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Schwimm-WM : Der amerikanische Franzose Agnel

Ganz schön schnell: Yannick Agnel krault zu Gold Bild: AFP

Cool bleiben, relaxed sein, Spaß haben - mit der in Baltimore verinnerlichten Erfolgsformel ist Yannick Agnel auch bei der Schwimm-WM in Barcelona erfolgreich.

          3 Min.

          Es ist ja nicht immer das allereinfachste Verhältnis, das Amerikaner und Franzosen zueinander pflegen. Man muss da gar nicht zurückgehen auf die „freedom fries“, die Freiheits-Fritten, die die Amerikaner vor Jahren erfanden, weil ihnen auf die bis dato gängigen „french fries“ wegen transatlantischer Verwerfungen der Appetit vergangen war.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein Blick auf den Schwimmsport genügt. Da flogen bei Olympia 2008 in Peking vor der prestigeträchtigen Freistil-Sprintstaffel deftige Sticheleien hin und her, ehe der amerikanische Schlussschwimmer Jason Lezak in einem der packendsten Finalrennen der Schwimmgeschichte dem französischen Favoriten Alain Bernard auf der letzten Bahn noch Gold wegschnappte - was die Kollegen mit einer testosteronseligen Jubelshow feierten. Vier Jahre später in London hatten dann die Franzosen die Nase vorn, wie nun auch wieder bei der WM in Barcelona.

          Mitten in die liebevoll gepflegte Rivalität platzt jetzt das Drama um Yannick Agnel. Der 21 Jahre alte, 2,02 Meter große Agnel ist Frankreichs Freistilstar: Er gewann das wohl am besten besetzte olympische Finale in London, die 200 Meter Freistil, und er sicherte dort der Freistilstaffel als Schlussschwimmer Olympia-Gold. Nun, in Barcelona, wurde er am Dienstagabend Weltmeister über 200 Meter Freistil, in 1:44,20 Minuten, mit mehr als einer Sekunde Vorsprung. Ein Triumph. Große Genugtuung also in der Schwimm-Nation Frankreich? Keineswegs. Yannick Agnel ist seinem Land von der Fahne gegangen.

          Zu ernsthaft?

          Vor gut zwei Monaten wurde bekannt, dass Agnel sich im Ausland auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro vorbereiten wird. In den Vereinigten Staaten. In Baltimore. Bei Bob Bowman, dem ehemaligen Trainer des Superstars Michael Phelps. Agnels alter Coach Fabrice Pellerin wurde von dem Entschluss kalt erwischt. „Wir waren am Ende unserer Beziehung angekommen, wir hatten einen ,point of no return’ erreicht“, begründete Agnel den Schritt. Und scheute sich nicht, noch deutlicher zu werden. Er kritisierte Pellerins Distanz zu seinen Athleten und sagte, er wolle bei Bowman finden, was ihm bei Pellerin fehlte: Wärme, Miteinander, Aufrichtigkeit. Das saß.

          “Vielleicht waren wir in den letzten Jahren in Frankreich einfach zu ernsthaft“, sagte Agnel am Dienstagabend. „Ich wollte das hier vor allem genießen, Spaß haben, wollte schnell sein und dann schauen, was passiert.“ Das klingt vertraut. Und das ist kein Zufall. Cool bleiben, relaxed sein, Spaß haben, das sind die klassischen amerikanischen Erfolgsformeln im Schwimmsport, wie sie etwa auch die 16 Jahre alte Katie Ledecky am Dienstagabend bei ihrem verblüffenden Weltrekord über 1500 Meter Freistil in 15:36,53 Minuten wieder in die Tat umsetzte. Agnel hat diesen „American way“ perfekt verinnerlicht - im Denken, im Reden, im Auftreten.

          Verdienter Lohn: Agnel mit Gold und den Geschlagenen Conor Dwyer (l.) und Danila Izotov

          Idealbild dieser unerschütterlich positiven Art ist für ihn Missy Franklin, Dreifach-Weltmeisterin in Barcelona. „Wenn ich sie sehe, denke ich immer: Gib mir was von deiner Energie ab“, sagt Agnel. Diese Energie, das Lachen, der Spaß an der Sache - „das ist meine Philosophie des Schwimmsports, das ist es, wie ich diesen Sport verstehe“, sagt Agnel. Eigentlich war da kaum noch zu unterscheiden, ob da nun ein amerikanischer Franzose saß oder schon ein französischer Amerikaner.

          Der Unschlagbare

          Perfekt wurde der Sieg über 200 Meter Freistil für Agnel durch den zweiten Platz von Conor Dwyer. Der 24 Jahre alte Amerikaner ist seit kurzem sein Trainingspartner in der Gruppe Bowman. „Das ist ein großartiger Start für das neue Abenteuer mit Bob“, sagte der schlaksige Riese. Und noch ein Dritter war beim Doppelerfolg der Bowman-Boys im Bunde: Michael Phelps höchstpersönlich. „Er hat mir gestern eine SMS geschickt, in der er mir gesagt hat: Geh in 51 Sekunden an, und schwimm das Rennen nach Hause, wie du es noch nie nach Hause geschwommen hast“, sagte Dwyer - mit besten Grüßen vom größten Schwimmer der Geschichte.

          Als Inspiration hat sich Dwyer, seit zwei Monaten Zimmernachbar Michaels des Großen, vor dem Rennen noch eine Aufzeichnung von Phelps’ 200-Meter-Freistil-Wettkampf bei den Spielen 2008 in Peking angeschaut. „Es war sein bestes Rennen, das er je geschwommen ist, wie er sagt“, so Dwyer. „Das hat mir sehr geholfen.“ Es ist also wohl noch viel zu erwarten in den nächsten Jahren von Bowmans neuem Duo.

          Agnel mag sich in Frankreich nicht viele Freunde gemacht haben mit seinem Sprung über den Atlantik - sportlich scheint er ihn schon jetzt zu beflügeln. „Ich hatte in diesem Jahr eine harte Saison, es war alles ein bisschen chaotisch“, sagte Agnel. Nun aber scheinen die Dinge in bester Ordnung. „Bob Bowman ist ein großartiger Trainer und ein großartiger Mensch“, schwärmt er. „Das Team ist gut, die Bedingungen sind gut, die Trainingseinheiten sind gut. Mehr braucht es nicht, um gute Leistungen zu zeigen.“ Agnels neuen Anfang wird auch Paul Biedermann, der Weltrekordhalter über 200 Meter Freistil, mit Interesse verfolgt haben. In Frankreich taten sie das sowieso. „L’Invincible“ titelte die Sportzeitung „L’Equipe“ am Mittwoch: Der Unschlagbare.

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