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Schwimm-WM : Deutsche Rückkehr in den erlauchten Kreis

Einfach goldig: Paul Biedermann bringt aus Rom zwei Goldmedaillen mit nach Deutschland Bild: dpa

Für die deutschen Schwimmer lief die WM, als hätten sie die Dramaturgie mit entworfen: neun Medaillen, sechs Weltrekorde. Die Gefahr, dass die Erfolge nach der Änderung der Kleiderordnung ausbleiben könnten, sehen die Trainer nicht.

          Es war die letzte Siegerehrung bei der Weltmeisterschaft in Rom, und sie geriet für die Athleten des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), die in den Tagen zuvor im Foro Italico schon so positiv überrascht hatten, noch einmal zu einem emotionalen Höhepunkt. Fast wirkte es, als hätte der DSV die Dramaturgie dieser Titelkämpfe selbst mit entworfen: Am ersten Tag der Schwimmwettkämpfe gab es Gold für Paul Biedermann über 400 Meter Freistil und Silber für die 4-mal-100-Meter-Freistilstaffel der Frauen (siehe auch: Schwimm-WM: Zwei Weltrekorde, aber nur ein Titel), zum Abschluss am Sonntagabend Gold für Britta Steffen über 50 Meter Freistil und Silber für die 4-mal-100-Meter-Lagenstaffel der Männer (siehe auch: Schwimm-WM: Steffen holt auch Gold über 50 Meter).

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          So wie die vier DSV-Athleten oben auf dem Podium standen – Helge Meeuw, Hendrik Feldwehr, Benjamin Starke und Paul Biedermann –, noch vor den Australiern und geschlagen nur von der amerikanischen Weltrekordstaffel um Michael Phelps, da verkörperten sie perfekt das Fazit der WM, das Bundestrainer Dirk Lange zuvor schon gezogen hatte: „Wir sind wieder aufgenommen in den erlauchten Kreis der Schwimm-Nationen.“

          Auch für Doppel-Weltmeister Paul Biedermann, sonst eher auf den längeren Freistilstrecken zu Hause, geriet die Lagenstaffel zum perfekten Finale einer für ihn „unvergesslichen Woche“. Eine Silbermedaille sei an sich schon eine tolle Sache, sagte Biedermann, aber: „Diese Medaille ist mir total wichtig, weil ich sie mit meinen Teamkollegen gewonnen habe.“

          Starke Männer: Michael Phelps (links) und Paul Biedermann haben nicht nur in der Lagenstaffel ihre Kräfte gemessen

          „Er hat eine Karriere ohne größere Tiefen hingelegt“

          Zu Beginn hatte sich der Frankfurter Meeuw auf der Rückenstrecke verbissen am amerikanischen Weltrekordhalter Aaron Peirsol neben ihm festgekrallt und so einen Europarekord von 52,27 Sekunden geschafft. Feldwehr verteidigte auf der Bruststrecke Rang zwei, rückte gar bis auf zwei Hundertstelsekunden an die Amerikaner heran. Dann brachte Phelps die Amerikaner entscheidend in Führung, und Schmetterlingsschwimmer Starke musste auch den Australier Andrew Lauterstein passieren lassen. Am Ende rettete Biedermann um Haaresbreite Rang zwei – in Europarekordzeit von 3:28,58 Sekunden. „Es war meine erste internationale Medaille“, sagte der 22 Jahre alte Feldwehr, „ich hätte nicht gedacht, dass wir das tatsächlich schaffen könnten.“

          Auch Britta Steffen hatte das Comeback der deutschen Männer, die bei den Olympischen Spielen in Peking in der Mehrzahl noch untergegangen waren, schwer imponiert – besonders die Leistung jenes Athleten, der mit ihr laut DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow Identifikationsfigur und Vorbild für die deutschen Schwimmer sein soll: Paul Biedermann. „Paul ist ein beeindruckender Typ“, sagte Britta Steffen. „Er hat eine Karriere ohne größere Tiefen hingelegt.“

