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Schwimm-WM in Barcelona : Der lange Weg zurück

Sie startet, sie startet nicht: Britta Steffen sorgt für Fragezeichen im deutschen Team Bild: dpa

Der Bundestrainer der Schwimmer muss einen delikaten Balanceakt bewältigen. Barcelona wird für viele im deutschen Team eine WM zum Lernen sein. Medaillenhoffnungen gibt es derzeit kaum.

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          Es regnet ja geradezu Medaillen auf die deutschen Schwimmer in diesen Tagen, der Eindruck jedenfalls drängt sich auf: Gold, Silber, Bronze, kaum ein Tag verging ohne Erfolgsmeldungen in der ersten Woche der Schwimm-WM in Barcelona. Die Ausbeute ist beeindruckend und die WM noch lange nicht vorbei - im Gegenteil: Die prestigeträchtigsten Wettbewerbe, die der Beckenschwimmer, beginnen an diesem Sonntag.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Genau die aber machen dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) seit längerem mächtig Sorgen. Ein Jahr ist es nun her, dass die deutschen Beckenschwimmer ohne Medaille von den Olympischen Spielen in London heimkehrten - ein Tiefschlag mit hoher Symbolwirkung. Inzwischen haben die Schwimmer einen neuen Chef-Bundestrainer, Henning Lambertz, und mit ihm verbunden sind neue Hoffnungen, neue Erwartungen. Doch Lambertz weiß sehr genau, dass seinen Schwimmern eine schwierige WM bevorsteht.

          „Unser Team besteht zu 90 Prozent aus denen, die im Jahr zuvor die DSV-Kappe getragen haben“, sagt er. „Da ist es doch logisch, dass nicht plötzlich Medaillen nur so purzeln können.“ Zumal unter den zehn Prozent Neuerungen auch drei prominente Abwesende zu finden sind: Der Rückenspezialist Helge Meeuw hat seine Karriere beendet, Freistilschwimmerin Silke Lippok fehlt aus Verletzungsgründen, und Weltrekordhalter Paul Biedermann hat gleich die gesamte WM-Saison drangegeben, weil er nach einem Infekt nicht rechtzeitig wieder in Fahrt kam.

          So findet sich Lambertz in einer heiklen Situation wieder: Gerade erst hat er es geschafft, die Schwimmer aus der post-olympischen Tristesse zu reißen, eine Art neue Aufbruchstimmung zu schaffen, dank seiner positiven Art, seiner neuen Ideen, seines Teamgeists - und dank der Leistungen bei den deutschen Meisterschaften im April in Berlin, wo eine Reihe junger Athleten auf sich aufmerksam machte.

          Die langen Diskussionen um die Doppel-Olympiasiegerin von 2008 sind verwirrend
          Die langen Diskussionen um die Doppel-Olympiasiegerin von 2008 sind verwirrend : Bild: dpa

          Nun aber gilt es in Barcelona, diese Leistungen gegen die Besten der Welt zu bestätigen, sie an internationalem Spitzenniveau zu messen - und das ist in manchen Fällen ziemlich weit enteilt. So muss Lambertz einen delikaten Balanceakt bewältigen: einerseits das zarte Pflänzchen der neuen Zuversicht, des neuen Optimismus am Leben halten, andererseits allzu großen Erwartungen gleich mal vorbauen.

          Als Konsequenz daraus enthält sich der Chef-Bundestrainer einer Medaillenprognose für die WM. Er formuliert seine Ziele anders. In Barcelona gehe es für seine Schwimmer vor allem darum, „60 bis 70 Prozent der Leistungen aus Berlin beim Jahreshöhepunkt noch mal zu steigern“. Lambertz will, dass seine Athleten mehr auf sich schauen und weniger auf ihre Gegner, dass sie „mit viel Spaß und Freude an ihren Bestzeiten nagen“.

          „Wir möchten hier den ersten Schritt Richtung 2016 und 2020 machen“: Bundestrainer Henning Lambertz
          „Wir möchten hier den ersten Schritt Richtung 2016 und 2020 machen“: Bundestrainer Henning Lambertz : Bild: dpa

          Auch wenn diese Bestzeiten das Aus nach Vorlauf oder Halbfinale bedeuten könnten. „Schaffen wir das, haben wir für den Anfang einen guten Job gemacht. Wenn wir es Jahr für Jahr so weiter tun, werden wir unter den Schwimmnationen nach oben zurückkehren.“ Man kann das auch anders formulieren, negativer: Die Vorhersage für einen weiteren Medaillenregen in den Beckenwettbewerben ist erst mal schlecht.

          Barcelona wird für viele im deutschen Team eine WM zum Lernen sein. Umso stärker konzentrieren sich die Hoffnungen auf die wenigen verbliebenen Medaillenkandidaten: auf die Brüder Steffen und Markus Deibler, auf das Brust-Duo Marco Koch und Christian vom Lehn oder auch auf Freistilsprinterin Dorothea Brandt. Und natürlich: auf Britta Steffen. Eigentlich.

          Ruhe und Sicherheit verschafft Britta Steffen dem jungen Team nicht
          Ruhe und Sicherheit verschafft Britta Steffen dem jungen Team nicht : Bild: REUTERS

          Bis zu der leidigen Kontroverse um ihren Start über 50 Meter Freistil jedenfalls, die mit ihrem Nichtstart endete, und mit der fortgesetzten Nichtkommunikation über die Gründe dafür - all das in einer Situation, in der gerade eine erfahrene Spitzenschwimmerin wie die Doppel-Olympiasiegerin 2008 in Peking dem jungen Team etwas Ruhe und Sicherheit hätte verschaffen können.

          So ist also Geduld gefragt. Das Team zeigt vielversprechende Ansätze, sportlich wie atmosphärisch. Zuletzt feuerte es im Hafen von Barcelona lautstark und fast geschlossen die Freiwasserschwimmer an, mit Erfolg. „Aus dieser Energie, die in der Mannschaft da ist, kann man viel mitnehmen für sich selbst“, sagt die langjährige Aktivensprecherin Dorothea Brandt.

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          Und auch Steffen Deibler hat festgestellt: „Das Team nimmt die neuen Initiativen von Henning Lambertz an, das wäre bei den Mannschaften in den letzten Jahren nicht immer so der Fall gewesen.“ Damit gewinnt man noch keine Medaillen, das ist auch Lambertz klar. Noch nicht jedenfalls. „Wir möchten hier den ersten Schritt Richtung 2016 und 2020 machen“, sagt er. Den ersten Schritt dorthin, „wo wir hinwollen: zurück in die Weltspitze“.

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