller Sportler wartet darauf, wie sich King diesmal verhalten wird.

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