          Anders als die Berlinerin selbst. Sie habe „jahrelang einstecken müssen“, sagte Britta Steffen, bis sie nun, spätestens mit der WM in Rom, ihre Erfüllung im Schwimmsport gefunden habe. „Sie ist eine unglaubliche Athletin“, sagte die 42 Jahre alte Amerikanerin Dara Torres, die im 50-Meter-Finale bei Steffens Sieg in Weltrekordzeit von 23,73 Sekunden Achte wurde. „Ihr Rekord wird für lange, lange Zeit bestehen.“ Mit dem zweiten Gold der Berlinerin kamen die deutschen Beckenschwimmer in Rom auf insgesamt neun WM-Medaillen. Von den 43 Weltrekorden, die bei den Titelkämpfen erzielt wurden, gingen sechs auf das Konto von DSV-Athleten.

          Neue Regeln sollen Deutsche nicht aus der Bahn bringen

          Mit diesen Zahlen im Rücken geht die DSV-Führung auch die offenen Fragen zur Zukunft der Schwimmer mit viel Zuversicht an. Da ist zum einen das Problem des Teamausrüsters. Für die WM hatte der DSV seinen Athleten freie Anzugwahl gewährt, was sportlich zum Volltreffer geriet, finanziell aber eine Belastung ist. So strebt Buschkow ein „Poolsystem“ an, an dem sich drei oder vier Ausrüster beteiligen sollen, unter denen die Sportler wählen könnten. Mit einer endgültigen Lösung will der DSV warten, bis der Weltverband (Fina) die genauen Details der von 1. Januar 2010 erlaubten Anzüge festgelegt hat.

          Die Gefahr, dass die DSV-Schwimmer durch die Regeländerungen aus der Bahn geraten könnten, wie von manchen Beobachtern bei der WM gemutmaßt, sehen die DSV-Trainer nicht. Zum einen, so Bundestrainer Dirk Lange, weil die Deutschen nicht die Einzigen gewesen seien, die in Rom die Vorteile der High-Tech-Anzüge genutzt hätten. Und zum anderen, weil „die Sportler normalerweise sowieso ohne die Anzüge trainieren. Das wird keine neue Situation für sie sein“, sagte Lange.

          „Ich kann es kaum erwarten, ins Training zurückzukehren“

          Auch Britta Steffens Trainer Norbert Warnatzsch gibt sich gelassen. „Die grundsätzlichen Dinge bleiben die gleichen“, sagte er. „Wir haben ja vorher schon ganz ähnlich gearbeitet.“ Tatsächlich werden die Einschränkungen bei den Anzügen wohl eher kraftbetonten Schwimmern zu schaffen machen. Durch den Auftrieb, den die High-Tech-Anzüge verschaffen, konnten sie zuletzt leichter volle Kraft voraus gehen. Nun wird auch der individuellen Wasserlage des Schwimmers wieder größere Bedeutung zukommen.

          Britta Steffen kann die neue Ära gelassen angehen. Sie hat in Peking bewiesen, dass sie die Weltspitze auch ohne High-Tech-Anzug schlagen kann. Nun aber freut sie sich erst mal auf den vierwöchigen Australien-Aufenthalt, den sie für Mitte September plant. Dort will sie in Brisbane mit Jungstar Cate Campbell trainieren. Die Australierin gewann im 50-Meter-Freistilrennen in Rom Bronze – mit 17 Jahren.

          Obwohl sie kräftemäßig noch große Reserven habe, „schwimmt sie schon toll“, sagt Britta Steffen. Auf dem Trip nach Australien will sie vor allem lernen, mehr erfahren über das Training der Australier, aber auch das Land, die Menschen und die Sprache besser kennenlernen. Was sie da erwartet, ließ sich aus Cate Campbells Worten nach dem 50-Meter-Finale in Rom schon erahnen. „Ich bewundere Britta Steffen sehr“, sagte sie. „Ich kann es kaum erwarten, ins Training zurückzukehren, um wieder gegen sie zu schwimmen.“

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